HMD 223, 39. Jahrgang, Februar 2002

Elektronische Märkte

Herausgeber: Heidi Heilmann

Editorial

Als das vorliegende HMD-Schwerpunktthema "Elektronische Märkte" im Jahr 2000 geplant wurde, hatten E-Business-Themen bei den IT-Verantwortlichen in Deutschland höchste Priorität. Das hat sich im vergangenen Jahr 2001 gewandelt: An der Spitze der wichtigsten IT-Themen stand 2001 die Steigerung der Unternehmenseffizienz, unter den ersten zehn fand sich kein direkt auf E-Business bezogenes Thema mehr.

Diese Veränderung spiegeln auch elektronische Märkte wider. Während 1996-1998 in Deutschland nur 31 neue elektronische B2B-Marktplätze entstanden, nahm ihre Zahl ab 1999 immer schneller zu: Nach Berlecon Research entstanden im Jahr 2000 durchschnittlich zwei neue Marktplätze pro Woche! Von den 183 "aktiven" B2B-Marktplätzen, die Berlecon für Mitte 2001 ermittelt hat, sind 40 in den Jahren 1995 bis 1999 gegründet worden, 104 in 2000 - und nur noch 20 in 2001. Zahlen anderer Marktforschungsunternehmen divergieren in Details, zeigen aber denselben Trend. Ihn belegen weitere aktuelle Nachrichten; z.B. hat die Deutsche Bank ihr Budget für alle E-Commerce-Aktivitäten im Sommer 2001 um ein rundes Drittel gekürzt.

Steigerung der Unternehmenseffizienz und in Verbindung damit auch Rationalisierung der IT lassen das Pendel (wahrscheinlich wieder einmal zu stark) nach der anderen Seite ausschlagen. Umsatzwachstum gilt nicht mehr unbegrenzt als Ersatz für Rentabilität, die Wirtschaftlichkeit von Projekten im E-Business-Bereich und damit auch von elektronischen Marktplätzen muss vorab quantifiziert werden. Diesen neuen Trends versuchen die Geschäftsleitungen auch dadurch gerecht zu werden, dass sie sich selbst in E- Business-Fragen engagieren bzw. neue, ihnen direkt unterstellte Stabsstellen für diesen Bereich einrichten.

B2B-Marktplätze sind zahlreicher und erfolgreicher als B2C- Marktplätze. Und innerhalb des B2B-Sektors dominieren Marktplätze, die von großen, weltweit tätigen Unternehmen allein (z.B. VW) oder im Rahmen von Konsortien (z.B. Covisint) gegründet worden sind. Neben diesen Marktplätzen für direkte Güter behaupten sich horizontale Marktplätze im so genannten MRO-Bereich (Maintenance, Repair, Operating Goods). Aktuelle Projekte zielen einerseits auf die Erweiterung der Marktplatzfunktionen um zusätzliche Dienstleistungen (z.B. Edu-Commerce, d.h. E-Learning-Angebote zur verstärkten Kundenbindung und -gewinnung) bzw. die bessere Unterstützung direkter Zusammenarbeit zwischen den Marktpartnern (Collaboration, Collaborative oder C-Commerce). Genauso wichtig werden andererseits Integrationsaufgaben eingeschätzt, die eine weitgehend automatisierte Anbindung der Marktplatzfunktionen an die inner- und zwischenbetrieblichen Prozesse der Marktpartner ermöglichen sollen.

Aus dieser Vielzahl von Themen haben wir für Sie im vorliegenden Heft die folgenden ausgewählt:

  • Wie Ihnen längst vertraut, steht ein Grundlagenbeitrag am Anfang. Klein, Gogolin und Dziuk behandeln "Elektronische Märkte im Überblick". Gestaltungsoptionen und -parameter elektronischer Märkte werden systematisch dargestellt und ihre alternativen Entwicklungspfade verdeutlicht.
  • Die nächsten vier Beiträge befassen sich mit speziellen Ausprägungen elektronischer Märkte. Cäsar, Alt und Grau entwickeln ein Bewertungsmodell für "Elektronische Marktplätze im Handels- und Konsumgüterbereich" und berichten über die Ergebnisse ihrer empirischen Studie im Sommer 2001 zu 31 Marktplätzen dieser Ausrichtung. Bach und Christ beschreiben "Content-Marktplätze aus Prozess-Sicht". Spiliopoulou, Müller und Lenz spezialisieren sich auf "Expertenrat in E-Marketplaces" und stellen neben einem Modell für Wissensmarktplätze auch vier konkrete Beispiele vor. Klaue berichtet über das Projekt "Elektronischer Marktplatz zur Personal-Akquisition", das - über herkömmliche Jobbörsen hinausgehend - die Benutzerfreundlichkeit durch den Einsatz von Softwareagenten und Fuzzy Logic erhöhen will.
  • Die Beiträge 6 bis 9 konzentrieren sich auf spezielle Fragen im E-Business- und Marktplatzbereich. Heinrich und Thonabauer erläutern die "Messung des EB-Potenzials und der EB-Nutzung"; sie zeigen auf, wie ein Unternehmen methodisch vorzugehen hat, das sein potenzielles und tatsächliches Engagement auf elektronischen Marktplätzen und im E-Business (EB) insgesamt zur Deckung bringen will. Raepple behandelt "Sicherheit in elektronischen Märkten"; er beschreibt ausgehend von den Sicherheitsanforderungen organisatorische und technische Sicherheitsmaßnahmen auf Marktplätzen. Merz belegt in "Eine Kosten-/Nutzenanalyse der standardisierten B2B-Kommunikation am Beispiel des papiNet-Projekts", dass Standardisierung (von Geschäftsprozessen, Dokumentenformaten und Kommunikationssoftware sowie -protokollen) beachtliche Kostenreduzierungen verspricht. Schanz stellt das in den USA entstandene und dort schon breiter eingesetzte Konzept des "EBPP - Electronic Bill Presentment und Payment" und seine alternativen Betreibermodelle vor.
  • Die beiden letzten Beiträge zum Schwerpunktthema schließlich behandeln konkrete Beispiele. Zu den (bspw. auch bei Berlecon Research beobachteten) Veränderungen im Marktplatzbereich gehören auch strategische Umorientierungen zu neuen Geschäftsmodellen. Die "E-Commerce-Fallstudie 1999-2001: Von net-tissimo zu net-promotions" von Berger, Harabi und Heilmann belegt diese Entwicklung am Beispiel eines Schweizer Unternehmens, dessen Geschäftsideen und Kunden sich in nur drei Jahren deutlich verändert haben. Auch der Beitrag von Naegele "quiBiq.de - eCommerce Service Providing (eSP)" lässt die Veränderung der Marktplatzfunktionen, hier in Form weiter gehender Serviceangebote für Kunden dieses MRO-Marktplatzes, erkennen.

Redaktion und Herausgeber wünschen Ihnen viele Anregungen und dass Sie sich und Ihr Unternehmen erfolgreich auf elektronischen Marktplätzen positionieren.

Heidi Heilmann

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