HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik

ISSN 1436-3011

12.03.2010


Home
Suche
HMD aktuell
Aktuelle Ausgabe
40 Jahre HMD
Vorschau
Buchbesprechungen
HMD-Glossar
Veranstaltungskalender
HMD beziehen
HMD Probeabo
HMD Abo
HMD Einzelheft
Bezugsbedingungen
HMD archiv
HMD Info
Mehr über HMD
Herausgebergremium
Gastherausgeber
Mediadaten
Redaktion /' Verlag
Impressum
Autoren/ Gutachter
Autorenrichtlinien
Autorenfragebogen
Gutachter für die HMD
Beurteilungsbogen

Mobile Commerce      

[Zurück zum Inhaltsverzeichnis -
- Feedback an den Herausgeber]

Einwurf

Die Ruhe ist vorbei. Nach den unvermeidlichen Portalen für Business-to-Consumer- und Business-to-Business-Anwendungen in der "festen" Welt kommen nun die Portale fürs Handy. Eine der letzten Oasen der Ruhe vor dem Web wird uns nun auch genommen.

Und tatsächlich, die Welt könnte so schön sein: Spontane Idee zum Flug nach Mailand, Buchen vom Auto aus per Mobiltelefon, check-in und check-out am Flughafen per Handy, aktuelle Wetterinfos in Mailand via SMS, das WAP-Portal lässt mich das Hotel buchen und sofort bezahlen. Ankunft in Mailand, das Handy wirkt als persönlicher Reiseassistent und "Zu-Fuß- Navigationssystem". Kein Stress, keine Probleme, einfach das Handy nehmen und alles funktioniert. Vom Planen einer Reise bis zum mobilen Büro.

Zukunftsmusik? Nicht, wenn es nach den Wünschen der Mobilfunker geht. GPRS, HSCSD, UMTS, M-Commerce, M-Business - Worte und Abkürzungen, die durch die Presse gehen. Die Zahl derjenigen, die diese Errungenschaften der 3G-Geräte der dritten Mobilfunkgeneration preisen, wird nicht geringer. Ebenso nimmt aber auch die Zahl derer zu, die Skepsis gegenüber mobilen Anwendungen äußern. Die Frage "Wer braucht das überhaupt?", erscheint immer häufiger.

Kein Zweifel, das Szenario mit dem Handy als ständigem Begleiter in der Tasche alles überall machen zu können, klingt schön. Nur wer betrachtet die Nebeneffekte? Ständiges Eingeloggt sein ins Mobilnetz, ortsabhängige Dienste, Informationen überall und an jedem Ort? Macht dies den Menschen nicht eigentlich zum Sklaven der Technik selbst? Wer kümmert sich um die schützenswerten Belange? Wenn Sie auf der Straße bei den Nutzern, der Zielgruppe, nachfragen, wird es klarer. Kaum jemand wird davon begeistert sein, dass die Technik es möglich macht, dass der Mobilfunkbetreiber den Standort des Nutzers stets genau bestimmen kann.

In einer Zeit, in der das Mobiltelefon vom Status- und Nutzobjekt für Manager und Vielreisende zum Lifestyle-Objekt für die Jugend mutiert ist, gehört ständige Erreichbarkeit nicht mehr zum Privileg. Vielmehr wird es ein Privileg für den modernen und mobilen Schaffenden, nicht erreichbar zu sein. Wer möchte schon, dass auf dem Golfplatz ständig das Telefon seinen Besitzer "stört"?

Legt man diese Faktoren nebeneinander, wird wiederum die Frage nach dem Sinn deutlicher. Unstrittig ist, dass es mobile Anwendungen gibt, die das Geschäfts- und Alltagsleben leichter machen können. Dazu zählen sicherlich die unvermeidlichen WAP-Seiten der verschiedensten Dienstleister. Allerdings nur, wenn diese gut und einfach gemacht sind. Komplexe Bedienweisen lassen hier schnell den Spaß an der Sache vergehen. Mit ein Grund, warum ich auf ein solches Gerät lieber verzichte.

Zu den kleinen Helfern gehören sicherlich auch die HSCSD- und GPRS-Geräte, die die Geschwindigkeit der Datenübertragung von unterwegs ins Büro beschleunigen und die Gebühren nach dem Volumen und - bei großen Datenmengen gottlob - nicht nach der Zeit abrechnen.

Unabhängig davon sollten aber die nicht unerheblichen Investitionen in Netzinfrastruktur und Frequenzlizenzen betrachtet werden. Kein M-Commerce ohne entsprechende Technik. Aber, mal ehrlich, wer glaubt, dass sich die Milliardeninvestitionen der Telekommunikationsanbieter amortisieren werden? Die Kritik an Ron Sommer, den Vorstand der Deutschen Telekom, ist nur ein Indiz dafür, dass der Glaube an die Gelder, die in UMTS geflossen sind, nachlässt. Ist nicht auch die Entscheidung der Regulierungsbehörde in Deutschland, die nun die Zusammenarbeit der Anbieter zulässt, als ein weiteres Indiz dafür zu werten, dass sich die Telekommunikationsanbieter übernommen haben?

