Mit "Financials" taucht seit einiger Zeit häufiger ein
Begriff in Praxis und Literatur auf, der vielfältig
interpretiert wird. Einige Autoren verstehen darunter
Finanzdienstleister, andere Konzepte und Lösungen für die
Unterstützung und Optimierung von Finanzprozessen. Wieder
andere subsumieren unter besagtem Begriff die für
unterschiedlichste Interessengruppen bereitgestellten
Finanzkennzahlen und informationen: Und was dabei
entstanden ist, das ist (mindestens) einen zweiten Blick
wert
Zahlreiche Großunternehmen, aber auch viele innovative
kleinere Unternehmen (oder solche, die sich dafür halten)
veröffentlichen unter dem Schlagwort "Financials" eine
kaum mehr überschaubare Menge von Finanzinformationen,
die ihre Situation kompakt und realitätsnah abzubilden
versprechen. Auf den ersten Blick scheinen Kennzahlen
dafür auf geradezu bestechende Art und Weise geeignet,
vermitteln sie doch den Eindruck von Sicherheit, Ex-
aktheit, Objektivität, linearen Zusammenhängen und
Beherrschbarkeit. Schade, dass dem nicht immer so ist -
was häufig weniger an den Kennzahlen selbst liegt als
vielmehr an denen, die sie erstellen und bekannt machen,
und manches Mal auch an denen, die diese Kennzahlen
fordern.
Als Erstes sticht die schiere Masse der angebotenen
"Informationen" ins Auge. Strukturen und Vielfalt des
Angebotenen führen nicht selten dazu, dass es nur mit
äußerster Mühe gelingt, vor lauter Bäumen noch einen Wald
zu erkennen. Einige der in diesen Wäldern entdeckbaren
"Neuzüchtungen" tragen zwar neue Namen, entpuppen sich
aber letztlich als Bekanntes, das zuweilen im Kern schon
sehr, sehr alt ist. Diese "Umbenamsungen" mögen zwar bei
naiven Adressaten den Anschein von Innovation und Dynamik
erwecken, unterstützen aber die oben genannten Ziele von
Kennzahlen natürlich nicht. Und erstaunlich ist auch,
welche neuartigen, z.T. seltsam anmutenden Züchtungen
sich finden lassen.
Ein Beispiel hierfür (das übrigens häufig im Umfeld des
Neuen Marktes zu finden war) sind die unterschiedlichsten
Abkömmlinge des EBIT (Earnings
before Interest and
Taxes; im Deutschen gebräuchliche
Bezeichnungen hätten operatives Ergebnis oder
Betriebsergebnis sein können), bei denen der Kreativität
bei der Zusammenstellung der "Befores" (also der Größen,
die in der Betrachtung außen vor bleiben) keine Grenzen
gesetzt zu sein scheinen. Der Aussagehalt dieser
Kenngrößen degeneriert dadurch derart, dass im Endeffekt
inhaltlich kaum mehr ein Unterschied zu nackten
Umsatzgrößen bleibt.
Erkenntniswert und gar Wahrheitsgehalt werden dadurch in
keiner Weise gesteigert. Vielmehr beschleicht einen in
solchen Fällen eher der Verdacht, dass möglicherweise das
grundlegende Bewusstsein für Finanzfragen
unterdimensioniert sein könnte, bestimmte Sachverhalte
nicht ge- bzw. erkannt und in der Folge auch gar nicht
verstanden worden sein können. Auffällig ist weiterhin,
dass das Spektrum an angebotenen "Informationen", die
teilweise auch branchenübergreifend sind, hochgradig
vergleichbar ist und wenige Unterschiede aufweist. Alles
im Interesse der Vergleichbarkeit von Unternehmen? Oder
verhält es sich hier möglicherweise doch eher so wie in
der Mode, wo Individualität auch oft genug in Uniformität
umschlägt? Beim Durchstöbern der verbalen Erläuterungen
zur Geschäftssituation von Unternehmen stößt man auch
häufig auf einen herausgehobenen Begriff: Globalisierung.
Und es scheint gerade so, als würden diese
Globalisierungstendenzen als Legitimation für ein
Mitlaufen in der Masse interpretiert - vielleicht müssen
sie auch genau so interpretiert werden? Denn teilweise
erfolgen solche Nivellierungen nicht freiwillig, sondern
unter dem Druck der Finanzmärkte.
