Business Intelligence |
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Einwurf |
DAISYTOWN ist überall
Wenn jemand "Gold!!!" schreit, schnappt sich jeder eine
Schaufel und rennt los, um seinen Claim abzustecken. Danach
schippt und gräbt er wie verrückt, siebt und wäscht und pult
nach den Nuggets. Wenn er Glück hat, findet er welche. Dann
steckt er sie in die Tasche. Oder in einen Lederbeutel und
setzt sich drauf. Und wenn es zu viele sind, muss er sie
anderswo verstecken. Also vergräbt er sie an einem Ort, an
dem sie keiner findet. Er leider auch nicht. Also schnappt er
sich sein Werkzeug wieder und gräbt und buddelt so lange, bis
er seine Goldklümpchen wieder entdeckt. Und damit sein
nächster Nachbar ja nichts merkt, stapelt er seine Nuggets
in einem Kästchen, legt dieses in eine Truhe und schiebt
selbige unter sein Bett. Auf diese Weise kann kein Nugget
flüchten und er ruhig schlafen. Bis er die Miete zahlen muss.
Im Grunde arbeiten die heutigen Data Miner auch nicht viel
anders, höchstens mit anderen Werkzeugen und anderen
Begriffen. Das Gold von damals ist das Wissen von heute. Und
es ist reichlich viel Wissen, das vergraben wurde und somit
niemand mehr nützt. Sollte es ja auch nicht. Die Nuggets
waren ja nur für den Digger selbst gedacht, nicht für seinen
Nearest Neighbour. Gibt es nicht auch heute noch Blue und
White Collar Workers, die ihr Wissen für sich behalten, um
sich einen Vorsprung zu sichern und sich mit dem Nimbus des
Unentbehrlichen zu umgeben? Knowledge zu vervielfältigen ist
die einzige Möglichkeit, Zeit zu gewinnen und Geld zu sparen,
das man dann für Spezialwerkzeuge wieder ausgeben muss.
Der abgesteckte Claim ist das Unternehmen, in dem das Wissen
verbuddelt ist - in Schubladen, Aktentaschen, Notebooks und
Computern. Wer sucht, der findet, ist zwar wahr, ignoriert
aber den Faktor Zeit. Also muss ein Knowledge Manager her,
der sich erst mal einen Überblick über das geordnete Chaos
schaffen muss. Es ist ja nicht so, dass alle, die ihr Wissen
irgendwo aufbewahren, "unordentlich" sind. Sie sind meist
sogar "sehr ordentlich", denn jeder findet sich ja in seinem
individuellen Retrievalsystem sehr gut zurecht. Nur zusammen
klappt das halt nicht. Also muss man erst mal alles
zusammensuchen (Extrahieren), dann in eine brauchbare Form
bringen (Transformieren) und schließlich den Unwissenden
zugänglich machen (Laden). Solche ETL-Werkzeuge stehen den
Wissbegierigen zur Verfügung. Diese bedienen sich dann so,
wie sie im Kaufhaus oder Supermarkt einkaufen würden. Sie
gehen ins Data Warehouse und durchsuchen die Regale, bis sie
das gefunden haben, was sie brauchen. Knowledge Discovery in
Databases nennt man das - kurz KDD (Keiner Darf Drängeln).
Es kann natürlich sein, dass die BI (Business Intelligence)
des Golden Retrievers der Fülle des abrufbaren Know-hows
nicht ganz gewachsen ist. In diesem Falle wird der
Wissensdurstige sein Intelligenz-Labsal mit Spickzetteln
würzen. Diese hebt er dann wieder dort auf, wo sie ihm am
geeignetsten erscheinen: in der Schublade, im Ärmel, an der
Pinwand oder in seinem PC. Dort nützen sie "einem", aber
nicht allen. Denn wenn Alois Huber eine abgerufene
Information mit "Schmarrn" bezeichnet, dann hat Ali Öztürk
ein Problem.
Heute spricht man nicht mehr miteinander, sondern
"kommuniziert" nur noch übers Internet oder Intranet.
Irgendwo ist Big Brother immer dabei. Er zählt und notiert,
wer sich wo, warum und wie oft durch welche Informationen
geklickt hat (Log-Mining, Usage-Mining). Wir bauen gewaltige
Gebilde aus Daten und Informationen auf, wir schreiben uns
die Finger wund mit Fachartikeln, wir bringen
Terminologiedatenbanken zum Bersten und geraten in Panik,
wenn wir für alte Erkenntnisse keine neuen Namen finden. Wir
verlernen, uns einfach auszudrücken. Wir sprechen Denglisch
(Deutsch-Englisch) und geben den Dingen durch
Wortgewaltigkeit Gewicht. Wie schrieb einmal ein berühmter
Mann an seine Geliebte: "Da ich keine Zeit habe, Dir einen
kurzen Brief zu schreiben, schreibe ich Dir einen langen!"
Statt: "Johann, der Du geringer bist und doch mir gleich,
nähere Dich mir Dich beugend und befreie meine Füße von der
Last des staubatmenden Kalbfells."
Könnte man auch sagen: "Johann, zieh mir die Schuhe aus."
Roswitha R. Kortheuer
EDV-Studio Roswitha Kortheuer
Übersetzungsbüro für Informationstechnologie
40764 Langenfeld / NRW
edvkort001@aol.com
Dieses Heft ist vergriffen, d.h. nicht mehr lieferbar. Eine Neuauflage ist nicht geplant.
Die Beiträge aus diesem Heft sind jedoch noch separat und kostenpflichtig unter
www.genios.de erhältlich.
HMD, Heft 222, Dezember 2001
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