HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik

ISSN 1436-3011

02.09.2010


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Supply Chain Management

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Einwurf

Supply Chain (engl. Liefer- od. Versorgungskette), mit einer etwas anderen Bedeutung übersetzt, könnte auch für Wertschöpfungskette stehen. Der tatsächliche Güterstrom in und vor allem auch zwischen Unternehmen ist das Objekt neuester Optimierungsbemühungen. Warum jedoch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, da alle Welt und auch alle IT-Ressourcen sich um Euro und Jahrtausendwechsel kümmern?

Die Grundproblematik des Supply Chain Management (SCM) ist seit jeher die Synchronisierung der Logistikprozesse innerhalb eines Unternehmens zwischen Lägern und Standorten sowie unternehmensübergreifend zwischen einzelnen Organisationen. Der Wunsch des Managements, flexibel auf Situationen eingehen zu können, die sich durch verändertes Kundenverhalten oder durch Störungen im Logistikprozeß ergeben, wird in greifbare Nähe gerückt. Dieser Wunsch wurde bereits auch dadurch betont, daß viele Unternehmen, insbesondere auch aus dem Handelsbereich, seit längerem die Vertikalisierung der Unternehmen betreiben.
Was ist dies anderes, als die Steuerung über den Logistikprozeß vom Markt bis hin zum Lieferanten bestimmen zu können mit der Absicht, den Gesamtprozeß zu synchronisieren und unter gegebenen Zielsetzungen zu optimieren

Haben wir also wieder einmal alten Wein in neuen Schläuchen oder gibt es wirklich etwas Neues? Es gibt wohl tatsächlich Neues in diesem Sektor, da alleine der Zeitpunkt der Diskussion nicht auf eine geplante Marketingaktion schließen läßt. Was ist aber nun so neu? Das Thema erlangt durch die Möglichkeiten der Internet-Technologie und der neuen Rechnergenerationen eine völlig neue Dimension des Machbaren. Genau diese zwei Faktoren lassen Manager, IT-Berater und schließlich Softwareproduzenten ins Schwärmen geraten.

Die neuen Potentiale ergeben sich z.B., indem die Organisationen auf tatsächliches Prozeßverhalten umorganisiert werden. Diese Anforderung besteht schon länger, zeigt jedoch, daß es nicht so einfach ist, beispielsweise den Kundenservice mit der Produktionsplanung in einem Prozeß zu verschmelzen. Auch der Gedanke, den Kommunikationsprozeß im Rahmen der Optimierung so zu organisieren, daß eine Information entkoppelt vom tatsächlichen Ereignis weiterbearbeitet wird, ist in der Theorie längst akzeptiert, jedoch in der praktischen Umsetzung noch nicht allzuweit gediehen. Die Umstellung auf tatsächliches Prozeßverhalten widerspricht dem, was seit langem praktiziert wird. Sich von funktional gegliederten Strukturen und Abläufen zu trennen ist auf dem Papier leicht vollzogen. Das Problem ist jedoch, daß wir es bei aller Optimierung mit Menschen zu tun haben. Menschen sind individuell und machen Fehler, so wird es immer wieder zu Störungen in optimalen Abläufen kommen, wodurch immer wieder Engpässe auftreten, die besonderer Abstimmung bedürfen. Dieser Gedanke verdient jedoch die Betonung, daß nur durch Menschen und ihr Verhalten auch die Kreativität als Faktor in wirtschaftliches Handeln kommt, die uns die Vielzahl von Produkten und Varianten gibt.

Hier schlägt jetzt die Stunde der überwältigenden Möglichkeiten moderner Rechnersysteme, die erstmals in Hauptspeichern eine Informationsflut verarbeiten, die eine schnelle Reaktion auf alle neuen Entscheidungsparameter erlaubt. Dies wird möglich durch den Einsatz von Algorithmen, die lediglich mit den Daten in den gigantischen Speichern arbeiten und somit keine langwierigen Schreib-/Lesezugriffe auf normale Festplatten benötigen. Die so gewonnene Geschwindigkeit ermöglicht extrem schnelles Durchspielen diverser Entscheidungsszenarien. Ergänzt wird diese Technologie jetzt noch durch die Möglichkeiten des Datenaustausches mit quasi jedem Rechner der Welt, der einen Internet-Anschluß besitzt.

Wenn wir jetzt davon ausgehen, daß wir zum einen die Theorie der Optimierung der Logistikketten über alle Grenzen hinweg erkannt haben und weiterhin auch die technischen Möglichkeiten zur Lösung der Probleme besitzen, müßte doch eigentlich alles klar sein - oder? Nun, die Lösung aller Probleme wird sicher noch etwas auf sich warten lassen, da die Beschränkungen nicht in den technischen Systemen liegen, sondern in der Kultur und dem Verhalten der Menschen. Es wird sicherlich eine schnelle Durchdringung der Märkte mit den neuen Distributionskanälen via Internet geben. Die Entwicklungen zum E-Commerce als Basis für viele Entwicklungen ist schon relativ weit gediehen. Auch die Vision, daß Konkurrenz zukünftig nicht mehr zwischen Unternehmen stattfinden wird, sondern zwischen firmenübergreifenden Prozeßketten ist denkbar. Es wird also eine Form von dynamischen Geschäftsbeziehungen geben, die allgemein über Informationen bzw. Informationstechnologie gesteuert werden. Dies wird aber dann auch sofort neue Fragen der Verteilung von Chancen, Risiken und Erlösen nach sich ziehen.

Diese Bereiche des SCM sind neben der Klärung der technischen Punkte noch weitgehend unbearbeitet. Die moderne Betriebswirtschaft hat zu diesen Fragen noch wenig hilfreiche Modelle entwickelt. Auch die Bereiche der rechtlichen Fragen werfen bei der Vielzahl der Möglichkeiten mehr offene Punkte auf, als daß sie sichere Handlungsalternativen bieten. Ich gehe davon aus, daß die allgemeine Globalisierung der Wirtschaft ein so großes Transaktionsvolumen darstellt, daß der Druck des Machbaren schnell zu realen Fakten führen wird. Es bleibt zu hoffen, daß die Mehrheit der Anwender diesen Entwicklungen folgen kann und daß neben der "optimalen Welt" genug Platz für Fehler und Individualismus bleibt.

Detlef M. Schumann
SAP Senior Consultant
In der Setz 4
76229 Karlsruhe
1055-234@online.de

HMD, Heft 207, Juni 1999

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