Wichtigste Voraussetzung dafür, dass Unternehmen und ihre
Manager Respekt und Beachtung finden konnten (insbesondere
vor Analysten, das eigene Konto einmal außen vor
gelassen), war ein steigender Börsenkurs - ob ein
Unternehmen von innen heraus gesund war, schien oftmals
ein nachrangiger Aspekt. Vor diesem Hintergrund dominierte
kurzfristige Finanzoptik und kosmetik über langfristig
angelegte unternehmerische Aspekte und Nachhaltigkeit,
leider auch in Deutschland. Das Börsen-Motto "The trend is
your friend" legte Verantwortlichen die Entwicklungen
nahe, die ihnen an den Finanzmärkten Anerkennung und
Wohlwollen versprachen: Ohne das Wohlwollen potenzieller
Investoren kein zusätzliches Kapital, ohne zusätzliches
Kapital kein weiteres Wachstum und ohne dieses kein
Nachweis der Unternehmensentwicklung durch entsprechende
Kennzahlen! Und damit war eigentlich klar, was zu tun war
- zumindest in der Aufwärtsbewegung.
Spätestens mit dem Stagnieren und anschließenden Platzen
der Börsen-Blase wurden dann ebenso erstaunliche wie
erschreckende Verhaltensweisen erkennbar. Einerseits
konnte man feststellen, dass die Kreativität in einem
erstaunlichen Maße Einzug in die Buchführung mancher
Unternehmen gehalten hatte. In einfacheren Fällen wurden
Bewertungsgrundsätze gewechselt, weil diese neue oder
größere Spielräume bei Bewertungen erschlossen, auch wenn
vordergründig oft andere Beweggründe genannt wurden. In
schlimmeren Fällen wurden Zahlenmanipulationen in
Bilanzen, Börsenprospekten etc. vorgenommen, fallweise
sogar garniert mit "Unbedenklichkeitstestaten" von
Wirtschaftsprüfern. Daraus entstanden nicht nur z.T.
erhebliche materielle Schäden, sondern auch eine
Vertrauenskrise hinsichtlich der von Unternehmen
veröffentlichten Kennzahlen. Mittlerweile lässt sich
jedoch auch der eine oder andere positive Effekt
feststellen: Nicht zuletzt durch diese Entwicklungen wurde
vielen wieder deutlich, dass der Umgang mit Kennzahlen
sehr "bewusst" erfolgen muss, auch oder gerade deshalb,
weil sie hart und eindeutig messbar erscheinen.
Wichtig für diesen bewussten Umgang mit Kennzahlen ist,
dass nicht ihre Vielzahl zum Erfolg führt, sondern die
Konzentration auf die jeweils wesentlichen. Hinsichtlich
Exaktheit und Sicherheit von Kennzahlen gilt leider die
Tendenz, dass je genauer man hinschaut, desto ungenauer
erweist sich häufig die zugehörige Messung. Exakte
Messungen sind nur für die Vergangenheit möglich, aktuelle
oder zukünftige Werte lassen sich allenfalls berechnen
oder schätzen. Und hierfür sind die zugrunde gelegten
Annahmen extrem wichtig, da durch sie die Zusammenhänge
zwischen heutiger Ursache und künftiger Wirkung abgebildet
werden. Geschwindigkeit und Globalisierung dürfen nicht
als Argument dafür herhalten, dass wir uns zu wenig Zeit
nehmen, um valide Zusammenhänge bspw. in Form von
Korrelationen, Kausalitäten oder mathematischen
Algorithmen zu ermitteln und zu verstehen. Auch hier gilt
"Kapieren geht vor Kopieren". Und wir müssen uns dessen
bewusst sein, dass letztlich in der gezielten Auswahl und
Bereitstellung von Informationen eines der mächtigsten
Instrumente für Information und Manipulation liegt! Bei
der Zusammenstellung von Kennzahlen dominiert noch viel zu
oft Wunsch- vor Sachzwang. Kennzahlen werden von Menschen
in Auftrag gegeben und erstellt. Für viele von uns gilt,
dass wir uns (frei nach George Bernhard Shaw) lieber durch
Lob ruinieren als durch Kritik verbessern lassen - was die
Wirklichkeit insgesamt nachhaltig prägt und eben leider
auch Kennzahlen
Einwurf
von Jürgen Zinnecker
Wie wirklich ist die Wirklichkeit mit Kennzahlen?
