Usability Engineering |
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Einwurf |
Kosten der (Un-)Benutzbarkeit -
(k)ein Thema für die Wirtschaftsinformatik?
Das Thema "Usability" hat Konjunktur. Nach mehr als 15
Jahren Forschung und Methodenentwicklung ist es
anscheinend in der Praxis angekommen:
- Es gibt zunehmend Fachbücher zu "Usability
Engineering", z.B. [Beyer & Holtzblatt 1998] und [Mayhew
1999].
- Es werden auf dem Stellenmarkt Spezialisten für dieses
Thema gesucht.
- Renommierte Firmen renovieren ihre bekannt unhandlichen
Benutzungsschnittstellen.
- Zeitschriften der Wirtschaftsinformatik widmen dem Thema
ganze Ausgaben.
Was ist eigentlich los? Fragt man sich nach Gründen für
die Aktualität des Themas, so kommen einem verschiedene
mögliche Erklärungen in den Sinn:
- Die Einsicht wächst, dass gesunde, motivierende
Arbeitsbedingungen die Produktivität erhöhen - aber gibt
es dafür Belege?
- Die Umsetzung der Bildschirmarbeitsverordnung kann nun
wirklich nicht mehr weiter hinausgezögert werden. Ab dem
1.1.2000 müssen alle Bildschirmarbeitsplätze ergonomische
Mindestanforderungen erfüllen. Journalisten vermuteten
bereits, dass ein neues Jahr-2000-Problem auf die Praxis
zurollt [Benning 1999, S. 78]: "Auch wenn alle ihre
Software 2000-tauglich machen, kann am 1. Januar die
deutsche Wirtschaft zusammenbrechen", behaupteten Software-
Ergonomen mit Blick auf die Bildschirmarbeitsverordnung,
die Anfang dieses Jahres uneingeschränkt in Kraft getreten
ist." Eine sicherlich etwas übertriebene Einschätzung,
aber wer kennt die Kosten?
- Die Abwälzung der Arbeit von Mitarbeitern auf Kunden,
wie es beim E-Commerce gedacht ist, erfordert bessere
Benutzungsschnittstellen. Geht es bei der Benutzbarkeit in
Zukunft primär um die Kunden?
- Viele innovative Produkte enthalten interaktive
Komponenten. Sind sie nur noch mit entsprechender
Benutzbarkeit ("usability for all") in den neuen Märkten
der Kinder, Alten, Kranken, Minderheiten etc. abzusetzen?
- Insider merken, dass sich Benutzbarkeit rechnen
könnte. Aber wie rechnet man?
Eigentlich müsste ein Blick in die Fachliteratur genauere
Analysen und Modelle zu Tage fördern. Der Neugierige stößt
auf ein seltsames Phänomen. Es gibt nur ganz wenige
Arbeiten zu dieser Frage (z.B. [Bias & Mayhew 1994]
oder [Viereck 1995]) und überzeugende
Wirtschaftlichkeitsrechnungen sind Mangelware (Ansätze
findet man bei [Mayhew 1999]). Die Wirtschaftsinformatik
scheint sich mit dieser Frage noch nicht auseinander
gesetzt zu haben. Dabei wäre es doch für alle Beteiligten
hervorragend, wenn es sich um eine "win-win"-Situation
handelte:
Welches sind die Kosten eines Softwareproduktes beim
Hersteller, von der ersten Idee über die Beantwortung
endloser Fragen durch die Hotline bis zur endgültigen
Aufgabe des Produktes. Können Investitionen in
Benutzbarkeit die Gesamtkosten senken und evtl. sogar
höhere Verkaufspreise rechtfertigen? Sind dafür veränderte
Herstellungsprozesse notwendig?
Hat Alan Cooper Recht, wenn er sagt:
"The most expensive
items associated with hard-to-use software is technical
support. Microsoft spends $800 million annually on
technical support. ... Imagine how much more effective
your development efforts would be if you could avoid
spending over five percent of your net revenue on
technical support." [Cooper 1999, S. 52]
Und was erst können Anwender durch geeignetere Software
bei den total cost of ownership (TCO) in großem Stil
sparen! Welchen Einfluss hat besser benutzbare Software
auf die Kosten der benötigten Hardware? Was kostet unnütze
Funktionalität: beim Softwarekauf, an Speicherbedarf, bei
der Fehlerbehebung, Administration und Maintenance? Wie
steht es mit den Kosten der Anpassung an lokale
Bedingungen, für die Schulung? Kann besser benutzbare
Software den Zeitaufwand für die Fehlervermeidung und
-korrektur erheblich reduzieren? Was kostet ein Helpdesk?
Wie viel Zeit verbringen Mitarbeiter mit der Umgehung
unpassender Funktionalität? Stimmt es noch immer, dass 10%
der Arbeitszeit für Fehlerkorrektur und Umwege benötigt
werden [Brodbeck 1991]? Welche Verschwendung in einer
Firma mit Hunderten von Arbeitsplätzen! Was wäre eine
Halbierung der Fehler wert?
Und mit wie viel weniger Kopfschmerzen könnten Benutzer
(=User) (manchmal zynisch als "luser" bezeichnet)
arbeiten! Ist Benutzer-Frust bereits ein teurer
Risikofaktor? Die Ergebnisse einer Umfrage in England
sollten zu denken geben [Compaq 1999]:
"Of those who had their own PC at work, nearly half have
felt frustrated or stressed by the amount of time it takes
to solve IT problems. Two in five blame computer jargon
for exacerbating the issue, while three quarters of
respondents who suffer daily problems with their PC say
their colleagues swear at their monitors out of
frustration.
