Wenn ich an Informationstechnik im Handel denke, fällt mir
gleich der Sargtischler Besentschuk aus der berühmten
russischen Kleinstadt N. ein. Wir begegnen ihm an einem
lauen Spätsommertag auf dem Vorplatz des Kursker Bahnhofs
in Moskau. Wie kommt der brave Handwerker aus N. nach
Moskau, werden Sie fragen, noch dazu mit nicht weniger als
acht seiner Erdmöbel aus eigener Produktion im Schlepp.
Besentschuk selbst würde Ihnen erklären, er habe aus
zuverlässiger Quelle erfahren, dass in Moskau eine
fürchterliche Grippe-Epidemie die Leute nur so dahinraffe,
so dass er, Besentschuk, die berechtigte Hoffnung hege,
seine acht Eichensärge aus eigener Produktion hier im
Handumdrehen absetzen zu können, was ihm daheim, in der
Kleinstadt N., mangels Nachfrage und wegen starker
Konkurrenz verwehrt sei.
Nun muss ich dem medizinhistorisch bewanderten Leser
sicher nicht erklären, dass man sich im Moskau des Jahres
1927 im Allgemeinen bester Gesundheit erfreute und von
einer gesteigerten Nachfrage an Eichensärgen keine Rede
sein konnte. Es versteht sich auch, dass diese
Unternehmung unseres Freundes Besentschuk in kommerzieller
Hinsicht ein Totalausfall war - im Übrigen bei Leibe nicht
sein erster -, den der Ärmste nur durch seinen
gewohnheitsmäßigen Genuss ortsüblicher Getränke von
höherer Schlagzahl überstanden haben dürfte.
Hübsche Geschichte, mag der geneigte Leser jetzt denken,
aber der Autor dieser Zeilen muss wohl selbigem Getränk
zugesprochen haben, um dabei an "IT im Handel" zu denken.
Wir können da für nichts garantieren, nur zeigt die nähere
Analyse des hier eingesetzten Informationssystems und
dessen unzweifelhaftem Versagen auf der ganzen Linie, dass
es sich bei dem aus der russischen Literatur* entlehnten
Vorgang um den Präzedenzfall für eine Vielzahl mehr oder
minder bekannt gewordener Fälle von Versagen in der
kommerziellen IT-Anwendung handelt.
Das Schöne daran ist, dass unser Zechfreund Besentschuk
sich nicht auf das Versagen einer neuen Technik berufen
kann, wie das heute gern geschieht. Er arbeitet ja mit
ganz herkömmlichen Methoden der Informationsverarbeitung,
der direkten Sprachvermittlung von Mensch zu Mensch. Das
zeigt die Schwächen seiner Insel-Lösung (Aufspüren von
Gerüchten über Krankheitsfälle und Herumlungern vorm
Standesamt der Kleinstadt N.) umso deutlicher. Besonders
rächt sich, dass sein IT-System über keinerlei Möglichkeit
verfügt, die Konsistenz der eingegebenen Daten zu
verifizieren. Das Desaster scheint unausweichlich.
Heute redet man sich gern auf die angeblich nicht
funktionierende Technik heraus, wenn IT-Systeme im Handel
nicht das leisten, was sie sollen. Dabei ist die Technik
als solche völlig unschuldig und im Übrigen schon seit
längerem in der Lage, im Grunde alles das zu leisten, was
ein modernes IT-System im Handel leisten muss. Versagt
haben vielmehr die Strategen, indem sie es oft nicht
verstehen, das Potenzial der Technik zu erkennen und
weitsichtig für die Zwecke des Handels zu nutzen. Wie man
beispielsweise angesichts seit langem klar erkennbarer
Tendenzen zur Vernetzung und Integration jemals zu so
genannten Insel-Lösungen kommen konnte, wird mir für immer
ein Rätsel bleiben. Schon die Bezeichnung "Lösung" im
Verbund mit "Insel" will mir nicht recht über die Lippen.
