Wissensmanagement |
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Einwurf |
Wissensmanagement - Von der Angst, nicht genügend informiert zu sein, bis hin zur Informationsüberflutung
Wissensmanagement - oder auch Knowledge Management - ist das Modewort
des zu Ende gehenden Jahrtausends. Laut einer OVUM-Studie stehen in den
nächsten Jahren Budgets in Höhe von Milliarden Dollars bereit, also
versucht jeder, so schnell wie möglich auf diesen Zug aufzuspringen -
scheint er doch in die Glückseligkeit der angestrebten Umsatzmaximierung
zu führen. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten - und je heller und
größer das Licht, desto größer auch der Schatten.
So klagen jetzt schon die "trendigen" IT-Manager über "Too much
Information". Stehen Ihnen im Regelfall doch schon die folgenden
"Informationskanäle" zur Verfügung:
- Der Anrufbeantworter im Büro
- Die Eingangspost im Büro
- Der Anrufbeantworter zu Hause
- Die Post zu Hause
- Die Mailbox vom Handy
- SMS-Nachrichten auf dem Handy
- E-Mail-Account dienstlich
- E-Mail-Account privat
Hinzu kommen betriebsabhängig diverse Protokolle, interne Mitteilungen,
Telefonnotizen usw. Ganz zu schweigen von den vielen mündlich
zugetragenen Informationen. Sei es per Telefon oder auf dem Flur im
Vorübergehen. Jetzt soll das Ganze also auch noch über ein
Informationssystem verstärkt werden. Da stellt sich schnell die Frage,
welche Information brauche ich eigentlich, und welche Information stört
nur meinen Tagesablauf? Unzählige Mailinglisten haben ohnehin schon dazu
geführt, daß dieses Medium zunehmend an Akzeptanz verliert. Bei täglich
50 eintreffenden Mails möchte man am liebsten seinen Mailfolder nach
einem dreiwöchigen Urlaub erst gar nicht öffnen. Information muß also
gefiltert werden, eine der wesentlichen Herausforderungen an die
technische Modellierung von Knowledge-Management-Systemen.
Dem gegenüber stehen die Manager, die sich bisher ohnehin schon nicht
informiert genug fühlten. Durch eine entsprechende Filterung des
Knowledge-Management-Systems kann man sie nun endgültig von
lebenswichtigen Informationen abschneiden und nahezu zur
Bedeutungslosigkeit degradieren. Bereits vorhandene Existenzängste
werden durch Knowledge Management so nur noch verstärkt.
Hier klafft eine gefährliche Schere und darüber schweben wie ein
Damoklesschwert die rechtlichen Bestimmungen hinsichtlich Datenschutz.
Personenbezogene Daten werden natürlich ebenfalls in einem Knowledge-
Management-System gepflegt und verteilt. Das bedeutet, daß der Knowledge
Manager immer mit einem Bein im Gefängnis steht - was auch nicht gerade
als Motivationsschub zu bezeichnen ist. So wehren sich heutzutage
rückständige Betriebsräte schon dagegen, daß Mitarbeiterprofile zur
Angebotserstellung auf allgemein firmenzugänglichen Servern gespeichert
werden - wie mag da erst eine Reaktion aussehen, wenn nicht nur
Mitarbeiterprofile, sondern auch Mitarbeiterbeurteilungen (wie zum
Beispiel: ...unter großem Zeitdruck im Projekt nicht belastbar)
gespeichert werden sollen?
Auch seitens qualifizierter Mitarbeiter sind durchaus Widerstände zu
erwarten - wer gibt schon gerne sein spezialisiertes Wissen preis und
damit auch gleich sein Alleinstellungsmerkmal im Unternehmen auf? Macht
er sich damit nicht auch als Know-how-Träger ersetzbar? Wissen ist
Macht - diese Phrase ist bekannt, und es liegt sehr viel Wahrheit darin.
Wenn nun alle alles wissen, hat dann jeder Macht oder keiner mehr?
Knowledge Management ist also nicht nur eine informationstechnische
Herausforderung in den nächsten Jahren. Vielmehr sind kulturelle und
soziale Problemstellungen im Vorfeld zu lösen. Und das sind deutlich
sensiblere Aufgabenstellungen als die Modellierung eines Objektmodells
zur Wissensspeicherung. Bei aller Euphorie zum Thema Knowledge
Management muß immer noch der Werbeslogan eines Automobilunternehmens
angeführt werden - erst der Mensch, dann die Technik.
Gerhard Versteegen
Marketing Manager
Rational Software GmbH
Keltenring 15
82041 Oberhaching
gverstee@rational.com
HMD, Heft 208, August 1999
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