HMD 205, 36. Jahrgang, Februar 1999
Multimediale Bildungssysteme
Herausgeber: Rolf M. Katzsch
Dieses Heft ist nicht mehr lieferbar. Eine Neuauflage ist nicht geplant.
HMD 205, 36. Jahrgang, Februar 1999
Dieses Heft ist nicht mehr lieferbar. Eine Neuauflage ist nicht geplant.
Einwurf
von Roswitha R. Kortheuer
Multimedia - Survival Kit für die Zukunft. Mit eingebautem Kompaß ohne mißweisende Richtung. Mit Umkehrstopper ohne Warnhinweis. Mit Selbstzünd-mechanismus ohne Schleudersitz. Aber mit einer siliconisierten Fata Morgana vor Augen, der den Zauderern und Zagern der Gegenwart das berufliche Rosenbett der Zukunft verspricht. Das Vehikel dahin ist Multimedia.
Und das ist was für Profis. Diese Profis bringen das Kunststück fertig, eine Verpackung aus Bild, Ton und Sprache zu schaffen, die dann ein anderer Profi mit Inhalt füllt. Das "Gewaltige" daran ist ja die Kombination aus Know-how und Know-why. Nicht nur "Wie sage ich es meinem Kinde?" sondern "Warum sage ich es meinem Kinde?" Letzteres ist die Umgehung der Erfolgsstraßenverengung durch Versuch und Irrtum. Lehren heißt hier nicht: "Versuchs halt mal, wirst schon sehen." Sondern: Da geht's lang! Und wer - bitte schön - weiß schon immer ganz genau und zu jeder Zeit, wo's lang geht
Na, auf jeden Fall - wenn man den Multimedien glaubt - geht es erstmal weg von Kleinkleckersdorf zur Weltmetropole, d.h. vom lokalen Denken zum globalen Handeln - also eine Kehrtwendung von Spot zum Space. Bleibt zu hoffen, daß "7 of 9" (Superbody vom Raumschiff VOYAGER) das nicht wieder kommentiert mit ihrem unnachahmlichen "Irrelevant".
Wie dem auch sei. Bringen wir dieses Local-Global-Spot-Space Puzzle mal an den Place of Action, sprich: Arbeitsplatz. (Zenzis Almkühe und Fietes Fischkutter lassen wir mal weg, denn ich denke, daß "Melken" nicht an einer virtuellen, sondern an einer veritablen Kuh erklärt werden muß. Und der Bildschirm wird auch Fiete kaum richtig beibringen können, wie man den Fisch ausnimmt, ohne daß ihm dieses glitschige Ding aus den Händen flutscht.) Es gibt ja auch Arbeiter, die nicht mit den Händen arbeiten, sondern mit dem Kopf (mit Inhalt, wenn möglich). Diese teilen sich auf in die Eggheads, das sind die Großkopferten, die anordnen, was ihre Stützpfeiler zu lernen haben. Und die Eierbecher dazu, die lernen müssen, wie man als Stützpfeiler fungiert. Natürlich geht das nicht ohne Motivation. Motivation heißt ja so etwas wie "Selbstantrieb". Aktiv werden, weil man das gut findet. Weil man was erkennt, das Erkannte begreift und das Begriffene zu eigen macht. Dies wiederum erfordert Motivatoren, die Theorie und Praxis in ausgewogener Weise miteinander verbinden und das Wissen um das eigene Empfinden umsetzen können in die beabsichtigte Reaktion des Anderen.
Schauen Sie mal auf die (Stopp-)Uhr. Lesen Sie den letzten Satz noch einmal und sehen Sie, wie lange das Lesen gedauert hat. Sekunden! Dies umzusetzen aber dauert Monate. Anhand dieses winzigen Beispiels können Sie bereits sehen, warum man immer und immer wieder darüber reden muß, bis endlich was geschieht, und bis endlich etwas "Umwerfendes" geschieht. Multimedia ist so ein Zeitraffer, so ein umgekehrtes Fernglas, ein Schlagwort, das erst für wenige Auserwählte zum Alltagswerkzeug geworden ist.
Eigentlich ist Multimedia etwas für Think-Pools, nichts für Geistessingles, es sei denn, diese hüpfen in den Pool und schieben als hochaktive Pool-Planscher eine zukunftsformende Bildungsbugwelle über den Rand des Kreativitätstümpels hinaus, die dann die staubtrockene Unter-100IQ-Welt bewässert. Ob der Wassertropfen erkennt, daß aus ihm das Meer besteht? Ob das Sandkorn weiß, daß es keine Wüste gäbe ohne es?
Die Antworten auf solche Fragen werden multimedial verpackt und in Form von Bildungs- und Selbstbildungspaketen an den Wassertropfen und das Sandkorn verschickt. Der Versender kennt das Meer. Er kennt auch die Wüste. Aber er muß auch den Wassertropfen und das Sandkorn kennen, um nicht nur irgendeinen Weg zu weisen, sondern die Direttissima. Sonst fällt der Wassertropfen in die Wüste und das Sandkorn ins Meer.
Glücklicherweise machen sich viele viele Köpfe (mit Inhalt) Gedanken über Bildung und Bildungsniveau, überwiegend jedoch aus kommerzieller Sicht. Sie berücksichtigen Lernverhalten, Lerntempo und Lernwille und wissen um die Triebkraft, die "Spaß an der Freude" auslöst. Deshalb verbinden sie Ausbildung mit Unterhaltung und nennen den dafür geschaffenen Profi einen "Edutainer". Kommerzielle Bildungsaktivitäten alleine, sind nicht das Gelbe vom Ei. Sie müssen auch wirtschaftlich sein. Dazu braucht man natürlich wieder einen Profi, nämlich den "Bildungsökonom". Vielleicht macht sich dieser den Leitspruch des berühmten Zeichners Gulbrandsson zunutze, der da sagte: Zeichnen heißt Weglassen. Kommerzielle, ökonomische Bildung wäre dann also der "Punkt ohne Komma". Womit wir wieder auf dem Punkt sind. Ganz viele Punkte, ergeben ein Bild. Weiß der Punkt, daß er ein Bild ergeben soll?
