CSCW - Workflow und Groupware |
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Einwurf |
Chancen und Grenzen von CSCW oder die Vision des Herrn V.
Seit mindestens fünftausend Jahren ist bekannt, dass komplexe
Aufgaben tunlichst mit mehreren Leuten anzupacken sind, die in
einem Team zusammenarbeiten, um ein gemeinsames, mehr oder minder
hoch gestecktes Ziel zu erreichen. Die Ägypter haben uns das
vorgemacht. Aber auch in weniger ambitionierten Projekten, mit
weniger Außenwirkung und Persistenz ausgestattet, hat Teamarbeit
alles in allem gut funktioniert, denken wir etwa an das letzte
Stadtfest oder - elf Freunde sollt ihr sein - an das Wunder von
Bern.
Nachdem die großen Erkenntnisse gewonnen und die Erdteile
erkundet sind, entwickelt der moderne Mensch Rechner und mit
ihnen komplexe Informationssysteme, um mehr oder weniger komplexe
Aufgaben zu erledigen. Aufgaben, die früher Stunden gekostet
haben, können wir jetzt in Tagen erledigen, das ist ja einfach
So einfach, dass wir auf Teamarbeit verzichten und auf die Macht
der Maschine setzen. Sollte es Koordinationsbedarf geben, sollte
die linke Hand nicht wissen, was die rechte macht, berufen wir
ein Meeting ein. Wenn die Zeit in Meetings die wöchentliche
Arbeitszeit zu übersteigen droht, erinnern wir uns an die
Teamarbeit und ersinnen Konzepte und Systeme, die nicht nur
individuelle Funktionen erledigen, sondern auch die
Zusammenarbeit zwischen Menschen unterstützen, genial
Das denkt auch Inno Vativ, Geschäftsführer eines
mittelständischen Unternehmens. Zudem wüsste er gern - aus
reiner Neugier versteht sich -, wie genau die Arbeit in seiner
Firma erledigt wird, wer was tut, wer nichts tut und warum nicht,
welche Daten zur Bearbeitung bestimmter Vorgänge notwendig sind,
bis wann der Vorgang Friedrich erledigt sein muss und warum er es
nicht sein wird. Neben der Befriedigung der Neugier kann die
Betrachtung solcher Abläufe auch anderen Zielen dienen. Vieles
funktioniert besser und schneller, wenn Prozesse, bestehend aus
Aktivitäten und Abhängigkeiten zwischen diesen, betrachtet
werden. Sonst kann es vorkommen, dass Meier auf das Produkt von
Müllers Arbeit wartet, während dieser in südlichen Gefilden
weilend seinen wohlverdienten Urlaub genießt.
Herr Vativ findet das einleuchtend und hält es für nahe liegend,
auch in seiner Firma Abläufe zu betrachten. Er hat auch schon von
CSCW und Workflow gehört und denkt, wie schön wäre es, wenn
unsere Abläufe übersichtlich beschrieben wären und wir sie flott,
flexibel und sicher ausführen könnten. Schneller als die anderen.
Dann weiß Meier stets was Müller macht, und der Chef ist immer
über die Aktivitäten seiner Mitarbeiter informiert. Auch dem
Kunden Friedrich kann man schnell sagen, wo sein Vorgang hängt,
immerhin. Vielleicht sogar einschreiten und für eine schnellere
Bearbeitung sorgen, Friedrich freut sich. Prozesse sind explizit
modelliert, sie liegen auf dem silbernen Tablett vor uns und
warten darauf, analysiert, verbessert zu werden. Meetings sind
überflüssig, kein Klärungsbedarf, alle wissen Bescheid. Von einem
Meeting ins nächste flitzende Manager gehören der Vergangenheit
an, mehr Zeit für die Arbeit.
Das klingt interessant. Inno Vativ beschließt, ein modernes CSCW-
System zu beschaffen, mit Groupware und Workflow, einmal
komplett. Wir haben schließlich lange genug in Meetings gesessen
und über nichtigere Dinge gestritten. Das schöne neue System ist
geliefert und muss eingerichtet werden. Das erfordert ein
sofortiges Meeting. Wer soll welche Aktivitäten erledigen, wie
sehen die Abläufe aus, sind sie veränderungswürdig ("Was?
Das haben wir doch schon immer so gemacht!"), welche Daten
gibt es und wer darf welche sehen, verändern, löschen? Berater
beraten uns, alles nicht so einfach, aber wir helfen ihnen gerne.
Tagessätze. Nach Euro und Y2k sind Ressourcen frei. Wenige Wochen
nach der Installation des Systems sind wir in der Lage,
Ausleihvorgänge des portablen Beamers problemlos zu handhaben,
ohne umständliches Telefonat und lästigen Notizblock. Kurze Zeit
später der erste Workflow, Reisekostenabrechung. Ein Hauch von
Return on Investment weht durch die Büros. Berater kommen
selbstsicher zehn Minuten zu spät zum Meeting und grinsen in die
Runde, geschafft
Dieser großartige Erfolg wird mit gutem Essen und Erfrischungen
gefeiert, es wird spät, Herr Vativ geht müde, doch zufrieden zu
Bett. Er beschließt, die Kernprozesse seiner Firma gründlich
erheben und analysieren zu lassen. Und auch eine Veränderung hier
und dort wird nicht ausgeschlossen, innovativ sein. Bestehende
Prozesse werden auseinander genommen und neu, verbessert wieder
zusammengesetzt. Es gibt keine redundante Arbeit mehr,
Liegezeiten werden minimiert, bestehende Informationssysteme und
Datenbankanwendungen werden integriert, alles läuft schnell und
sicher, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Es
funktioniert, alles fließt. Wir haben die Technologie im Griff,
aus bestehenden Komponenten werden schnell neue Prozesse
modelliert, die neue Produkte bereitstellen. Die Produkte sind
online verfügbar, es spricht sich im Netz schnell rum, wir haben
Traffic auf der Site, Umsatz. Über die Anfangsprobleme lächelt
Inno Vativ nur noch. Es hat sich gelohnt, wir expandieren, sind
Marktführer und planen den Börsengang. Wer zeichnet?
"Ich!" ruft Herr Vativ, reibt sich die Augen und sitzt
kerzengerade im Bett.
Mathias Weske
HMD, Heft 213, Juni 2000
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