HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik

ISSN 1436-3011

02.09.2010


Home
Suche
HMD aktuell
Aktuelle Ausgabe
40 Jahre HMD
Vorschau
Buchbesprechungen
HMD-Glossar
Veranstaltungskalender
HMD beziehen
HMD Probeabo
HMD Abo
HMD Einzelheft
Bezugsbedingungen
HMD archiv
HMD Info
Mehr über HMD
Herausgebergremium
Gastherausgeber
Mediadaten
Redaktion /' Verlag
Impressum
Autoren/ Gutachter
Autorenrichtlinien
Autorenfragebogen
Gutachter für die HMD
Beurteilungsbogen

Electronic Business

[Zurück zum Inhaltsverzeichnis -
- Feedback an den Herausgeber]

Einwurf

Informations-Portale sind ja ganz schön, aber irgendwo hört der Spaß auf!

Jetzt ist es passiert! Die STARGÅTES kommen. Nur heißen sie bei uns jetzt "PORTALE". Die ersten "Portale" schwemmen bereits auf Radiowellen heran und ertränken die eigentliche Information durch die Dominanz dieses ungeläufigen Begriffes. Da sitzt man so als harmloser Normalmensch am Frühstückstisch, mampft noch leicht verschlafen sein Schinkenbrötchen, will gerade die Tasse mit köstlichem Schonkaffee zum Munde heben, da plötzlich kommt ein Frühstückswerbebotschaftsschocker: "Das XY-Portal liefert Ihnen alle Informationen. Das XY-Portal öffnet Ihnen ungeahnte Einkaufsmöglichkeiten..". Stutz. Schluck. "Watt is??"

Vom Hören einer Botschaft bis zum Verstehen einer Botschaft spannt sich ein Gummibandzeitraum, der bestimmt wird durch Häufigkeit (Pädagogik heißt 'immer wieder sagen') sowie Aufnahmefähigkeit ('Die Botschaft hör ich wohl'...) und Aufnahmebereitschaft (.. allein, mir fehlt der Glaube'). Aufklärung tut not. Dass ein Portal keine neue Art von Aldi- Gruppe ist, ist schon klar. Aber was sonst?

Also zunächst: Ein "Portal" ist so eine Art globales Pendant zum galaktischen Stargåte oder dem Himmelstor. Die mit dem letzteren verbundene Vorstellung, dass nur jemand hineinkommt, aber nicht wieder heraus, soll aber wohl vermieden werden. Ein "Portal" ist keine Einweglösung.

Ein Portal ist wie ein großes Tor, durch das große Informationsmengen aus einem speziellen Interessenkreis strömen, wie Gläubige durch das Portal einer Kathedrale. Man kann diese Informationen auch genauso benutzen, d.h., man kann entscheiden, ob man hingehen will oder nicht.

Portale haben gegenüber den Stargåtes den Vorteil, dass man nicht einfach "weggelutscht" wird, wenn man zu nahe ran geht, aber auch den Nachteil, dass man Menschen überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommt. Braucht man vielleicht auch nicht, wenn es sich nur um Reinigungsgeräte, Baumaterial oder Bücher handelt. Bei Medizin ist das schon etwas anderes, es sei denn, dieses Verkaufs-Portal hat einen direkten "Link" zur Himmelspforte zwecks galaktisch kompatibler Entsorgung, oder zu einem Prozess-Portal, um dort als gentechnisches Recyclingmaterial zum Aufpäppeln E-ermüdeter Consumer wieder verwendet zu werden. Dieses galaktische Viagra-Manna wird dann natürlich auch durch das Informations-Portal geschickt, um die Gier nach elektronischen Segnungen als sog. B2C-Kicker wieder anzufachen. Aus dem Dreigestirn von Verkaufs-, Informations- und Prozess-Portal ergibt sich folglich das VIP-Portal. Das VIP-Portal wird bald in Schmuckform auf den Markt kommen, als Mini-RZ funktionieren und als Ohrclip oder Piercingbömmelchen die Navigation des Traum-Consumers in die vorprogrammierte Zukunft übernehmen.

Nun, ganz so schlimm wird es schon nicht werden (ist Glaube, nicht Wissen).

Wie Sie sehen, der Fortschritt ist auch eine unermüdlich sprudelnde Quelle für neue Begriffe. Es ist immer eine gute Sache, einen komplexen Vorgang unter das Dach eines Begriff zu schieben, um lange Erklärungen zu vermeiden, die dann doch gegeben werden müssen. Durch ein Portal geht niemand, wenn er nicht Lockendes dahinter vermutet oder weiß. Die Krönung ist, wenn solch ein Sammelbegriff dann selbst zur Verlockung wird. Und "Portale" sind verlockend, so verlockend, dass man sie den künftigen Usern schon jetzt zum Frühstücksbrötchen gereicht, obgleich der Begriff gerade erst entstanden ist.

Aber muss es wirklich sein, dass man einen normalerweise verständlichen Begriff in eine obskure Abkürzung verstümmelt, die nur noch der Mann fürs Business versteht, aber nicht mehr der Consumer? Ich meine die Abkürzungen, die wirklich Blüten treiben und nicht nur manchen Übersetzer mit weißer Fahne auf eine einsame Insel scheuchen. Solche B2C-Blocker müssen weg. Aber wir sind ja flexibel. An viele Akronyme haben wir uns bereits gewöhnt. Dass www für world wide web steht, weiß mittlerweile jeder. Wenn aber World Wide Web Consortium zum W3C wird, dann denkt man an WC und hält die 3 für einen Dreifachnutzen.

Mit anderen Worten, Business und Consumer rücken enger zusammen. Portale sind für Gemeinsamkeiten gute Sammel- und Verteilerpunkte. Ohne B2C-Blocker wäre manches leichter - und damit auch vertrauenserweckender. Solange wir der Sprache überhaupt noch mächtig sind und sie nicht durch Bildchen ersetzen müssen, so lange sollten wir eine "gemeinsam" verständliche Sprache und Umgangsform finden, die dann auch zur gewünschten "win-win"-Situation führt.

Ihre
Roswitha R. Kortheuer
EDV-Studio Langenfeld/NRW

HMD, Heft 215, Oktober 2000

hosted by dpunkt.verlag