Weiß er nicht. Kann man ihm aber beibringen. Wofür gibt es Multimedia? Multimedia - also das Paket aus Bild, Ton, Musik und Inhalt, geht an den Arbeitsplatz, in die Wohnzimmerecke, wo der Fernseher steht, oder in ein Klassenzimmer. "Schüler ans Netz!", jetzt mit neuer Rangordnung. Vorher: Lehrer - Schüler - Lehrstoff. Heute: Lehrstoff - Schüler - Beiboot.
Priorität hat also der Lehrstoff = Lerninhalt, also das, was gut ist fürs Business. Die Multiplikation des Guten fürs Business läuft über den Fernseher. Klar, daß die moderne Sprachaskese daraus ein "Business-TV" macht. Schlicht und klar. Punkt ohne Komma. Damit die eigene Kasse und die des Unternehmens klingelt - lokal wie global.
Der Auftraggeber ist das Unternehmen, ein Tausendfüßler, der nur Speed machen kann, wenn alle seine Füße auf Inline-Skatern stehen. Die Auftragnehmer sind die Profis, die die Inline-Skater liefern, und die Schüler sind die Mitarbeiter, die im Business Inline-Skatering ausgebildet werden sollen. Wenn ich bedenke, daß ich mir auch mal Inline-Skater zugelegt habe, die heute noch unbenutzt im Schrank stehen, weil ich meinem kostbaren Astralkörper keinen Schaden durch banales Hinfallen zufügen wollte, dann bewundere ich die Leute, die es fertigbringen, jemand wie mich auf solche Dinger zu bringen, und mich dann auch noch zu überzeugen, darin einen Sinn zu sehen
Zauberformel: Die "innere Einstellung" macht's. Wenn das nur so einfach wäre. Ich habe ja keine innere Einstellungsskala, deren Werte ich einfach einstellen kann. Vielmehr müssen viele viele grauen Gehirnzellen in "Habt Acht"-Stellung gebracht werden, und das solange, bis der Befehl "Rührt Euch" kommt. Und der kommt dann, wenn man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen darf, daß sich die grauen Zellen in der vorprogrammierten Weise rühren.
Die "Einstellung" hat ihre Tücken. Sie ist nicht als Jobvermittlung zu verstehen. Sie ist eine "Haltung" (Contenance, ma chère!), die man einnehmen soll oder muß. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Das heißt, wenn die Katze mausen will, dann maust sie auch. Über Multimedia-Edutainment wird ihr dann beigebracht, wie sie schneller und besser mausen kann. Hier wird der Spieltrieb der Katze beim Mausen berücksichtigt. Gut so. Findet die Katze das Mausen mit Methode gut, wird sie mausen wie ein Weltmeister. Wenn man ihr aber unter Aufbietung aller didaktisch-pädagogischen Fähigkeiten beibringt, daß es ja nicht nur Mäuse gibt, sondern auch Fische, wird sie die Neugier oder Freßlust vielleicht ins Wasser treiben, aber sie wird einen Fisch wohl weder in Rücken-, Brust- noch Kraultechnik erreichen. Mit anderen Worten: Technik und Methode müssen nicht nur zielgerichtet sein, sondern objektbezogen. Nehmen wir die verlorengegangene Erkenntnis an, das Objekt der ausbilderischen Begierde wäre ein Mensch, dann müßten die Startlöcher, die die Bildungsträger buddeln, zwei Zielstrebergruppen berücksichtigen: die, die von selber rennen, und die, die lieber rennen lassen. Da das Verhältnis der Selbstläufer zu den Schneckenkriechern etwa 20 zu 80% beträgt, ficht es die Unternehmen wohl an, das Trägheitsgesetz dieser 80%-Masse außer Kraft zu setzen oder zumindest zu durchlöchern. Da dieses Phänomen weltweit ähnlich ist, also nicht nur lokal gesehen werden kann, wird dieser Umwandlungsversuch der trägen Massen zu kommerziellen Nutzbringern zu einem gigantischen Global Networking. Es darf mit Fug und Recht behauptet werden, daß das Spacial Networking auch nicht mehr lange auf sich warten läßt. Raumstationen gibt es ja bereits oder sind im Bau.
Wenn man bedenkt, daß die menschliche Seele sich nur schwer trennen läßt vom menschlichen Geist, und selbst ein Raumschiffer sein Glücksamulett gegen böse Geister mit sich herumschleppt, dann muß jeder Systemdesigner oder Bildungsbeauftragte und jedes Lehrkörperpflegemittel bedenken, daß ein Amulett für die eigene Sicherheit mehr Zugkraft hat, als eine Police für die Sicherheit anderer.
Nehmen wir's gelassen. Nehmen wir das Erfolgsbestreben anderer für uns dankbar an. Erfolg macht süchtig. Erfolg ist erotisch. Erfolg ist das, was man erreicht, wenn man in den Spiegel blickt und sich vor sich selbst verneigt.
Möge Ihnen dieses Wonnegefühl 1999 nicht vorenthalten bleiben
Ihre
Roswitha R. Kortheuer