Verbally abusing the PC is not the only response to IT
stress; more then one in eight have seen their colleagues
bully the IT department when things go wrong, while a
quarter of under 25 years olds have seen their peers
kicking their computers. A similar number of respondents
said that they had considered causing damage to their PC
by deliberately pulling its plug out. ...
Computer rage has a business cost too. ...".
Gibt es weitere Erkenntnisse über versteckte Kosten der
Unbenutzbarkeit: von Fehlzeiten und Krankheiten über
Dienst nach Vorschrift bis hin zu Sabotage, Beschädigung
und Zerstörung?
Könnten Benutzer andererseits vielleicht sogar Spaß an
ihrer Software haben und sie begeistert anderen zeigen und
empfehlen? Welchen Einfluss hat die Motivation auf das
Arbeitsergebnis? Wie lässt sich der Produktivitätsgewinn
bewerten?
Es gibt anscheinend eine Vielzahl interessanter Fragen.
Sicher können nicht alle quantitativ beantwortet werden,
aber auch nachvollziehbare qualitative Ergebnisse wären
hilfreich.
Eigentlich müssten auch Praktiker brennend an schlüssigen
Antworten interessiert sein.
Warum bietet die Wirtschaftsinformatik hierfür (noch)
keine ausreichende Unterstützung an? Sie könnte mithelfen,
die Kosten der (Un-)Benutzbarkeit kritisch zu
durchleuchten und sie so aus dem diffusen Nebel der
Vermutungen herauszuholen.
Wenn es gelänge zu zeigen, dass das Anliegen der Software-
Ergonomie, benutzergerechte interaktive Systeme
bereitzustellen, gleichzeitig Herstellern und Anwendern
bei der Verfolgung ihrer Ziele nützt, könnte der
"Usability" ein durchschlagender Erfolg bevorstehen. Mit
der neuen Tagungsreihe "Mensch & Computer"
(http://mc2001.informatik.uni-hamburg.de) bietet sich ein
fachübergreifendes Forum für eine spannende Diskussion.
Oder sollte der Designer Alan Cooper doch Recht haben? Er
vermutet, dass die Frage der Benutzbarkeit keine
Wirtschaftlichkeitsfrage, sondern primär eine Machtfrage
ist [Cooper 1999]? Geht es darum, die Macht der Software-
Ingenieure zu beschneiden, die nach Cooper "die
Irrenanstalt betreiben"? Wären sie dabei "Verlierer" oder
würden sie doch eher gewinnen, wenn sie von der Bürde der
Interface-Gestaltung befreit würden, einen Interface-
Architekten an ihrer Seite hätten und ihre technische
Kompetenz mit Freude einsetzen könnten. Auch in diesem
Fall könnten Kostenbetrachtungen Überzeugungsarbeit
leisten
Dass bessere Benutzbarkeit mehr Effizienz bedeutet und
damit Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt haben wird, ist die
bittere Pille, an der auch die Software-Ergonomie
schluckt.
[Benning 1999] Benning, M.: 'Form follows me'. In: c't, Heft 18, 1999, S. 78 - 79.
[Beyer & Holtzblatt 1998] Beyer, H.; Holtzblatt, K.: Contextual Design. Defining Customer Centered Systems. Morgan Kaufmann, San Francisco, 1998.
[Bias & Mayhew 1994] Bias, R. G.; Mayhew, D. J. (Eds.): Cost-Justifying Usability. Academic Press, Boston, 1994.
[Brodbeck 1991] Brodbeck, F.: Fehlerbewältigungsdauer und die Nutzung von Unterstützungsmöglichkeiten. In: Frese, M.; Zapf, D. (Hrsg.): Fehler bei der Arbeit mit dem Computer. Ergebnisse von Beobachtungen und Befragungen im Bürobereich. Huber, Bern, Göttingen, Toronto, 1991, S. 80 - 94.
[Compaq 1999] Compaq: Employees Get "It" Out Of Their Systems. Compaq UK Press Release, 27/5/99, http://compaq.co.uk/press/releases/1999/41.asp, Aufruf am 26.6.1999.
[Cooper 1999] Cooper, A.: The Inmates are Running the Asylum. Why High-Tech Products Drive Us Crazy and How to Restore the Sanity. SAMS, Indianapolis, Indiana, 1999.
[Mayhew 1999] Mayhew, D. J.: The Usability Engineering Lifecycle. Morgan Kaufmann, San Francisco, 1999.
[Viereck 1995] Viereck, A.: Kosten und Nutzen ergonomischer Anwendungssysteme. Ein Plädoyer für das Zusammenwirken von Betriebswirtschaft und Software-Ergonomie bei Software-Entwicklungsprojekten. In: Daldrup, U. (Hrsg.): Menschengerechte Softwaregestaltung. Konzepte und Werkzeuge auf dem Weg in die Praxis. Teubner, Stuttgart, 1995, S. 181 - 215.
Prof. Dr. Horst Oberquelle
Universität Hamburg
Fachbereich Informatik
Arbeitsbereich "Angewandte und sozialorientierte Informatik" (ASI)
Vogt-Kölln-Str. 30
22527 Hamburg
oberquelle@informatik.uni-hamburg.de
HMD, Heft 212, April 2000
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