HMD 230, 40. Jahrgang, April 2003

Entwicklungsplattformen - Java versus .NET

Herausgeber: Michael Mörike

Einwurf

von Hans-Peter Fröschle

Alles wird gut!

Wir schreiben das Jahr 2003 und reden nicht mehr von der Informationsgesellschaft und ihren Segnungen, sondern leben bereits mitten in ihr und nutzen beruflich und privat alle Vorteile des universellen Informationszugriffs und der universellen Kommunikation ("zu jeder Zeit, an jedem Ort, in jeder Form"). Die Werbemaschinerie der großen Hard- und Softwarehersteller suggeriert uns diese schöne neue Welt. Mit dem Internet und dessen Nutzung haben scheinbar alle die allein selig machende Informationsverarbeitungsstrategie der Zukunft gepachtet. Schon seit Jahren tönt es aus der einen Ecke: "Das Netz ist der Computer" (Sun Microsystems und Konsorten). Seit Anfang 2001 bekennen sich nun auch Microsoft und seine Partner zum "Internet als der globalen Plattform für Daten und Dienste". Hinter diesen werbewirksam in die Welt getragenen Bekenntnissen zum Internet zeichnen sich bei den Anbietern inzwischen auch ausformulierte Geschäftsmodelle und spezifizierte Technologien bzw. Produktstrategien ab. Die neuartigen Geschäftsmodelle basieren auf Web-Services und propagieren den Übergang vom Software-Lizenzierungs- zu einem Software-Service-Modell. Inwieweit dies die Softwareindustrie verändern wird, muss sich erst noch zeigen. Konkreter und damit bereits direkt spürbar sind die Auswirkungen der neuen Technologien und Produktstrategien, auf denen diese Geschäftsmodelle basieren. Für die Entwicklung von Internetanwendungen stehen im Wesentlichen zwei alternative Entwicklungsplattformen zur Verfügung: Microsoft setzt auf .NET und die Java-Fraktion verwendet die Java 2 Enterprise Edition (J2EE).

Interessanterweise fallen bei einem Vergleich der technologischen Konzepte und Architekturen der beiden Plattformen zunächst mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede ins Auge: Sowohl J2EE als auch .NET basieren auf einer virtuellen Maschine, verwenden einen neutralen Zwischencode und einheitliche Klassenbibliotheken bei der Softwareerstellung und stützen sich massiv auf Internetstandards zur Gewährleistung von Interaktionen zwischen Anwendungen.

Doch die IT wäre nicht die IT, die wir kennen, und Microsoft wäre nicht das Microsoft von Bill Gates, wenn es neben den Gemeinsamkeiten nicht auch substanzielle Unterschiede gäbe:

  • So lockt .NET beispielsweise damit, dass die gängigen Programmiersprachen unterstützt werden. Dies freut die Anwendergemeinde, da dadurch getätigte Investitionen (v.a. in Qualifizierungsmaßnahmen) geschützt werden. Die Kröte, die geschluckt werden muss: Auch Microsoft praktiziert mit .NET Bestandsschutz und beschränkt die Einsetzbarkeit von .NET auf die eigenen Windows-Betriebssysteme.
  • J2EE verspricht mit standardisierten Programmierschnittstellen (APIs) eine weitgehende Unabhängigkeit von einzelnen Betriebssystemen, zwingt aber zur Verwendung von Java als Programmiersprache.

Was sich zunächst als einheitlicher Technologietrend in der IT darstellt, mündet damit im Endeffekt in der altbekannten, publizitäts- und publikationswirksamen "Dogmatisierung" des Themas. Heute kämpft nicht der "Mainframe gegen den PC" oder "Unix gegen den Rest der Betriebssysteme", sondern der aktuelle Schaukampf läuft unter dem Motto "Java (bzw. J2EE) versus .NET".

Das Ärgerliche an dieser Situation ist weniger die Tatsache, dass der Anwender vor dem Dilemma steht, sich zwischen unterschiedlichen Alternativen entscheiden zu müssen, sondern dass die Art und Weise der Darstellung und Diskussion der Thematik auf ein Niveau abzugleiten droht, auf dem die strategische Bedeutung einer langfristigen Investition in eine Entwicklungsplattform zu kurz kommt. Selbstverständlich reden wir beim Thema "Java versus .NET" über technologische Entwicklungen, von denen nun mal die Techniker unter uns mehr verstehen als die Nicht- Techniker. Leider werden aber in der technikorientierten Diskussion Gräben aufgerissen und Positionen zementiert, die in den notwendigen strategischen und wirtschaftlichen Abwägungen nur sehr schwer überwunden bzw. relativiert werden können.

Vor diesem immer wieder auftretenden Diskussionsmuster machen sich doch berechtigte Zweifel breit, ob die IT- Anbieter ihre Kunden so gut kennen, dass sie Nutzenargumente für ihre Produkte und Strategien liefern können. Andererseits wird damit aber auch offensichtlich, dass sich die IT-Anwender in der Regel um die Arbeit drücken, Strategie- und Nutzenpotenziale aufzudecken und zu bewerten. Aber vielleicht ist diese Art der Behandlung von Innovationen in der IT auch nur eine Strategie, um "Zeit zu schinden", da weder die Produkte bereits voll einsatzfähig angeboten werden, noch die Anwender in der Lage sind, diese direkt einzusetzen.

Ich motiviere mich selbst mehr und mehr dazu, dieses Innovationsverhalten positiv zu sehen. Es eröffnet doch allen Beteiligten die Chance, Zeit zu gewinnen, um Erfahrungen sammeln zu können. Wenn dann alles gut läuft, bilden sich während des dargestellten Diskussionsprozesses für den entscheidungsgeplagten Anwender konkrete Lösungsalternativen heraus. Ich bin hier auf die Ergebnisse des "Mono Projects" gespannt, Open-Source- Implementierungen von .NET unter Linux und Unix lauffähig zu machen.

Hans-Peter Fröschle i.t-consult GmbH Heßbrühlstraße 21 B D-70184 Stuttgart hpf@i-t-consult.de www.i-t-consult.de

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