Netzöffentlichkeit!?
Einerseits verfügen wir durch das Internet und die neuen
Medien über ein unerschöpfliches Reservoir an Informationen.
Ministerien stellen Gesetzestexte, Richtlinien und
Fachinformationen ins Web, wir können unseren Führerschein
online beantragen, unseren Strafzettel online bezahlen, jeder
zweite Bürgermeister hat sich schon einmal vor einem
Bildschirm ablichten lassen, jeder Minister war schon im
Chatroom und jeder Bundestagsabgeordnete hat eine E-Mail-
Adresse. Ideale Voraussetzungen den demokratischen Dialog,
jenseits der durch monopolisierte Massenmedien reduzierten
Darstellung politischer Inhalte, qualitativ zu verbessern und
zu intensivieren. Durch eine Vielzahl konkurrierender
Kommunikationskanäle kann Kommunikation demokratisiert
werden.
Wenn wir vorübergehend -darin sind wir sehr geübt - einige
Regionen und gesellschaftliche Gruppen vergessen, ist der
Zugang einfach und preisgünstig und das Besondere:
Kommunikation als Voraussetzung politischer Beteiligung passt
sich modernen und spontan wechselnden Lebensgewohnheiten an.
Eine Mailadresse verspricht darüber hinaus kurze
Antwortzeiten - der politische Prozess erschließt in seiner
responsiven Dimension eine neue demokratische Qualität durch
die Verzahnung von Bürgerbeteiligung und repräsentativ-
parlamentarischer Arbeit.
Andererseits "zeigen alle Untersuchungen, dass diese Medien
vor allem das politische Engagement derjenigen befördern, die
auch schon vor Einführung des Internets zu den politisch
aktiven und partizipationsbereiten Gruppen der Gesellschaft
angehörten" (Weege, Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen
Bundestages, "in Netzöffentlichkeit und bürgernahen Politik.
Zur demokratiefördernden Funktion des Internet"). Und
außerdem: Kommunikation bedeutet nicht gleich Verständigung.
Deshalb ist auch die technische Verbesserung der
Voraussetzung für Kommunikation kein zielführender Ansatz,
demokratische Entscheidungsprozesse in traditionellen
Strukturen und gesellschaftliche Partizipation zu verbessern,
wenn nicht gleichzeitig, oder besser noch zuvor,
Verhaltensmuster und Regeln, Entscheidungsprozesse und
strukturelle Innovation entwickelt werden, die die heute
üblichen Rituale und Mechanismen der Ausgrenzung überwinden.
Zum E-Government - verstanden als die umfassende Möglichkeit
der Integration von Politik und Gesellschaft zur demokratisch
vorbereiteten Entscheidungsfindung bzw. Gesetzgebung, unter
Einschluss aller demokratischen Institutionen im
Spannungsfeld plebiszitärer und repräsentativer Demokratie -
ist es ein langer Weg.
Gegenwärtig gibt es in der Regierung, im Parlament, in
einigen Bundesländern und in Kommunen viele gute
Einzelbeispiele, die andeuten, welche Innovationskraft in den
demokratischen Strukturen steckt. Es gibt aber auch eine
Gegenbewegung, die fleißig daran arbeitet, zu beweisen, dass
E-Government durch jene technischen Möglichkeiten, die ihr
gleichzeitig als Voraussetzungen unverzichtbar sind,
gefährdet ist. Ein Beispiel mag diesen Gedanken
verdeutlichen.
Sie gehen auf eine Website und finden einen vorgefertigten
Brief: "Ich schreibe Ihnen als meinem persönlichen
Abgeordneten ... und erwarte eine persönliche Antwort ...",
den Sie anklicken und wahlweise an alle Abgeordneten, alle
Ministerien und alle Landesregierungen etc. schicken. Ihr
Absender, natürlich nur der aus der E-Mail erkennbare Name,
wird automatisch beigefügt. Ab die Post.
Meine Antwort auf diese verständigungslose Kommunikation:
To whom it may concern
Ich hasse Standardantworten. Dies ist eine Standardantwort.
Der Umgang mit den neuen Medien, auch mit E-Mail, bedarf
besonders hoher Sensibilität, denn es ist unschwer möglich,
die Grundsätze wohlmeinender Politiker zu zerstören. Ich
bekomme momentan sehr viel Post von Leuten, die außer "copy
oder "foreward" nichts gedacht haben müssen. Es wird ein
vorgefertigter Text beliebig oft verschickt. Ziellos, ohne
eigene Formulierung, gewissermaßen mit gestohlener
Betroffenheit. Das deutet daraufhin, dass das im kopierten
Text formulierte Anliegen eine solch geringe Bedeutung hat,
dass man sich noch nicht einmal die Mühe macht, einen eigenen
inhaltlichen Beitrag für die Korrespondenz zu leisten. Das
möchte ich Ihnen persönlich natürlich nicht unterstellen,
denn Sie könnten ja der Autor oder die Autorin sein.
Standardisierte Texte in Kombination mit E-Mail zerstören
aber durch unvorsichtigen Umgang meinen Grundsatz "Kein Brief
ohne Versuch einer substanziellen Antwort".
Im Regelfall bitte ich auch darum, eine meiner vielen
Veranstaltungen zu besuchen oder die meiner Kolleginnen und
Kollegen in ihren Wahlkreisen, denn für mich ist die Politik
ohne den unmittelbaren Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern
nicht denkbar.
"Zielführend könnte für Sie sein, sich nicht unspezifisch an
Abgeordnete zu wenden, sondern stattdessen das von Ihnen
persönlich formulierte Anliegen Ihrer Wahlkreisvertretung zu
übermitteln. Falls der Text nicht von Ihnen formuliert wurde,
bitte ich Sie mir mitzuteilen, von wem der Text stammt, denn
das insgesamt gewählte Verfahren richtet für Ihr Anliegen
doch sehr großen Schaden an. Diesen Hintergrund würde ich
gern dem Urheber des Verfahrens bzw. dem Autor des Textes
mitteilen."
Diesen Text schicke ich - obwohl Gegner von Standardtexten -
in meiner Not an alle (minus eins), denen ihr Anliegen
weniger Wert ist als einen eigenen Beitrag zu leisten.
Mit freundlichen Grüßen Lothar Binding
Es ist leicht zu sehen, welche große Aufgabe vor uns liegt,
um die im ersten Absatz idealistisch gezeichnete Zukunft von
Nutzern des Internets und den neuen Medien für die
Erleichterung von Kommunikation und Verwaltungsprozessen und
die Beteiligung der Gesellschaft an demokratischen
Entscheidungen zu erreichen. Aber wir arbeiten daran.
Lothar Binding
Abgeordneter Deutscher Bundestag
lothar.binding@bundestag.de
www.lothar-binding.de
HMD, Heft 226, August 2002
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