HMD 212, 37. Jahrgang, April 2000
Usability Engineering
Herausgeber: Stefan Meinhardt
Dieses Heft ist vergriffen, d.h. nicht mehr lieferbar. Eine Neuauflage ist nicht geplant. Die Beiträge aus diesem Heft sind jedoch noch separat und kostenpflichtig bei GBI-Genios erhältlich.






Einwurf
von Horst Oberquelle
Kosten der (Un-)Benutzbarkeit -
(k)ein Thema für die Wirtschaftsinformatik?
Das Thema "Usability" hat Konjunktur. Nach mehr als 15 Jahren Forschung und Methodenentwicklung ist es anscheinend in der Praxis angekommen:
Was ist eigentlich los? Fragt man sich nach Gründen für die Aktualität des Themas, so kommen einem verschiedene mögliche Erklärungen in den Sinn:
Eigentlich müsste ein Blick in die Fachliteratur genauere Analysen und Modelle zu Tage fördern. Der Neugierige stößt auf ein seltsames Phänomen. Es gibt nur ganz wenige Arbeiten zu dieser Frage (z.B. [Bias & Mayhew 1994] oder [Viereck 1995]) und überzeugende Wirtschaftlichkeitsrechnungen sind Mangelware (Ansätze findet man bei [Mayhew 1999]). Die Wirtschaftsinformatik scheint sich mit dieser Frage noch nicht auseinander gesetzt zu haben. Dabei wäre es doch für alle Beteiligten hervorragend, wenn es sich um eine "win-win"-Situation handelte:
Welches sind die Kosten eines Softwareproduktes beim Hersteller, von der ersten Idee über die Beantwortung endloser Fragen durch die Hotline bis zur endgültigen Aufgabe des Produktes. Können Investitionen in Benutzbarkeit die Gesamtkosten senken und evtl. sogar höhere Verkaufspreise rechtfertigen? Sind dafür veränderte Herstellungsprozesse notwendig?
Hat Alan Cooper Recht, wenn er sagt:
Und was erst können Anwender durch geeignetere Software bei den total cost of ownership (TCO) in großem Stil sparen! Welchen Einfluss hat besser benutzbare Software auf die Kosten der benötigten Hardware? Was kostet unnütze Funktionalität: beim Softwarekauf, an Speicherbedarf, bei der Fehlerbehebung, Administration und Maintenance? Wie steht es mit den Kosten der Anpassung an lokale Bedingungen, für die Schulung? Kann besser benutzbare Software den Zeitaufwand für die Fehlervermeidung und -korrektur erheblich reduzieren? Was kostet ein Helpdesk? Wie viel Zeit verbringen Mitarbeiter mit der Umgehung unpassender Funktionalität? Stimmt es noch immer, dass 10% der Arbeitszeit für Fehlerkorrektur und Umwege benötigt werden [Brodbeck 1991]? Welche Verschwendung in einer Firma mit Hunderten von Arbeitsplätzen! Was wäre eine Halbierung der Fehler wert?
Und mit wie viel weniger Kopfschmerzen könnten Benutzer (=User) (manchmal zynisch als "luser" bezeichnet) arbeiten! Ist Benutzer-Frust bereits ein teurer Risikofaktor? Die Ergebnisse einer Umfrage in England sollten zu denken geben [Compaq 1999]:
Gibt es weitere Erkenntnisse über versteckte Kosten der Unbenutzbarkeit: von Fehlzeiten und Krankheiten über Dienst nach Vorschrift bis hin zu Sabotage, Beschädigung und Zerstörung?
Könnten Benutzer andererseits vielleicht sogar Spaß an ihrer Software haben und sie begeistert anderen zeigen und empfehlen? Welchen Einfluss hat die Motivation auf das Arbeitsergebnis? Wie lässt sich der Produktivitätsgewinn bewerten?
Es gibt anscheinend eine Vielzahl interessanter Fragen. Sicher können nicht alle quantitativ beantwortet werden, aber auch nachvollziehbare qualitative Ergebnisse wären hilfreich.
