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Die Ruhe ist vorbei. Nach den unvermeidlichen Portalen für
Business-to-Consumer- und Business-to-Business-Anwendungen in
der "festen" Welt kommen nun die Portale fürs Handy. Eine der
letzten Oasen der Ruhe vor dem Web wird uns nun auch
genommen.
Und tatsächlich, die Welt könnte so schön sein: Spontane Idee
zum Flug nach Mailand, Buchen vom Auto aus per Mobiltelefon,
check-in und check-out am Flughafen per Handy, aktuelle
Wetterinfos in Mailand via SMS, das WAP-Portal lässt mich das
Hotel buchen und sofort bezahlen. Ankunft in Mailand, das
Handy wirkt als persönlicher Reiseassistent und "Zu-Fuß-
Navigationssystem". Kein Stress, keine Probleme, einfach das
Handy nehmen und alles funktioniert. Vom Planen einer Reise
bis zum mobilen Büro.
Zukunftsmusik? Nicht, wenn es nach den Wünschen der
Mobilfunker geht. GPRS, HSCSD, UMTS, M-Commerce, M-Business -
Worte und Abkürzungen, die durch die Presse gehen. Die Zahl
derjenigen, die diese Errungenschaften der 3G-Geräte der
dritten Mobilfunkgeneration preisen, wird nicht geringer.
Ebenso nimmt aber auch die Zahl derer zu, die Skepsis
gegenüber mobilen Anwendungen äußern. Die Frage "Wer braucht
das überhaupt?", erscheint immer häufiger.
Kein Zweifel, das Szenario mit dem Handy als ständigem
Begleiter in der Tasche alles überall machen zu können,
klingt schön. Nur wer betrachtet die Nebeneffekte? Ständiges
Eingeloggt sein ins Mobilnetz, ortsabhängige Dienste,
Informationen überall und an jedem Ort? Macht dies den
Menschen nicht eigentlich zum Sklaven der Technik selbst? Wer
kümmert sich um die schützenswerten Belange? Wenn Sie auf der
Straße bei den Nutzern, der Zielgruppe, nachfragen, wird es
klarer. Kaum jemand wird davon begeistert sein, dass die
Technik es möglich macht, dass der Mobilfunkbetreiber den
Standort des Nutzers stets genau bestimmen kann.
In einer Zeit, in der das Mobiltelefon vom Status- und
Nutzobjekt für Manager und Vielreisende zum Lifestyle-Objekt
für die Jugend mutiert ist, gehört ständige Erreichbarkeit
nicht mehr zum Privileg. Vielmehr wird es ein Privileg für
den modernen und mobilen Schaffenden, nicht erreichbar zu
sein. Wer möchte schon, dass auf dem Golfplatz ständig das
Telefon seinen Besitzer "stört"?
Legt man diese Faktoren nebeneinander, wird wiederum die
Frage nach dem Sinn deutlicher. Unstrittig ist, dass es
mobile Anwendungen gibt, die das Geschäfts- und Alltagsleben
leichter machen können. Dazu zählen sicherlich die
unvermeidlichen WAP-Seiten der verschiedensten Dienstleister.
Allerdings nur, wenn diese gut und einfach gemacht sind.
Komplexe Bedienweisen lassen hier schnell den Spaß an der
Sache vergehen. Mit ein Grund, warum ich auf ein solches
Gerät lieber verzichte.
Zu den kleinen Helfern gehören sicherlich auch die HSCSD- und
GPRS-Geräte, die die Geschwindigkeit der Datenübertragung von
unterwegs ins Büro beschleunigen und die Gebühren nach dem
Volumen und - bei großen Datenmengen gottlob - nicht nach der
Zeit abrechnen.
Unabhängig davon sollten aber die nicht unerheblichen
Investitionen in Netzinfrastruktur und Frequenzlizenzen
betrachtet werden. Kein M-Commerce ohne entsprechende
Technik. Aber, mal ehrlich, wer glaubt, dass sich die
Milliardeninvestitionen der Telekommunikationsanbieter
amortisieren werden? Die Kritik an Ron Sommer, den Vorstand
der Deutschen Telekom, ist nur ein Indiz dafür, dass der
Glaube an die Gelder, die in UMTS geflossen sind, nachlässt.
Ist nicht auch die Entscheidung der Regulierungsbehörde in
Deutschland, die nun die Zusammenarbeit der Anbieter zulässt,
als ein weiteres Indiz dafür zu werten, dass sich die
Telekommunikationsanbieter übernommen haben?
