Neue Konzepte in der Softwareentwicklung |
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Editorial |
"The vision is that, well before the seventies have run to
completion, we shall be able to design and implement the
kind of systems that are now straining our programming
ability at the expense of only a few percent in man-years
of what they cost us now, and that besides that, these
systems will bei virtually free of bugs."
Dijkstra, The Humble Programmer, CACM 1972, S. 863
Ein Vierteljahrhundert nach dem anvisierten Zeitpunkt
scheint Dijkstras Vision weiter entfernt denn je. Die
ökonomischen Voraussetzungen, die er formulierte, sind
eingetreten: Investitionen in Software übertreffen jene in
Hardware bei weitem. Dass dies damals nicht so war, hielt
er für einen Grund, warum Programmierer mit "clumsy
techniques" davonkommen konnten. Auch die technischen
Voraussetzungen waren schon im Bereich des Möglichen und
dennoch scheint sich an den zu lösenden Problemen wenig
geändert zu haben. Fehlt es uns folglich an
Lösungsansätzen?
Wir wollen zeigen, dass es der (Wirtschafts-)Informatik
keineswegs an neuen Konzepten mangelt, vielleicht aber an
Mut und Fähigkeit, diese konsequent umzusetzen. Dabei ist
"neu" weit zu interpretieren: Vertreten sind Ansätze, die
gerade erst am Beginn einer industriellen Erprobung
stehen, aber auch Konzepte, die eine konsequente
Weiterentwicklung von Bewährtem darstellen, und
schließlich solche, die eine Rückbesinnung auf Überholtes
zu sein scheinen. Auch der Begriff "Konzept" ist weit zu
interpretieren: Neben Ansätzen, die gezielt (top down)
gestaltet wurden, stehen andere, die eher unbewusst bottom
up entwickelt und erst später als Konzept wahrgenommen
wurden. Gemeinsam ist allen, dass sie in der Phase der
Entwicklung ansetzen. Dass IT-Budgets in den letzten
Jahren kaum noch gewachsen sind und der Anteil für
Neuentwicklung gesunken ist, darf nicht als Begründung für
eine Vernachlässigung der Entwicklung dienen. Sie ist eher
ein Signal dafür, dass bei zumindest gleich bleibender
Effektivität die Effizienz gesteigert werden muss. Bedenkt
man, dass im ersten Schritt des Softwarelebenszyklus der
Grundstock für seinen weiteren Verlauf gelegt wird, so
steht langfristig nach wie vor auch die Effektivität unter
einem erheblichen Verbesserungsdruck.
Sich die Frage nach der Einführung neuer Konzepte jetzt zu
stellen ist für viele Unternehmen aufgrund freier
Kapazitäten und großer Konkurrenz nicht nur sinnvoll,
sondern existenziell notwendig. Der Markt für die
Dienstleistung Software hat sich in kürzester Zeit von
einem Verkäufer- zu einem Käufermarkt entwickelt, und der
Markt für das Standardprodukt Software hat
Markteintrittsbarrieren eingebüßt. Anbieter sehen sich nun
in einer Situation, in der Open-Source-Produkte entstehen,
die in Dijkstras Worten gesprochen "virtually bug free"
sind und zudem fast nichts kosten. Seiner Vision ist die
kommerzielle Softwareentwicklung zwar dadurch kaum näher
gekommen, aber sie sieht sich einer Konkurrenz ausgesetzt,
von der sie entweder lernen oder sich durch andere
Mechanismen schützen muss.
Die folgenden Beiträge richten sich an Unternehmen, sowohl
im Projekt- als auch im Produktgeschäft. Nicht jedes der
Themen wird beide gleichermaßen interessieren, ebenso
wenig, wie jedes nach unmittelbarer Umsetzung ruft. Unsere
Zielsetzung ist es, einen breiten Überblick zu geben, der
Ihnen hilft, ungenutzte Potenziale zu entdecken, aber auch
bewusst macht, dass es darauf ankommt, in konkreten
Situationen die richtigen Konzepte zu wählen und sinnvoll
miteinander zu kombinieren. Dabei wünschen wir Ihnen viel
Erfolg
HMD, Heft 231, Juni 2003
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