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Sicherheit im Business-to-Consumer-Markt - um jeden Preis?
Selbst heute noch redet alle Welt von den Zauberworten E-Business, E-
und M-Commerce als einzige Lösung, um Kunden zu halten, neue zu
gewinnen, in neue Märkte zu expandieren, kostengünstiger zu
produzieren etc. - kurz, um auch zukünftig wirtschaftlich bestehen zu
können. Betrachtet man die Bemühungen der letzten Jahre,
Geschäftsprozesse digital abzubilden, und nähme all diese Aussagen
ernst, müssten wir mittlerweile von florierenden E-Landschaften
umgeben sein.
Ein Blick in die Realität belehrt uns eines Besseren und schon suchen
die E-Propheten verzweifelt nach den Gründen. Schnell haben sie neben
aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen, wie der Schwächephase der
New Economy, vor allem ein Argument zur Erklärung des mangelnden
Erfolges der E-Strategien traditioneller Unternehmen ausgemacht: Es
fehlte die Sicherheit
Oberflächlich betrachtet mag das ja wohl stimmen und der Ruf nach
Sicherheit für E-Commerce und Internet ist nachvollziehbar.
Schließlich wird selbst in den Tagesthemen vor Code Red, Melissa oder
anderen bösartigen Computerviren gewarnt und von gefährlichen Hackern
berichtet. Und wie könnte denn heute ein Unternehmen ohne Schutz
seiner Firmencomputer, internen Kommunikationsnetze und damit ohne
die Sicherheit seiner Business Assets - den gespeicherten Daten
seiner Kunden und Geschäftspartner - existieren. Auch der Kunde wird
schließlich daran interessiert sein, im Internet keinen Betrügern
aufzusitzen und sicher bezahlen zu können.
Der Ruf nach Sicherheit wurde von der IT-Industrie freudig vernommen
und man sprang gerne auf den sicheren Zug. Experten zogen
kryptografische Lösungen zur Verschlüsselung, zur digitalen Signatur
und Biometrie sowie aufwendige Einsatzszenarien aus der Schublade.
Auch hörten wir lange, dass ohne digitale Signaturen mit rechtlichen
Regelungen kein wirtschaftlicher Erfolg mit und im Internet zu machen
sei. Selbst die Politik wollte sich nicht länger Untätigkeit
vorwerfen lassen und als Bremser des E-Commerce dastehen, weshalb
hastig entsprechende Gesetze und Verordnungen auf den Weg gebracht
wurden.
Alles hätte so schön sein können, aber leider hatten nur wenige aus
Wissenschaft, Industrie und Politik das Wichtigste im Blick - den
Kunden und Nutzer neuer E-Landschaften sowie dessen Bedürfnisse. Und
so stehen wir nun heute - umgeben von Signaturgesetz, Architekten und
Produzenten von Hochsicherheitslösungen - immer noch in der E-Wüste
und fragen uns: Was ist diesmal schief gelaufen?
Der Einsatz von Internet und Co in Geschäftsprozessen ist zwar für
alle Beteiligten vorteilhaft, jedoch sind die Vorteile beim Käufer
eher im Bereich Convenience - schneller und jederzeit bestellen - zu
suchen, während sie sich beim Verkäufer auch direkt ökonomisch
auswirken. Dies motiviert, in Lösungen zur elektronischen
Durchführung von Geschäftsprozessen zu investieren und, den
E-Propheten folgend, neue Sicherheitstechniken, allen voran PKI und
digitale Signatur, gleich mit einzuführen.
Natürlich ist sowohl der Aufbau als auch die Nutzung neuer
Sicherheitsdienste mit Aufwand und Kosten für den Betreiber
verbunden, und bislang gehen aktuelle Geschäftsmodelle davon aus,
dass zusätzliche Kosten für Sicherheit direkt oder indirekt auf den
Kunden umgelegt werden können. Entweder kauft also der Kunde selbst
die erforderliche Hard- und Software oder er bekommt sie vom
Anbieter kostenlos zur Verfügung gestellt und bezahlt sie dann durch
höhere Produktpreise peu à peu ab. Freilich hat dieses
Geschäftsmodell für Sicherheit einen Haken: Kunden zahlen nicht für
sicheres Einkaufen im Internet
Unbestritten ist, dass Privatpersonen, Kunden und potenzielle Käufer
ein wachsendes Sicherheitsbedürfnis, genährt durch die zunehmende
Bedrohung durch Computerviren, haben. Gerne ist man bereit, privat
Geld für aktuellste Sicherheitsprogramme auf dem heimischen PC, wie
Virenscanner und Personal Firewalls, auszugeben. Im Kontext von
B2C-Anwendungen ist dagegen eine andere - die herrschende -
Erwartungshaltung der Kunden zu berücksichtigen. Er sieht es als
Pflicht des Verkäufers an, den Schutz und die Sicherheit beim
Einkaufen zu garantieren und alles Notwendige dafür zu tun.