Aber das verwundert nicht weiter. Zwar ist die Bandbreite bei
UMTS mit fast 2 Megabit pro Zelle sehr groß, aber am Beispiel
des Frankfurter Flughafens werden Nachteile deutlich. An
diesem Drehkreuz werden vermutlich mehrere tausend Menschen
täglich einen UMTS-Dienst nutzen. Stellen Sie sich nun den
Flughafen als eine Zelle vor. Hier entsteht also ein
Netzwerk, auf dem sich mehrere tausend Menschen eine
Bandbreite von knapp 2 Megabit teilen und das nur, wenn sie
sich mit maximal 10 km/h bewegen. Zum Vergleich, ein privater
DSL-Anschluss der Telekom hat bereits knapp ein Megabit (768
kBit) - und das nutze ich für mich alleine. Wahrscheinlich
steht UMTS demnächst nicht mehr für Universal Mobile
Telecommunications System, sondern für Unused Mobile
Telecommunication Standard.
Vom High-Speed-Internet auf dem kleinen ständigen Begleiter
ist es nicht mehr weit zu einer sozialen Kultur, die die
einfachsten Zusammenhänge des menschlichen Lebens vergisst.
Ich sehe schon jeden auf der Straße auf sein Handy starren
und stupide den Pfeilen folgen, die ihm sein
Navigationsassistent nennt. Der anrufbare Golfball mit GPS-Ortung,
damit man ihn auch im Gebüsch findet, ist sicherlich
auch nicht mehr weit.
Abseits von allen Unkenrufen und Kritiken an den
Vorgehensweisen der Telekommunikationsanbieter: Nicht nur die
Infrastrukturler leiden an Finanzproblemen, auch die
Mobilfunkhersteller vermelden immer häufiger, es werde
Durststrecken im Geschäft geben. Aber ohne viele verkaufte
Mobiltelefone der neuen Generation können die
Marktschätzungen niemals erreicht werden. Also stellt sich
die Frage: Wo ist der Markt für die Angebote, die die neue
Mobilfunkgeneration nutzen? Unabhängig davon fragt sich
mancher: Welche Angebote?
Es bleiben bei Mobile Commerce und Mobile Business noch viele
Fragen nach Sinn und Unsinn der Technologien und der
Möglichkeiten offen. Nimmt man dazu, dass die wirklich
allerletzte internetfreie Zone, das Flugzeug, nun auch noch
ins Netz verwebt werden soll, freue ich mich darauf, bald auf
eine einsame Insel zu kommen. Aber nicht ohne mein Handy
Denn dieses werde ich auf der einsamen Insel dringend
benötigen. Der nächste Schritt ist nämlich der Computer in
der Kleidung. Und zumindest etwas Festes für die Regentage
werde ich auf meiner einsamen Insel schon anziehen müssen.
"Wearable Computing" ist die Strategie, Internet und mobile
Angebote möglichst bequem in den Alltag einziehen zu lassen.
In die Kleidung eingelassene technische Spielereien wie MP3-
Player, Monitore u.a. lassen den modernen Menschen zu einem
Nomaden in der modernen Datenwelt werden.
Allerdings haben diese anziehbaren und vollwaschbaren
Computer auch ihre durchaus sinnvollen Einsatzgebiete. In der
Notfallmedizin oder in anderen Aufgabenbereichen, wo einfach
beide Hände frei sein müssen, damit der Arbeiter seine Arbeit
verrichten kann. Hier leisten anziehbare Computer sicherlich
gute Dienste. In Verbindung mit einer mobilen
Internetverbindung und einer Kamera kann in der
Notfallmedizin auf diese Weise eine wichtige Lücke zwischen
Krankenhaus und Rettungswagen geschlossen werden. Alle
wichtigen Patientendaten können "Real Time" zum Krankenhaus
geschickt werden, das sich dann vorbereiten kann.
Nun zurück zu meiner einsamen Insel. Die Vorteile des
Internets und mobiler Internetanwendungen sind sicherlich
unstrittig. Allerdings wird sie wahrscheinlich kaum jeder in
absehbarer Zeit nutzen. Schon bei festem E-Commerce hat sich
eine hausgemachte Krise breit gemacht, aus der die
Unternehmen nur sehr schwer wieder herauskommen. Gleiches
wird sich auch beim M-Commerce wiederholen. Nachdem vor
einigen Jahren das Potenzial mobiler Internetanwendungen
maßlos unterschätzt worden ist, wird es nun - genau umgekehrt
- maßlos überschätzt. Ein altbekanntes Muster, das aber
hoffen lässt. Denn in den kommenden fünf bis zehn Jahren
schlägt die Stunde der Strategen, die eine tief greifende
Implementierung der neuen mobilen Technologien folgen lassen
wird.
Frederik Humpert
Freier Journalist und Unternehmensberater
Schottlandstr. 6f
59368 Werne
frederik.humpert@brainput.de
mailto:fh@frederikhumpert.de
www.frederikhumpert.de
HMD, Heft 220, August 2001
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