Da schlittern dann gestandene IT-Unternehmen haarscharf an
einer Katastrophe à la Besentschuk vorbei, wenn sie ihr
Warenwirtschaftssystem aktualisieren müssen und deshalb
über Monate hinweg faktisch lieferunfähig sind. Bekannt
geworden ist auch der Fall eines großen
Automobilherstellers, über dessen Ersatzteillager die IT
hereinbrach wie die Flut über Dresden, mit der Folge
monatelanger Lieferengpässe.
Am schlimmsten aber sind jene, die offenkundig nicht
wollen: unsere modernen Großbanken und Sparkassen
beispielsweise. Angeblich rechnen sie noch heute deutsche
Euros in italienische Euri von Hand um, weil es an einem
europaweiten IT-System für derartige Transfers in der
Eurozone mangelt. Zwölf Jahre nach dem Beschluss für die
Gemeinschaftswährung hatte es die Kommission in Brüssel
dann satt und verordnete den Experten für internationale
Kapitalströme, ihre Kunden künftig nicht mehr mit der
Begründung höherer Transferkosten abzuschröpfen. Als Folge
hoben viele deutsche Banken die Gebühren für ihre
Inlandsüberweisungen an. Diese Ignoranz könnte sich noch
bitter rächen. Ich zum Beispiel werde gleich am 1. Mai ein
Eurokonto bei einer Onlinebank in Warschau, Prag oder
Budapest eröffnen und dann abwarten, bis die Sparkasse vor
der Haustür durch die IT-Entwicklung völlig überflüssig
geworden ist. Man muss kein Prophet sein, um dies kommen
zu sehen.
Die Autoren dieses HMD-Heftes sind gründliche Analysten
dessen, was bei der Einführung neuer
Informationsverarbeitungstechniken im Handel bislang
abgelaufen ist und welche Folgerungen sich daraus ergeben.
Im Grunde eine Chronik der Irrungen. Die Lektüre sei
jedoch jedem empfohlen, der mit seinen Unternehmungen
nicht eines Tages dastehen will wie unser Besentschuk mit
seinen acht Särgen auf dem Bahnhofsvorplatz in Moskau.
* Der Sargtischler Besentschuk ist eine
Randfigur in dem heiteren Roman "Zwölf Stühle" von Ilja
Ilf und Jewgeni Petrow, in neuer Übersetzung erschienen im
Verlag Volk und Welt, Berlin, 2000.
Einwurf
von Tim Gerber
Null, null Kopeken
Wenn ich an Informationstechnik im Handel denke, fällt mir gleich der Sargtischler Besentschuk aus der berühmten russischen Kleinstadt N. ein. Wir begegnen ihm an einem lauen Spätsommertag auf dem Vorplatz des Kursker Bahnhofs in Moskau. Wie kommt der brave Handwerker aus N. nach Moskau, werden Sie fragen, noch dazu mit nicht weniger als acht seiner Erdmöbel aus eigener Produktion im Schlepp. Besentschuk selbst würde Ihnen erklären, er habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass in Moskau eine fürchterliche Grippe-Epidemie die Leute nur so dahinraffe, so dass er, Besentschuk, die berechtigte Hoffnung hege, seine acht Eichensärge aus eigener Produktion hier im Handumdrehen absetzen zu können, was ihm daheim, in der Kleinstadt N., mangels Nachfrage und wegen starker Konkurrenz verwehrt sei.
Nun muss ich dem medizinhistorisch bewanderten Leser sicher nicht erklären, dass man sich im Moskau des Jahres 1927 im Allgemeinen bester Gesundheit erfreute und von einer gesteigerten Nachfrage an Eichensärgen keine Rede sein konnte. Es versteht sich auch, dass diese Unternehmung unseres Freundes Besentschuk in kommerzieller Hinsicht ein Totalausfall war - im Übrigen bei Leibe nicht sein erster -, den der Ärmste nur durch seinen gewohnheitsmäßigen Genuss ortsüblicher Getränke von höherer Schlagzahl überstanden haben dürfte.