Mit "Financials" taucht seit einiger Zeit häufiger ein Begriff in Praxis und Literatur auf, der vielfältig interpretiert wird. Einige Autoren verstehen darunter Finanzdienstleister, andere Konzepte und Lösungen für die Unterstützung und Optimierung von Finanzprozessen. Wieder andere subsumieren unter besagtem Begriff die für unterschiedlichste Interessengruppen bereitgestellten Finanzkennzahlen und informationen: Und was dabei entstanden ist, das ist (mindestens) einen zweiten Blick wert
Zahlreiche Großunternehmen, aber auch viele innovative kleinere Unternehmen (oder solche, die sich dafür halten) veröffentlichen unter dem Schlagwort "Financials" eine kaum mehr überschaubare Menge von Finanzinformationen, die ihre Situation kompakt und realitätsnah abzubilden versprechen. Auf den ersten Blick scheinen Kennzahlen dafür auf geradezu bestechende Art und Weise geeignet, vermitteln sie doch den Eindruck von Sicherheit, Ex- aktheit, Objektivität, linearen Zusammenhängen und Beherrschbarkeit. Schade, dass dem nicht immer so ist - was häufig weniger an den Kennzahlen selbst liegt als vielmehr an denen, die sie erstellen und bekannt machen, und manches Mal auch an denen, die diese Kennzahlen fordern.
Als Erstes sticht die schiere Masse der angebotenen "Informationen" ins Auge. Strukturen und Vielfalt des Angebotenen führen nicht selten dazu, dass es nur mit äußerster Mühe gelingt, vor lauter Bäumen noch einen Wald zu erkennen. Einige der in diesen Wäldern entdeckbaren "Neuzüchtungen" tragen zwar neue Namen, entpuppen sich aber letztlich als Bekanntes, das zuweilen im Kern schon sehr, sehr alt ist. Diese "Umbenamsungen" mögen zwar bei naiven Adressaten den Anschein von Innovation und Dynamik erwecken, unterstützen aber die oben genannten Ziele von Kennzahlen natürlich nicht. Und erstaunlich ist auch, welche neuartigen, z.T. seltsam anmutenden Züchtungen sich finden lassen.
Ein Beispiel hierfür (das übrigens häufig im Umfeld des Neuen Marktes zu finden war) sind die unterschiedlichsten Abkömmlinge des EBIT (Earnings before Interest and Taxes; im Deutschen gebräuchliche Bezeichnungen hätten operatives Ergebnis oder Betriebsergebnis sein können), bei denen der Kreativität bei der Zusammenstellung der "Befores" (also der Größen, die in der Betrachtung außen vor bleiben) keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen. Der Aussagehalt dieser Kenngrößen degeneriert dadurch derart, dass im Endeffekt inhaltlich kaum mehr ein Unterschied zu nackten Umsatzgrößen bleibt.
Erkenntniswert und gar Wahrheitsgehalt werden dadurch in keiner Weise gesteigert. Vielmehr beschleicht einen in solchen Fällen eher der Verdacht, dass möglicherweise das grundlegende Bewusstsein für Finanzfragen unterdimensioniert sein könnte, bestimmte Sachverhalte nicht ge- bzw. erkannt und in der Folge auch gar nicht verstanden worden sein können. Auffällig ist weiterhin, dass das Spektrum an angebotenen "Informationen", die teilweise auch branchenübergreifend sind, hochgradig vergleichbar ist und wenige Unterschiede aufweist. Alles im Interesse der Vergleichbarkeit von Unternehmen? Oder verhält es sich hier möglicherweise doch eher so wie in der Mode, wo Individualität auch oft genug in Uniformität umschlägt? Beim Durchstöbern der verbalen Erläuterungen zur Geschäftssituation von Unternehmen stößt man auch häufig auf einen herausgehobenen Begriff: Globalisierung. Und es scheint gerade so, als würden diese Globalisierungstendenzen als Legitimation für ein Mitlaufen in der Masse interpretiert - vielleicht müssen sie auch genau so interpretiert werden? Denn teilweise erfolgen solche Nivellierungen nicht freiwillig, sondern unter dem Druck der Finanzmärkte.