Schließlich ist dies die primäre Aufgabe eines Anbieters von Waren
und Dienstleistungen, um das Vertrauen seiner potenziellen Kunden zu
werben und es nicht zu enttäuschen. Sicherheit über das bisher
gekannte Maß hinaus wird nicht als eigenständiger Mehrwert vom Kunden
wahrgenommen. Eine neue technische Lösung zum sicheren Einkaufen darf
weder den Kunden in seinem Komfort einschränken noch bei ihm zu
offensichtlichen ökonomischen Belastungen führen.
In der Euphorie über das Internet und neue Sicherheitstechniken hat
man schlicht und einfach übersehen, dass der Sicherheitsmechanismus
des traditionellen Handels und Wirtschaftens - das Vertrauen - auch
weiterhin unerlässlich ist. In der realen Welt sind Geschäfte durch
Vertrauenshandlungen und Vertrauenserwartungen von Käufer und
Verkäufer charakterisiert. Auch räumliche Trennung der Beteiligten
und Kommunikation über Telefon, Fax und Brief änderte an dieser
Maxime nichts, denn es gibt etablierte Methoden, um Unsicherheiten
vor und nach den Transaktionen zu kompensieren, etwa wenn
Warenlieferung und Zahlung Zug um Zug erfolgen. Die Notwendigkeit
eines Vertrauensverhältnisses zwischen Kunden und Verkäufer könnte
durch Einsatz der Sicherheitstechnologie digitale Signatur und ihre
rechtliche Verankerung in Frage gestellt werden, denn sie binden
Kunden stärker an die Folgen ihres Handelns im Internet. Prinzipiell
korrekt, da im Streitfall vor Gericht die Beweislage bei digital
signierten Transaktionen einfacher ist. Allerdings ist es eine Sache,
Recht zu bekommen, und eine andere, seine Forderungen bei säumigen
Zahlern durchzusetzen. Insgesamt bleibt daher der zeitliche und
finanzielle Aufwand zum Durchsetzen berechtigter Forderungen aus
Sicht des Verkäufers auch bei Einsatz qualifizierter elektronischer
Signaturen gemäß dem Signaturgesetz nahezu unverändert hoch und
risikobehaftet.
Der Erfolgsfaktor im klassischen wie auch elektronischen B2C-Markt
ist und bleibt ein tragfähiges Vertrauensverhältnis zwischen Kunden
und Verkäufer. In langjähriger Erfahrung haben sich im Direkt- und
Versandhandel mit physikalischen Gütern Prozesse und Maßnahmen zur
Prüfung der Sinnhaftigkeit von Bestellungen und zur Durchsetzung von
Regressansprüchen entwickelt und als ökonomisch zweckmäßig erwiesen.
Die dort etablierten Geschäftsmodelle basieren auf dem Grundsatz:
Einem Kunden lieber erst einmal einen Vertrauensvorschuss zu
gewähren, als einen guten Kunden durch überzogene und unbequeme
Sicherheitsmaßnahmen zu verprellen.
Die Investition in neue IT-Sicherheit ist kein Selbstzweck und nur
dann vertretbar, wenn Aufwände entweder durch Gewinne in bisher nicht
erschließbaren Geschäftsfeldern kompensiert werden oder zu
Einsparungen an bestehenden System- und Organisationskosten führen.
Der Kern und die treibende Kraft von E-Commerce-Anwendungen sind
innovative Geschäftsideen und Dienste, jedoch nicht neue
Sicherheitstechniken. IT-Sicherheit sollte nur als Hilfsmittel zur
Stützung vorhandener Geschäftsmodelle, die auf Vertrauen zwischen
Kunden und Verkäufer ausgelegt sind, verstanden werden.
HMD, Heft 224, April 2002
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