HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik

ISSN 1436-3011

09.02.2010


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Wissensmanagement

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Einwurf

Wissensmanagement - Von der Angst, nicht genügend informiert zu sein, bis hin zur Informationsüberflutung

Wissensmanagement - oder auch Knowledge Management - ist das Modewort des zu Ende gehenden Jahrtausends. Laut einer OVUM-Studie stehen in den nächsten Jahren Budgets in Höhe von Milliarden Dollars bereit, also versucht jeder, so schnell wie möglich auf diesen Zug aufzuspringen - scheint er doch in die Glückseligkeit der angestrebten Umsatzmaximierung zu führen. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten - und je heller und größer das Licht, desto größer auch der Schatten.

So klagen jetzt schon die "trendigen" IT-Manager über "Too much Information". Stehen Ihnen im Regelfall doch schon die folgenden "Informationskanäle" zur Verfügung:

  • Der Anrufbeantworter im Büro
  • Die Eingangspost im Büro
  • Der Anrufbeantworter zu Hause
  • Die Post zu Hause
  • Die Mailbox vom Handy
  • SMS-Nachrichten auf dem Handy
  • E-Mail-Account dienstlich
  • E-Mail-Account privat

Hinzu kommen betriebsabhängig diverse Protokolle, interne Mitteilungen, Telefonnotizen usw. Ganz zu schweigen von den vielen mündlich zugetragenen Informationen. Sei es per Telefon oder auf dem Flur im Vorübergehen. Jetzt soll das Ganze also auch noch über ein Informationssystem verstärkt werden. Da stellt sich schnell die Frage, welche Information brauche ich eigentlich, und welche Information stört nur meinen Tagesablauf? Unzählige Mailinglisten haben ohnehin schon dazu geführt, daß dieses Medium zunehmend an Akzeptanz verliert. Bei täglich 50 eintreffenden Mails möchte man am liebsten seinen Mailfolder nach einem dreiwöchigen Urlaub erst gar nicht öffnen. Information muß also gefiltert werden, eine der wesentlichen Herausforderungen an die technische Modellierung von Knowledge-Management-Systemen.

Dem gegenüber stehen die Manager, die sich bisher ohnehin schon nicht informiert genug fühlten. Durch eine entsprechende Filterung des Knowledge-Management-Systems kann man sie nun endgültig von lebenswichtigen Informationen abschneiden und nahezu zur Bedeutungslosigkeit degradieren. Bereits vorhandene Existenzängste werden durch Knowledge Management so nur noch verstärkt.

Hier klafft eine gefährliche Schere und darüber schweben wie ein Damoklesschwert die rechtlichen Bestimmungen hinsichtlich Datenschutz. Personenbezogene Daten werden natürlich ebenfalls in einem Knowledge- Management-System gepflegt und verteilt. Das bedeutet, daß der Knowledge Manager immer mit einem Bein im Gefängnis steht - was auch nicht gerade als Motivationsschub zu bezeichnen ist. So wehren sich heutzutage rückständige Betriebsräte schon dagegen, daß Mitarbeiterprofile zur Angebotserstellung auf allgemein firmenzugänglichen Servern gespeichert werden - wie mag da erst eine Reaktion aussehen, wenn nicht nur Mitarbeiterprofile, sondern auch Mitarbeiterbeurteilungen (wie zum Beispiel: ...unter großem Zeitdruck im Projekt nicht belastbar) gespeichert werden sollen?

Auch seitens qualifizierter Mitarbeiter sind durchaus Widerstände zu erwarten - wer gibt schon gerne sein spezialisiertes Wissen preis und damit auch gleich sein Alleinstellungsmerkmal im Unternehmen auf? Macht er sich damit nicht auch als Know-how-Träger ersetzbar? Wissen ist Macht - diese Phrase ist bekannt, und es liegt sehr viel Wahrheit darin. Wenn nun alle alles wissen, hat dann jeder Macht oder keiner mehr?

Knowledge Management ist also nicht nur eine informationstechnische Herausforderung in den nächsten Jahren. Vielmehr sind kulturelle und soziale Problemstellungen im Vorfeld zu lösen. Und das sind deutlich sensiblere Aufgabenstellungen als die Modellierung eines Objektmodells zur Wissensspeicherung. Bei aller Euphorie zum Thema Knowledge Management muß immer noch der Werbeslogan eines Automobilunternehmens angeführt werden - erst der Mensch, dann die Technik.

Gerhard Versteegen
Marketing Manager
Rational Software GmbH
Keltenring 15
82041 Oberhaching
gverstee@rational.com

HMD, Heft 208, August 1999

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