Wichtigste Voraussetzung dafür, dass Unternehmen und ihre Manager Respekt und Beachtung finden konnten (insbesondere vor Analysten, das eigene Konto einmal außen vor gelassen), war ein steigender Börsenkurs - ob ein Unternehmen von innen heraus gesund war, schien oftmals ein nachrangiger Aspekt. Vor diesem Hintergrund dominierte kurzfristige Finanzoptik und kosmetik über langfristig angelegte unternehmerische Aspekte und Nachhaltigkeit, leider auch in Deutschland. Das Börsen-Motto "The trend is your friend" legte Verantwortlichen die Entwicklungen nahe, die ihnen an den Finanzmärkten Anerkennung und Wohlwollen versprachen: Ohne das Wohlwollen potenzieller Investoren kein zusätzliches Kapital, ohne zusätzliches Kapital kein weiteres Wachstum und ohne dieses kein Nachweis der Unternehmensentwicklung durch entsprechende Kennzahlen! Und damit war eigentlich klar, was zu tun war - zumindest in der Aufwärtsbewegung.
Spätestens mit dem Stagnieren und anschließenden Platzen der Börsen-Blase wurden dann ebenso erstaunliche wie erschreckende Verhaltensweisen erkennbar. Einerseits konnte man feststellen, dass die Kreativität in einem erstaunlichen Maße Einzug in die Buchführung mancher Unternehmen gehalten hatte. In einfacheren Fällen wurden Bewertungsgrundsätze gewechselt, weil diese neue oder größere Spielräume bei Bewertungen erschlossen, auch wenn vordergründig oft andere Beweggründe genannt wurden. In schlimmeren Fällen wurden Zahlenmanipulationen in Bilanzen, Börsenprospekten etc. vorgenommen, fallweise sogar garniert mit "Unbedenklichkeitstestaten" von Wirtschaftsprüfern. Daraus entstanden nicht nur z.T. erhebliche materielle Schäden, sondern auch eine Vertrauenskrise hinsichtlich der von Unternehmen veröffentlichten Kennzahlen. Mittlerweile lässt sich jedoch auch der eine oder andere positive Effekt feststellen: Nicht zuletzt durch diese Entwicklungen wurde vielen wieder deutlich, dass der Umgang mit Kennzahlen sehr "bewusst" erfolgen muss, auch oder gerade deshalb, weil sie hart und eindeutig messbar erscheinen.
Wichtig für diesen bewussten Umgang mit Kennzahlen ist, dass nicht ihre Vielzahl zum Erfolg führt, sondern die Konzentration auf die jeweils wesentlichen. Hinsichtlich Exaktheit und Sicherheit von Kennzahlen gilt leider die Tendenz, dass je genauer man hinschaut, desto ungenauer erweist sich häufig die zugehörige Messung. Exakte Messungen sind nur für die Vergangenheit möglich, aktuelle oder zukünftige Werte lassen sich allenfalls berechnen oder schätzen. Und hierfür sind die zugrunde gelegten Annahmen extrem wichtig, da durch sie die Zusammenhänge zwischen heutiger Ursache und künftiger Wirkung abgebildet werden. Geschwindigkeit und Globalisierung dürfen nicht als Argument dafür herhalten, dass wir uns zu wenig Zeit nehmen, um valide Zusammenhänge bspw. in Form von Korrelationen, Kausalitäten oder mathematischen Algorithmen zu ermitteln und zu verstehen. Auch hier gilt "Kapieren geht vor Kopieren". Und wir müssen uns dessen bewusst sein, dass letztlich in der gezielten Auswahl und Bereitstellung von Informationen eines der mächtigsten Instrumente für Information und Manipulation liegt! Bei der Zusammenstellung von Kennzahlen dominiert noch viel zu oft Wunsch- vor Sachzwang. Kennzahlen werden von Menschen in Auftrag gegeben und erstellt. Für viele von uns gilt, dass wir uns (frei nach George Bernhard Shaw) lieber durch Lob ruinieren als durch Kritik verbessern lassen - was die Wirklichkeit insgesamt nachhaltig prägt und eben leider auch Kennzahlen
Dipl.-Kfm. Jürgen Zinnecker Stv. Abteilungsdirektor Baden-Württembergische Bank AG OuE - RCB Postfach 10 60 14 70049 Stuttgart juergen.zinnecker@bw-bank.de www.bw-bank.de