HMD 229, 40. Jahrgang, Februar 2003

Ubiquitous Computing

Herausgeber: Heinz Sauerburger

Einwurf

von Michael Mörike

Ubiquitous Computing - ein schwer auszusprechendes Wort mit einer Bedeutung, die einen mindestens ebenso schwer zu begreifenden Trend ausdrückt. Es ist eben nicht nur - wie in unserer Branche üblich - ein neues Wort für etwas Altbekanntes, etwa für Mobile Computing. Ubiquitous Computing ist tatsächlich etwas Neues. Und es verdient Ihre Aufmerksamkeit.

Ubiquitous Computing ist der Trend, die Dinge intelligent zu machen, so dass wir künftig nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit den Dingen kommunizieren können. Der Heilige Franz von Assisi redete - für die damalige Zeit ungewöhnlich - mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen. Manche von uns verständigen sich unter Einsatz der Körpersprache auch mit ihren Haustieren. Mit Ubiquitous Computing werden wir aber erstmals mit den Dingen reden, als ob sie beseelt wären. Hatten unsere Vorfahren nicht auch schon davon geträumt? Erfüllen wir uns einen uralten Wunsch?

Als klassisches Anwendungsbeispiel gilt der Kühlschrank, der sich mit unserem Smartphone austauscht und uns so den Auftrag mitgibt, Milch zu kaufen, weil die Vorräte zur Neige gehen. Der Anzug - von Boss und "INTEL inside" - teilt uns von selbst mit, wann er zur Reinigung muss. Hätten wir uns beim Kauf lieber für ein Modell mit AMD-Chip entscheiden sollen? Auch wenn es dann nicht von Boss gewesen wäre?

Der Anzug spricht natürlich nicht direkt mit uns Menschen, sondern mit unserem "Gewissen", unserem Smartphone, das die doch eher kurz gehaltenen und kryptisch anmutenden Daten vom Anzug für uns interpretiert. Schließlich soll der Anzug ja von allen Nationalitäten getragen werden können; da braucht es einen universellen Übersetzer, der alle Geräte versteht und die Information in die Muttersprache des jeweiligen Trägers übersetzt. Genau das kann ein Smartphone.

Ob das Smartphone seinen Namen behalten wird? Oder wird es sich "Communication Interpreter" nennen? Oder gar zum "Communication Center" werden?

Ubiquitous Computing ist ein Trend, dessen wahre Bedeutung sich nur schwer abschätzen lässt. Wie schnell wird sein Einfluss bemerkbar werden? Was wird er verändern? Wie viel wird er verändern? Wem werden diese Änderungen nützen? Oder sind sie nur Spielereien für Reiche?

Wird es mehrere Sprachen geben, in der die Dinge kommunizieren? Wer könnte sich berufen fühlen, dies zu normieren? Die Chiphersteller? Gibt es die noch, wenn die Chips aufgedruckt werden? Werden die Dinge XML reden? Ein komplexes Betriebssystem, das öfter mal abstürzt, brauchen die Anzüge jedenfalls nicht. Was sie brauchen, ist ein minimales Kommunikationssystem, das zweifellos vereinheitlicht und dann zusammen mit Basisfunktionen zum Betriebssystem der eingebauten Chips werden wird. Wer wird an dessen Lizenz verdienen?

Kann mein Smartphone auch mit dem Anzug meines Geschäftspartners reden? Und dabei feststellen, dass dieser sich mal wieder eine Reinigung gespart hat? Aha, Milch braucht der Mann keine, aber schon wieder eine Flasche Whisky? Mit wem wohl mein eigener Anzug kommuniziert, wenn ich im ICE fahre? Eigentlich darf er nur mit meinem eigenen Smartphone reden. Habe ich die Firewall in meinem Anzug lückenlos abgedichtet?

Nun, hier ist offensichtlich die Fantasie mit dem Autor durchgegangen! Dieser ist dennoch fest davon überzeugt, dass noch viele Überraschungen auf uns warten. Lassen wir uns also überraschen

In diesem Sinne grüßt Sie grübelnd

Michael Mörike

Dipl.-Physiker Michael Mörike Integrata-Stiftung Schleifmühleweg 70 72070 Tübingen michael.moerike@integrata-stiftung.de www.integrata-stiftung.de

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