Neue Konzepte in der Softwareentwicklung |
|
Einwurf |
Softwareentwicklung - höher als alle Vernunft
Früher musste ich manchmal schätzen, wie lange eine
Softwareentwicklung dauert. Ich weiß die wahre Antwort
(eine richtige kenne ich auch): "Es kommt darauf an." Da
hat mein Gegenüber stets geseufzt, weil diese Antwort zwar
wahr ist, aber nicht zulässig. Im Wesentlichen leidet die
Welt nämlich daran, dass für die Projektdauer nur ein
numerisches Feld in einer Datenbank reserviert ist. Es
geht hauptsächlich darum, dass dieses Feld mit einer
politisch korrekten Zahl gefüllt ist. Ich hatte zuerst
vermutet, dass die erwartete Projektdauer im
mathematischen Sinne eingetragen werden muss, und zur
Berechnung dieses Erwartungswertes würden wir alle
Szenarien durchgehen, alle diese mit Wahrscheinlichkeiten
versehen und am Ende irgendetwas ausrechnen, so grob es
dann immer noch ist.
Uiiih, war das ein Irrtum! Wahrscheinlich sind die Leute
nur so unwahrscheinlich. Techies kennen nur die
Wahrscheinlichkeit, dass ein Projekt länger als geplant
dauert. Es kann nicht kürzer sein, weil wir Techies immer
noch so lange an allem herumschrauben, bis der
Abgabetermin naht. Das Produkt sieht besser perfekt aus,
es ist eine Frage der Ehre. Manager können sich dagegen
nicht vorstellen, dass ein Projekt länger dauert als die
Datenbank sagt - das ist ja aus Budgetgründen verboten.
Deshalb dauert ein Projekt immer so lange, wie es geplant wurde.
Wie läuft nun eine vernünftige Planung ab? Ein Anwender
möchte Software kaufen, weil er zu einem bestimmten, fest
eingebildeten Termin einen großen Nutzen braucht.
Unabhängig von der Sachlage verlangt sein Unternehmen
aber, nur Standardsoftware zu verwenden. Diese ist ja
preiswert und verkürzt die Projektdauer erheblich. Deshalb
muss der Anwender nun so lange warten, bis es
Standardsoftware gibt - mindestens aber bis zur nächsten
CeBIT, bei der man viele Jutetaschen voller
Standardversprechen mitnehmen kann. Nach der CeBIT ist
klar, dass es keine Standardsoftware gibt. Es dauert sehr
lange, dies dem eigenen Unternehmen zu beweisen, weil es
keinerlei Hinweise für die Nichtexistenz gibt - denn die
Softwarehersteller stellen allesamt partout nur Standards
her, eben, weil nur diese vom Kunden ausschließlich
verlangt werden. Nun ist aber die viele Zeit, die
ursprünglich nur für Standardsoftware geplant war, so kurz
geworden, dass der ganze Plan zugunsten des neuen
aufgegeben wird, nämlich, statt einer Standardsoftware
eine schnelle Lösung zu suchen. Jetzt stellt sich ein
neues Problem. Wer Standardsoftware einsetzen will, hat
kaum Alternativen, meistens etwa zwei. Dagegen gibt es
Unmengen von schnellen Lösungen, so dass der ganz
verwirrte Anwender nun erst einen aufwendigen
Selektionsprozess starten muss, der unter dem entstandenen
Zeitdruck stark darunter leidet, dass eben gerade jetzt
die CeBIT gewesen ist - es wäre wohl besser, man wartete
noch ein Jahr? Vielleicht gibt es bis dahin schon
Standardsoftware? Wahrscheinlich müssen jetzt namhafte
Beratungshäuser eingeschaltet werden! Ich kenne privat
Menschen, die sich unter horrenden Ausgaben für
Fachzeitschriften und Messebesuche schon seit vielen
Jahren keine Digitalkamera kaufen, weil sie sich noch kein
rechtes Bild machen konnten. Das Kaufen einer
Digitalkamera ist nämlich viel zeitaufwändiger als deren
spätere Nutzung! Und stellen Sie sich einmal vor, nach
allem jahrelangen Ringen um so eine Digitalkamera stehen
Sie endlich im Media-Markt und wollen kaufen: "Acht Wochen
Lieferzeit." Da kommen Sie sich doch blöd vor.
