HMD 234, 40. Jahrgang, Dezember 2003

Web-Services

Herausgeber: Hans-Peter Fröschle

Einwurf

von Oliver Grasl

Sprechen SIE Web-Services?

Heute war in der Zeitung ein Beitrag zum neuen Hochhaus Taipeh 101, das Ende nächsten Jahres bezogen werden kann. Taipeh 101 ist mit über 500m Höhe das höchste bewohnte Gebäude der Welt.

Was ist daran großartig? Dass es die Materialien gibt, so etwas überhaupt zu bauen? Dass es Menschen gibt, welche die Phantasie, das Wissen und die Kühnheit haben, die einzelnen Materialen auszuwählen und zu solch einem Gebäude zusammenzusetzen? Oder die Kombination aus beidem?

Ich kann mich noch gut erinnern, wie Anfang der 90er Microsoft mit seiner OLE-Technologie die Komponenten- Revolution einleitete. Wir wussten alle, dass OLE etwas Besonderes ist, wussten zunächst aber wenig damit anzufangen. Es wurde viel diskutiert:

  • War die Architektur von OLE gelungen?
  • War dieses oder jenes Interface nicht etwas unförmig?
  • Was ist überhaupt eine Komponente und was nicht?

Es dauerte eine ganze Weile, bis wir die richtigen Denkmuster entwickelten: Wir fingen an, in wieder verwendbaren Komponenten zu denken, und hörten auf, eine Anwendung von Grund auf selbst entwickeln zu wollen - es entstanden ganz neue Anwendungen, deren Entwicklung wir uns ohne diese Technologie gar nicht hätten vorstellen können.

Heute ist die OLE-Technologie selbst verschwunden, die Komponenten-Philosophie lebt weiter.

Mit den Web-Services ist es ähnlich: Momentan wird viel darüber diskutiert, welcher Standard sich in welcher Form durchsetzen wird. Das ist natürlich eine wichtige Frage, weil viel Geld damit gewonnen oder verloren werden kann, auf den richtigen oder falschen Standard zu setzen.

Entscheidend für das Überleben der Web-Service-Philosophie - mit welchen Kernstandards auch immer - ist aber der Kundennutzen. Und aus dieser Sicht sind die wirklich wichtigen Fragen:

  • Wann fangen wir an, IT-Anwendungen nicht mehr als "executable" zu sehen, die auf einer bestimmten "Maschine" laufen, sondern als Bündelungen von einzelnen Diensten, die irgendwo laufen?
  • Wann fangen wir an, das Internet selbst als "die Maschine" zu sehen, die eine Vielzahl von kleinen programmierbaren Diensten anbietet?
  • Wann fangen wir an, in Web-Services zu denken?

Eine der wichtigsten Änderungen, die in den letzten Jahrzehnten in der Industrie stattgefunden haben, ist die Verringerung der Fertigungstiefe. Früher bauten die Hersteller fast alles selbst, heute stammen vielfach nur noch das Design, das Prozesswissen und die ein oder andere Kernkomponente vom Hersteller selbst - der Rest kommt von Sublieferanten.

Auch bei Dienstleistungsunternehmen wird sich die "Dienstleistungstiefe" in Zukunft stark verringern. Dienstleistungsunternehmen werden sich der Frage stellen müssen, was für eine Art von Unternehmen sie sein wollen:

  • Sind wir Service Provider, die darauf spezialisiert sind, bestimmte Web-Services anzubieten?
  • Oder sind wir die Integratoren, die Web-Services bündeln, um einen kompletten Kundenprozess abzudecken?
  • Welche Teile der Dienstleistung lagern wir aus, welche entwickeln wir selbst?

Zwangsläufig wird sich auch das Geschäftsmodell der Systemhäuser ändern: Stärkere Spezialisierung auf die Prozesse der Kunden, die klassische Applikationsentwicklung wird mehr und mehr der Web- Service-Integration weichen: Mehr Aufwand für die Konzeption der Gesamtplattform, für die Auswahl passender Web-Services und die Integration von Prozessen, weniger Zeit für die eigentliche Entwicklung. Aus "Software- Development" wird "Service-Development".

Das bringt natürlich neue Qualifikationsprofile und Gehaltstrukturen für die IT-Berater mit sich: Der Allzweck-Programmierer hat ausgedient! Jeder IT-Berater wird sich entscheiden müssen:

  • Bin ich auf Basistechnologien spezialisiert und helfe bei der Entwicklung neuer Web-Services?
  • Bin ich auf bestimmte Prozesse beim Kunden spezialisiert und habe gute Kenntnisse über vorhandene Web-Services in dessen Sektor?
  • Bin ich darauf spezialisiert, Web-Services optimal zu integrieren?

Die Helden von morgen werden nicht jene sein, die es gut verstehen, einen einzelnen Dienst zu entwickeln: Die Helden von morgen sind jene, die es meisterhaft verstehen, bereits bestehende Dienste zu neuen zu integrieren - es lebe der Service-Architekt

Oliver Grasl Geschäftsführer datavisual information management GmbH Taunusstr. 40 D-65183 Wiesbaden oliver.grasl@datavisual.com www.datavisual.com

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