Supply Chain Management |
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Einwurf |
Supply Chain (engl. Liefer- od. Versorgungskette), mit einer etwas
anderen Bedeutung übersetzt, könnte auch für Wertschöpfungskette
stehen. Der tatsächliche Güterstrom in und vor allem auch zwischen
Unternehmen ist das Objekt neuester Optimierungsbemühungen. Warum
jedoch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, da alle Welt und auch alle
IT-Ressourcen sich um Euro und Jahrtausendwechsel kümmern?
Die Grundproblematik des Supply Chain Management (SCM) ist seit jeher
die Synchronisierung der Logistikprozesse innerhalb eines Unternehmens
zwischen Lägern und Standorten sowie unternehmensübergreifend zwischen
einzelnen Organisationen. Der Wunsch des Managements, flexibel auf
Situationen eingehen zu können, die sich durch verändertes
Kundenverhalten oder durch Störungen im Logistikprozeß ergeben, wird
in greifbare Nähe gerückt. Dieser Wunsch wurde bereits auch dadurch
betont, daß viele Unternehmen, insbesondere auch aus dem
Handelsbereich, seit längerem die Vertikalisierung der Unternehmen
betreiben.
Was ist dies anderes, als die Steuerung über den Logistikprozeß vom
Markt bis hin zum Lieferanten bestimmen zu können mit der Absicht, den
Gesamtprozeß zu synchronisieren und unter gegebenen Zielsetzungen zu
optimieren
Haben wir also wieder einmal alten Wein in neuen Schläuchen oder gibt
es wirklich etwas Neues? Es gibt wohl tatsächlich Neues in diesem
Sektor, da alleine der Zeitpunkt der Diskussion nicht auf eine
geplante Marketingaktion schließen läßt. Was ist aber nun so neu? Das
Thema erlangt durch die Möglichkeiten der Internet-Technologie und der
neuen Rechnergenerationen eine völlig neue Dimension des Machbaren.
Genau diese zwei Faktoren lassen Manager, IT-Berater und schließlich
Softwareproduzenten ins Schwärmen geraten.
Die neuen Potentiale ergeben sich z.B., indem die Organisationen auf
tatsächliches Prozeßverhalten umorganisiert werden. Diese Anforderung
besteht schon länger, zeigt jedoch, daß es nicht so einfach ist,
beispielsweise den Kundenservice mit der Produktionsplanung in einem
Prozeß zu verschmelzen. Auch der Gedanke, den Kommunikationsprozeß im
Rahmen der Optimierung so zu organisieren, daß eine Information
entkoppelt vom tatsächlichen Ereignis weiterbearbeitet wird, ist in
der Theorie längst akzeptiert, jedoch in der praktischen Umsetzung
noch nicht allzuweit gediehen. Die Umstellung auf tatsächliches
Prozeßverhalten widerspricht dem, was seit langem praktiziert wird.
Sich von funktional gegliederten Strukturen und Abläufen zu trennen
ist auf dem Papier leicht vollzogen. Das Problem ist jedoch, daß wir
es bei aller Optimierung mit Menschen zu tun haben. Menschen sind
individuell und machen Fehler, so wird es immer wieder zu Störungen in
optimalen Abläufen kommen, wodurch immer wieder Engpässe auftreten,
die besonderer Abstimmung bedürfen. Dieser Gedanke verdient jedoch die
Betonung, daß nur durch Menschen und ihr Verhalten auch die
Kreativität als Faktor in wirtschaftliches Handeln kommt, die uns die
Vielzahl von Produkten und Varianten gibt.
Hier schlägt jetzt die Stunde der überwältigenden Möglichkeiten
moderner Rechnersysteme, die erstmals in Hauptspeichern eine
Informationsflut verarbeiten, die eine schnelle Reaktion auf alle
neuen Entscheidungsparameter erlaubt. Dies wird möglich durch den
Einsatz von Algorithmen, die lediglich mit den Daten in den
gigantischen Speichern arbeiten und somit keine langwierigen
Schreib-/Lesezugriffe auf normale Festplatten benötigen. Die so
gewonnene Geschwindigkeit ermöglicht extrem schnelles Durchspielen
diverser Entscheidungsszenarien. Ergänzt wird diese Technologie jetzt
noch durch die Möglichkeiten des Datenaustausches mit quasi jedem
Rechner der Welt, der einen Internet-Anschluß besitzt.
Wenn wir jetzt davon ausgehen, daß wir zum einen die Theorie der
Optimierung der Logistikketten über alle Grenzen hinweg erkannt haben
und weiterhin auch die technischen Möglichkeiten zur Lösung der
Probleme besitzen, müßte doch eigentlich alles klar sein - oder? Nun,
die Lösung aller Probleme wird sicher noch etwas auf sich warten
lassen, da die Beschränkungen nicht in den technischen Systemen
liegen, sondern in der Kultur und dem Verhalten der Menschen. Es wird
sicherlich eine schnelle Durchdringung der Märkte mit den neuen
Distributionskanälen via Internet geben. Die Entwicklungen zum
E-Commerce als Basis für viele Entwicklungen ist schon relativ weit
gediehen. Auch die Vision, daß Konkurrenz zukünftig nicht mehr
zwischen Unternehmen stattfinden wird, sondern zwischen
firmenübergreifenden Prozeßketten ist denkbar. Es wird also eine Form
von dynamischen Geschäftsbeziehungen geben, die allgemein über
Informationen bzw. Informationstechnologie gesteuert werden. Dies wird
aber dann auch sofort neue Fragen der Verteilung von Chancen, Risiken
und Erlösen nach sich ziehen.
Diese Bereiche des SCM sind neben der Klärung der technischen Punkte
noch weitgehend unbearbeitet. Die moderne Betriebswirtschaft hat zu
diesen Fragen noch wenig hilfreiche Modelle entwickelt. Auch die
Bereiche der rechtlichen Fragen werfen bei der Vielzahl der
Möglichkeiten mehr offene Punkte auf, als daß sie sichere
Handlungsalternativen bieten. Ich gehe davon aus, daß die allgemeine
Globalisierung der Wirtschaft ein so großes Transaktionsvolumen
darstellt, daß der Druck des Machbaren schnell zu realen Fakten führen
wird. Es bleibt zu hoffen, daß die Mehrheit der Anwender diesen
Entwicklungen folgen kann und daß neben der "optimalen Welt" genug
Platz für Fehler und Individualismus bleibt.
Detlef M. Schumann
SAP Senior Consultant
In der Setz 4
76229 Karlsruhe
1055-234@online.de
HMD, Heft 207, Juni 1999
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