Ganz genauso schaut jemand, der mich fragt, wie lange es
noch zum Entwickeln von Software dauert, jetzt, wo er
endlich will! Und ich sage: "Es kommt darauf an." Worauf
kommt es an? Ich habe einmal eine Liste gemacht. Anwender
sollten tolle Anwendungen bekommen, also müssten sie für
eine lange Projektlaufzeit eintreten. Sie wählen aber
gezwungenermaßen eine kurze, weil sie mit dem Planen
überraschend viel Zeit verbrauchten und nicht mehr viel
Geld haben. Fachabteilungen sollten lange überlegen, was
sie nutzen wollen, aber sie wollen schnell sparen,
votieren also für schnell. Der Manager der
Softwareentwicklungsfirma muss interessiert sein, eine
lange Projektlaufzeit zu vereinbaren, weil er dann
Qualität liefern kann und Gewinn erzielt. Er wählt aber
aus Erleichterung über den Abschluss für seine Karriere
und seine Quartalszahlen die kurze. Der Vertriebler der
Softwareentwicklung sollte langfristig eine lange
Projektzeit vereinbaren, damit der Kunde hinterher
zufrieden mit der Qualität ist; außerdem wird die
Abschlusssumme des Vertrags höher. Er verspricht aber eine
kurze Zeit, weil er den Umsatz damit schnell in die Bücher
bekommt. Schnell ist in den Büchern besser als viel.
Ach ja, und der Techie, der als großer Maestro der
Softwareentwicklung gilt, der wird auch noch gefragt. Der
Techie schaut sich alles in Ruhe an, schaut
gedankenverloren (bei Techies ist das: hochkonzentriert)
und flüstert (bei Techies ist das: ernst und sicher) nach
peinlichem zwanzigsekündigem Schweigen: "X Monate." Das
entrüstet alle, weil es zu lange ist. Viel zu lange. Alle
wissen, dass er ein triviales Interesse hat, die
Projektlaufzeit zu hoch zu schätzen, weil er dann in Ruhe
arbeiten kann. Alle wissen, dass die Schätzung des
Meister-Techies so etwas wie die furchtbarste Alternative
von allen ist. Sie ist der nie mehr überschrittene
Mondpreis, der nur den Dümmsten nicken lässt. Techies
haben kein Gefühl für Geld. Sie sind vielleicht
neurotisch, aber nie wirklich eurotisch (da lasse ich mir
kein Blank für ein u vormachen).
Ich musste früher öfters mal sagen, wie lange ein Projekt
dauert - ich glaube, dies ist eine richtige Antwort: Ich
gehe zum Maestro und frage ihn, wie lange es dauert. Er
sagt: "X Monate." Die Zahl multipliziere ich mit 2,1
(i.W.: zwei Komma eins). So lange dauert es.
Ein Maestro denkt nämlich, Zeit sei nicht Genie. Wenn er
hohe Zahlen nennen muss, wird er sich schämen. Er tötet
sich aber durch seine damit selbst verschuldeten Deadlines
lieber selbst, bevor er sich schämen wollte. Ein Maestro
denkt irrtümlich, alle Menschen programmierten mindestens
halb so gut wie er selbst. Er denkt, Software eines
Maestros müsse nicht getestet werden, jedenfalls kaum oder
nur pro forma. Ein Maestro wird eher unbezahlte
Überstunden leisten, als den Kunden übers Ohr zu hauen.
Verstehen Sie? Die Software ist für den Maestro eine Frage
seiner Ehre. Deshalb 2,1 mal X mal Monate, punktum.
Bei Menschen, die schielen, unterscheiden wir zwischen
Hypophorikern, das sind solche, die ständig nach unten
schielen, und den Hyperphorikern, die dies nach oben tun.
Alle Leute, auch Sie, sie mögen alle schielen, wohin sie
wollen, die Wahrheit ist höher.
Prof. Dr. Gunter Dueck
Chief Technologist
IBM Deutschland GmbH
Vangerowstr. 18
69115 Heidelberg
dueck@de.ibm.com
www.de.ibm.com
HMD, Heft 231, Juni 2003
|