HMD 211, 37. Jahrgang, Februar 2000
Elektronische Medien
Herausgeber: Rolf M. Katzsch
Dieses Heft ist vergriffen, d.h. nicht mehr lieferbar. Eine Neuauflage ist nicht geplant. Die Beiträge aus diesem Heft sind jedoch noch separat und kostenpflichtig bei GBI-Genios erhältlich.






Einwurf
von Roswitha R. Kortheuer
Konsumentenzeit: TVPC nach 20 Uhr
Fernsehen ist ein Sonderfall von IT!
Unermüdlich suchend und fragend bewegt sich der Geist zwischen PC-Himmel und TV-Erde und sucht zwischen all den Hi-Tech-Devices nach dem Homo Sapiens, auf den sich die IT-Errungenschaften letztlich konzentrieren. Der Mensch im Mittelpunkt - das hatten wir doch schon einmal vor etlichen Jahren. Jedes Hi-Tech-Unternehmen, das auf sich hielt, beteuerte in allen Farben, daß es nichts, aber auch gar nichts anderes im Sinn hätte, als das Wohl des Menschen. Und jetzt steht der Mensch (schon) wieder im Mittelpunkt - diesmal aber im Jahr 2000 ff. Was nun?
Der Beweglichkeit des menschlichen interaktiven Marketing-Geistes mit seinem highflyerischen Schöpfergeist steht die offensichtlich unerkannte Unfähigkeit gegenüber, sich selbst nicht nur als Sender, sondern auch als Empfänger der eigenen Botschaften zu betrachten. Wie sonst könnte man noch irgendeine glaubhafte Berechtigung für die Kombination zwischen Entertainment und Business finden, wenn auf dem Bildschirm jemand einen Todesschrei ausstößt, das Blut aus dem aufgerissenen Munde läuft und unmittelbar darauf eine Zahnpastareklame blendend weiße Zähne verspricht!?
Wenn man schon die Absicht verfolgt, ein hochpersonalisiertes Fernsehen zu produzieren, dann könnte man doch die ganzen Reklamesendungen in einen Spartenkanal packen, der dann als Pay-per-View zur Menschheitsbeglückung beitragen kann. Tut man aber nicht. Warum nicht? Ganz einfach. Keiner guckt hin. Also, hinein mit der Botschaft in das, was der Mensch eigentlich sehen möchte, auch wenn's paßt wie die Faust aufs Auge. Damit wird der ungeneigte Leser zwangsinformiert. Manche muß man eben zu ihrem Glück zwingen. Man will ja nur sein Bestes.
Nun, auch das Beste kann man immer noch besser machen. Heute ist keiner mehr ohne TV und fast keiner mehr ohne PC. Beides zu kombinieren liegt daher nahe. Nur von der Idee zur Umsetzung ist es noch ein längerer Weg (in der IT-Welt gibt es keine langen Wege, höchstens ein bißchen längere). Die Länge der (Durst-)Strecke wird durch den IT-Endverbraucher bestimmt (IT = Intelligenz-Terminator). Er entscheidet letztlich, was er sehen will und was nicht. Da er das manchmal selbst nicht weiß, strapaziert er die Knipse und hechelt durchs Überangebot, bis er selbst ganz zappelig wird. Eine solche IT-Degenerationserscheinung nennt man dann auch treffend "Zapping". Das Endstadium dieser "Battle for the living room" ist die totale Vereinsamung desjenigen, der an der Fernbedienung klammert, bis alle Familienmitglieder die Flucht ins eigene TV-Nirvana ergriffen haben. Ein wahrer Pyrrhus-Sieg. "Der größte Zappi ist der Pappi!"
Natürlich kann man auch diesem Umstand abhelfen. Man braucht ja nur einen 4-Kant- oder 6-Kant-TV mit integriertem PC zu entwickeln, der dann alle wieder sternförmig um die Entertainment-Information-Werbung-Business-Quelle zusammenruft. Selbstverständlich muß dazu das Wohnzimmer (also das bisherige IT-Schlachtfeld) etwas aufgabenkonform umgebaut werden, ein Aspekt, den die Möbelindustrie begierig aufgreifen dürfte. Nicht der Mensch steht nunmehr im Mittelpunkt, sondern der 4-Kant-TVPC. Und darum herum die begierigen Spartenkanal-Konsumenten. Bleibt natürlich noch zu erfinden, wie man die 4fach verschiedene Ton-Untermalung unstörend für den Mit-IT-ler senden kann, denn es würde ja stören und zu Mißverständnissen führen, wenn auf dem einen Kanal der Biolek kocht und gleichzeitig auf dem zweiten Kanal ein Entsetzensschrei ausgestoßen würde. Ich bin sicher, daß man auch das in den Griff bekommt.
TVPC wird kommen. Die Spartenkanäle auch. Sind ja auch schon da, wie z.B. Euro-Sport oder die unterschiedlichen Kanäle von Premiere World. Es wird alles kanalisiert. Und wir auch. Nach dem Motto: Wir ham den Kanal, wir ham den Kanal, wir ham den Kanal noch lange nicht voll
Wir driften alle immer weiter ab zu Passivisten. Wir lassen alles über uns ergehen, weil wir uns unserer eigenen Macht als Steuerinstrument nicht bewußt sind. Das wissen nur die, die sich mit unendlicher Mühe um uns als Konsumenten und Einschaltquotenbringer bemühen. Man wird uns überzeugen, daß wir TV und PC absolut und unbedingt und möglichst auch mehrfach brauchen, wie Wasser, Luft und Internet. Und damit uns die Wahl leichter fällt, schiebt man den PC unentdeckbar ins TV-Gerät. Achten Sie deshalb im Jahr 2000 auf die Verpackung, wenn Sie einen Fernseher kaufen, denn nur wo TV draufsteht, ist auch TV drin (oder?).
PC als Plattform für das digitale Fernsehen - mit Fernbedienung für jeden Spartenkanalbenutzer und noch nicht völlig durchorganisierter adäquater Vielfachausgabe (Bild, Ton, Drucker, Schredder); das wird nicht nur die Marketing- und Medienwelt, sondern auch die Hardware-Hersteller in diesem Jahrtausend beschäftigen - mit jedem von uns als Mittelpunkt
In unserer Welt der zunehmenden Vereinsamung und der schwindenden menschlichen Kontaktfähigkeit, ist es doch ein trostvoller Gedanke zu wissen, daß wir einen Big Brother haben, der offenbar pausenlos an uns denkt. Danken wir es ihm durch Konsumfreudigkeit, Informationshunger und Anpassungsfähigkeit, damit wir in der schönen Hi-Tech-Welt bleiben und uns am himmlischen IT-Manna laben dürfen. Wenn wir uns nicht ernsthaft bemühen, das Unbegreifliche zu begreifen und das scheinbar Unerlernbare zu erlernen, dann werden uns die Hi-Tech-Wellen nicht emportragen zu neuen "eigenen" Welten, sondern uns in ihrer Informationssintflut ertränken. Für das Jahr 2000 wünsche ich Ihnen allen eine persönliche Arche Noah und eine freundliche weiße Taube, die Ihnen die Richtung weist.
Ihre
Roswitha R. Kortheuer
Roswitha Kortheuer EDV-Studio Kortheuer GmbH Haus Gravener Str. 100 40764 Langenfeld edvkort001@aol.com