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Einwurf |
Informations-Portale sind ja ganz schön, aber irgendwo hört der Spaß auf!
Jetzt ist es passiert! Die STARGÅTES kommen. Nur heißen
sie bei uns jetzt "PORTALE". Die ersten "Portale" schwemmen
bereits auf Radiowellen heran und ertränken die eigentliche
Information durch die Dominanz dieses ungeläufigen Begriffes.
Da sitzt man so als harmloser Normalmensch am
Frühstückstisch, mampft noch leicht verschlafen sein
Schinkenbrötchen, will gerade die Tasse mit köstlichem
Schonkaffee zum Munde heben, da plötzlich kommt ein
Frühstückswerbebotschaftsschocker: "Das XY-Portal liefert
Ihnen alle Informationen. Das XY-Portal öffnet Ihnen
ungeahnte Einkaufsmöglichkeiten..". Stutz. Schluck. "Watt
is??"
Vom Hören einer Botschaft bis zum Verstehen einer Botschaft
spannt sich ein Gummibandzeitraum, der bestimmt wird durch
Häufigkeit (Pädagogik heißt 'immer wieder sagen') sowie
Aufnahmefähigkeit ('Die Botschaft hör ich wohl'...) und
Aufnahmebereitschaft (.. allein, mir fehlt der Glaube').
Aufklärung tut not. Dass ein Portal keine neue Art von Aldi-
Gruppe ist, ist schon klar. Aber was sonst?
Also zunächst: Ein "Portal" ist so eine Art globales Pendant
zum galaktischen Stargåte oder dem Himmelstor. Die mit dem
letzteren verbundene Vorstellung, dass nur jemand
hineinkommt, aber nicht wieder heraus, soll aber wohl
vermieden werden. Ein "Portal" ist keine Einweglösung.
Ein Portal ist wie ein großes Tor, durch das große
Informationsmengen aus einem speziellen Interessenkreis
strömen, wie Gläubige durch das Portal einer Kathedrale. Man
kann diese Informationen auch genauso benutzen, d.h., man
kann entscheiden, ob man hingehen will oder nicht.
Portale haben gegenüber den Stargåtes den Vorteil, dass man
nicht einfach "weggelutscht" wird, wenn man zu nahe ran geht,
aber auch den Nachteil, dass man Menschen überhaupt nicht
mehr zu Gesicht bekommt. Braucht man vielleicht auch nicht,
wenn es sich nur um Reinigungsgeräte, Baumaterial oder Bücher
handelt. Bei Medizin ist das schon etwas anderes, es sei
denn, dieses Verkaufs-Portal hat einen direkten "Link" zur
Himmelspforte zwecks galaktisch kompatibler Entsorgung, oder
zu einem Prozess-Portal, um dort als gentechnisches
Recyclingmaterial zum Aufpäppeln E-ermüdeter Consumer wieder
verwendet zu werden. Dieses galaktische Viagra-Manna wird
dann natürlich auch durch das Informations-Portal geschickt,
um die Gier nach elektronischen Segnungen als sog. B2C-Kicker
wieder anzufachen. Aus dem Dreigestirn von Verkaufs-,
Informations- und Prozess-Portal ergibt sich folglich das
VIP-Portal. Das VIP-Portal wird bald in Schmuckform auf den
Markt kommen, als Mini-RZ funktionieren und als Ohrclip oder
Piercingbömmelchen die Navigation des Traum-Consumers in die
vorprogrammierte Zukunft übernehmen.
Nun, ganz so schlimm wird es schon nicht werden (ist Glaube,
nicht Wissen).
Wie Sie sehen, der Fortschritt ist auch eine unermüdlich
sprudelnde Quelle für neue Begriffe. Es ist immer eine gute
Sache, einen komplexen Vorgang unter das Dach eines Begriff
zu schieben, um lange Erklärungen zu vermeiden, die dann doch
gegeben werden müssen. Durch ein Portal geht niemand, wenn er
nicht Lockendes dahinter vermutet oder weiß. Die Krönung ist,
wenn solch ein Sammelbegriff dann selbst zur Verlockung wird.
Und "Portale" sind verlockend, so verlockend, dass man sie
den künftigen Usern schon jetzt zum Frühstücksbrötchen
gereicht, obgleich der Begriff gerade erst entstanden ist.
Aber muss es wirklich sein, dass man einen normalerweise
verständlichen Begriff in eine obskure Abkürzung verstümmelt,
die nur noch der Mann fürs Business versteht, aber nicht mehr
der Consumer? Ich meine die Abkürzungen, die wirklich Blüten
treiben und nicht nur manchen Übersetzer mit weißer Fahne auf
eine einsame Insel scheuchen. Solche B2C-Blocker müssen weg.
Aber wir sind ja flexibel. An viele Akronyme haben wir uns
bereits gewöhnt. Dass www für world wide web steht, weiß
mittlerweile jeder. Wenn aber World Wide Web Consortium zum
W3C wird, dann denkt man an WC und hält die 3 für einen
Dreifachnutzen.
Mit anderen Worten, Business und Consumer rücken enger
zusammen. Portale sind für Gemeinsamkeiten gute Sammel- und
Verteilerpunkte. Ohne B2C-Blocker wäre manches leichter - und
damit auch vertrauenserweckender. Solange wir der Sprache
überhaupt noch mächtig sind und sie nicht durch Bildchen
ersetzen müssen, so lange sollten wir eine "gemeinsam"
verständliche Sprache und Umgangsform finden, die dann auch
zur gewünschten "win-win"-Situation führt.
Ihre
Roswitha R. Kortheuer
EDV-Studio Langenfeld/NRW
HMD, Heft 215, Oktober 2000
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