Eigentlich müssten auch Praktiker brennend an schlüssigen Antworten interessiert sein.
Warum bietet die Wirtschaftsinformatik hierfür (noch) keine ausreichende Unterstützung an? Sie könnte mithelfen, die Kosten der (Un-)Benutzbarkeit kritisch zu durchleuchten und sie so aus dem diffusen Nebel der Vermutungen herauszuholen.
Wenn es gelänge zu zeigen, dass das Anliegen der Software- Ergonomie, benutzergerechte interaktive Systeme bereitzustellen, gleichzeitig Herstellern und Anwendern bei der Verfolgung ihrer Ziele nützt, könnte der "Usability" ein durchschlagender Erfolg bevorstehen. Mit der neuen Tagungsreihe "Mensch & Computer" (http://mc2001.informatik.uni-hamburg.de) bietet sich ein fachübergreifendes Forum für eine spannende Diskussion.
Oder sollte der Designer Alan Cooper doch Recht haben? Er vermutet, dass die Frage der Benutzbarkeit keine Wirtschaftlichkeitsfrage, sondern primär eine Machtfrage ist [Cooper 1999]? Geht es darum, die Macht der Software- Ingenieure zu beschneiden, die nach Cooper "die Irrenanstalt betreiben"? Wären sie dabei "Verlierer" oder würden sie doch eher gewinnen, wenn sie von der Bürde der Interface-Gestaltung befreit würden, einen Interface- Architekten an ihrer Seite hätten und ihre technische Kompetenz mit Freude einsetzen könnten. Auch in diesem Fall könnten Kostenbetrachtungen Überzeugungsarbeit leisten
Dass bessere Benutzbarkeit mehr Effizienz bedeutet und damit Wirkungen auf dem Arbeitsmarkt haben wird, ist die bittere Pille, an der auch die Software-Ergonomie schluckt.
[Benning 1999] Benning, M.: 'Form follows me'. In: c't, Heft 18, 1999, S. 78 - 79.
[Beyer & Holtzblatt 1998] Beyer, H.; Holtzblatt, K.: Contextual Design. Defining Customer Centered Systems. Morgan Kaufmann, San Francisco, 1998.
[Bias & Mayhew 1994] Bias, R. G.; Mayhew, D. J. (Eds.): Cost-Justifying Usability. Academic Press, Boston, 1994.
[Brodbeck 1991] Brodbeck, F.: Fehlerbewältigungsdauer und die Nutzung von Unterstützungsmöglichkeiten. In: Frese, M.; Zapf, D. (Hrsg.): Fehler bei der Arbeit mit dem Computer. Ergebnisse von Beobachtungen und Befragungen im Bürobereich. Huber, Bern, Göttingen, Toronto, 1991, S. 80 - 94.
[Compaq 1999] Compaq: Employees Get "It" Out Of Their Systems. Compaq UK Press Release, 27/5/99, http://compaq.co.uk/press/releases/1999/41.asp, Aufruf am 26.6.1999.
[Cooper 1999] Cooper, A.: The Inmates are Running the Asylum. Why High-Tech Products Drive Us Crazy and How to Restore the Sanity. SAMS, Indianapolis, Indiana, 1999.
[Mayhew 1999] Mayhew, D. J.: The Usability Engineering Lifecycle. Morgan Kaufmann, San Francisco, 1999.
[Viereck 1995] Viereck, A.: Kosten und Nutzen ergonomischer Anwendungssysteme. Ein Plädoyer für das Zusammenwirken von Betriebswirtschaft und Software-Ergonomie bei Software-Entwicklungsprojekten. In: Daldrup, U. (Hrsg.): Menschengerechte Softwaregestaltung. Konzepte und Werkzeuge auf dem Weg in die Praxis. Teubner, Stuttgart, 1995, S. 181 - 215.
Prof. Dr. Horst Oberquelle Universität Hamburg Fachbereich Informatik Arbeitsbereich "Angewandte und sozialorientierte Informatik" (ASI) Vogt-Kölln-Str. 30 22527 Hamburg oberquelle@informatik.uni-hamburg.de