Aber das verwundert nicht weiter. Zwar ist die Bandbreite bei UMTS mit fast 2 Megabit pro Zelle sehr groß, aber am Beispiel des Frankfurter Flughafens werden Nachteile deutlich. An diesem Drehkreuz werden vermutlich mehrere tausend Menschen täglich einen UMTS-Dienst nutzen. Stellen Sie sich nun den Flughafen als eine Zelle vor. Hier entsteht also ein Netzwerk, auf dem sich mehrere tausend Menschen eine Bandbreite von knapp 2 Megabit teilen und das nur, wenn sie sich mit maximal 10 km/h bewegen. Zum Vergleich, ein privater DSL-Anschluss der Telekom hat bereits knapp ein Megabit (768 kBit) - und das nutze ich für mich alleine. Wahrscheinlich steht UMTS demnächst nicht mehr für Universal Mobile Telecommunications System, sondern für Unused Mobile Telecommunication Standard.

Vom High-Speed-Internet auf dem kleinen ständigen Begleiter ist es nicht mehr weit zu einer sozialen Kultur, die die einfachsten Zusammenhänge des menschlichen Lebens vergisst. Ich sehe schon jeden auf der Straße auf sein Handy starren und stupide den Pfeilen folgen, die ihm sein Navigationsassistent nennt. Der anrufbare Golfball mit GPS-Ortung, damit man ihn auch im Gebüsch findet, ist sicherlich auch nicht mehr weit.

Abseits von allen Unkenrufen und Kritiken an den Vorgehensweisen der Telekommunikationsanbieter: Nicht nur die Infrastrukturler leiden an Finanzproblemen, auch die Mobilfunkhersteller vermelden immer häufiger, es werde Durststrecken im Geschäft geben. Aber ohne viele verkaufte Mobiltelefone der neuen Generation können die Marktschätzungen niemals erreicht werden. Also stellt sich die Frage: Wo ist der Markt für die Angebote, die die neue Mobilfunkgeneration nutzen? Unabhängig davon fragt sich mancher: Welche Angebote?

Es bleiben bei Mobile Commerce und Mobile Business noch viele Fragen nach Sinn und Unsinn der Technologien und der Möglichkeiten offen. Nimmt man dazu, dass die wirklich allerletzte internetfreie Zone, das Flugzeug, nun auch noch ins Netz verwebt werden soll, freue ich mich darauf, bald auf eine einsame Insel zu kommen. Aber nicht ohne mein Handy :-)

Denn dieses werde ich auf der einsamen Insel dringend benötigen. Der nächste Schritt ist nämlich der Computer in der Kleidung. Und zumindest etwas Festes für die Regentage werde ich auf meiner einsamen Insel schon anziehen müssen. "Wearable Computing" ist die Strategie, Internet und mobile Angebote möglichst bequem in den Alltag einziehen zu lassen. In die Kleidung eingelassene technische Spielereien wie MP3- Player, Monitore u.a. lassen den modernen Menschen zu einem Nomaden in der modernen Datenwelt werden.

Allerdings haben diese anziehbaren und vollwaschbaren Computer auch ihre durchaus sinnvollen Einsatzgebiete. In der Notfallmedizin oder in anderen Aufgabenbereichen, wo einfach beide Hände frei sein müssen, damit der Arbeiter seine Arbeit verrichten kann. Hier leisten anziehbare Computer sicherlich gute Dienste. In Verbindung mit einer mobilen Internetverbindung und einer Kamera kann in der Notfallmedizin auf diese Weise eine wichtige Lücke zwischen Krankenhaus und Rettungswagen geschlossen werden. Alle wichtigen Patientendaten können "Real Time" zum Krankenhaus geschickt werden, das sich dann vorbereiten kann.

Nun zurück zu meiner einsamen Insel. Die Vorteile des Internets und mobiler Internetanwendungen sind sicherlich unstrittig. Allerdings wird sie wahrscheinlich kaum jeder in absehbarer Zeit nutzen. Schon bei festem E-Commerce hat sich eine hausgemachte Krise breit gemacht, aus der die Unternehmen nur sehr schwer wieder herauskommen. Gleiches wird sich auch beim M-Commerce wiederholen. Nachdem vor einigen Jahren das Potenzial mobiler Internetanwendungen maßlos unterschätzt worden ist, wird es nun - genau umgekehrt - maßlos überschätzt. Ein altbekanntes Muster, das aber hoffen lässt. Denn in den kommenden fünf bis zehn Jahren schlägt die Stunde der Strategen, die eine tief greifende Implementierung der neuen mobilen Technologien folgen lassen wird.

Frederik Humpert
Freier Journalist und Unternehmensberater
Schottlandstr. 6f
59368 Werne
frederik.humpert@brainput.de
mailto:fh@frederikhumpert.de
www.frederikhumpert.de

HMD, Heft 220, August 2001

hosted by dpunkt.verlag