Hübsche Geschichte, mag der geneigte Leser jetzt denken, aber der Autor dieser Zeilen muss wohl selbigem Getränk zugesprochen haben, um dabei an "IT im Handel" zu denken. Wir können da für nichts garantieren, nur zeigt die nähere Analyse des hier eingesetzten Informationssystems und dessen unzweifelhaftem Versagen auf der ganzen Linie, dass es sich bei dem aus der russischen Literatur* entlehnten Vorgang um den Präzedenzfall für eine Vielzahl mehr oder minder bekannt gewordener Fälle von Versagen in der kommerziellen IT-Anwendung handelt.
Das Schöne daran ist, dass unser Zechfreund Besentschuk sich nicht auf das Versagen einer neuen Technik berufen kann, wie das heute gern geschieht. Er arbeitet ja mit ganz herkömmlichen Methoden der Informationsverarbeitung, der direkten Sprachvermittlung von Mensch zu Mensch. Das zeigt die Schwächen seiner Insel-Lösung (Aufspüren von Gerüchten über Krankheitsfälle und Herumlungern vorm Standesamt der Kleinstadt N.) umso deutlicher. Besonders rächt sich, dass sein IT-System über keinerlei Möglichkeit verfügt, die Konsistenz der eingegebenen Daten zu verifizieren. Das Desaster scheint unausweichlich.
Heute redet man sich gern auf die angeblich nicht funktionierende Technik heraus, wenn IT-Systeme im Handel nicht das leisten, was sie sollen. Dabei ist die Technik als solche völlig unschuldig und im Übrigen schon seit längerem in der Lage, im Grunde alles das zu leisten, was ein modernes IT-System im Handel leisten muss. Versagt haben vielmehr die Strategen, indem sie es oft nicht verstehen, das Potenzial der Technik zu erkennen und weitsichtig für die Zwecke des Handels zu nutzen. Wie man beispielsweise angesichts seit langem klar erkennbarer Tendenzen zur Vernetzung und Integration jemals zu so genannten Insel-Lösungen kommen konnte, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Schon die Bezeichnung "Lösung" im Verbund mit "Insel" will mir nicht recht über die Lippen.
Da schlittern dann gestandene IT-Unternehmen haarscharf an einer Katastrophe à la Besentschuk vorbei, wenn sie ihr Warenwirtschaftssystem aktualisieren müssen und deshalb über Monate hinweg faktisch lieferunfähig sind. Bekannt geworden ist auch der Fall eines großen Automobilherstellers, über dessen Ersatzteillager die IT hereinbrach wie die Flut über Dresden, mit der Folge monatelanger Lieferengpässe.
Am schlimmsten aber sind jene, die offenkundig nicht wollen: unsere modernen Großbanken und Sparkassen beispielsweise. Angeblich rechnen sie noch heute deutsche Euros in italienische Euri von Hand um, weil es an einem europaweiten IT-System für derartige Transfers in der Eurozone mangelt. Zwölf Jahre nach dem Beschluss für die Gemeinschaftswährung hatte es die Kommission in Brüssel dann satt und verordnete den Experten für internationale Kapitalströme, ihre Kunden künftig nicht mehr mit der Begründung höherer Transferkosten abzuschröpfen. Als Folge hoben viele deutsche Banken die Gebühren für ihre Inlandsüberweisungen an. Diese Ignoranz könnte sich noch bitter rächen. Ich zum Beispiel werde gleich am 1. Mai ein Eurokonto bei einer Onlinebank in Warschau, Prag oder Budapest eröffnen und dann abwarten, bis die Sparkasse vor der Haustür durch die IT-Entwicklung völlig überflüssig geworden ist. Man muss kein Prophet sein, um dies kommen zu sehen.
Die Autoren dieses HMD-Heftes sind gründliche Analysten dessen, was bei der Einführung neuer Informationsverarbeitungstechniken im Handel bislang abgelaufen ist und welche Folgerungen sich daraus ergeben. Im Grunde eine Chronik der Irrungen. Die Lektüre sei jedoch jedem empfohlen, der mit seinen Unternehmungen nicht eines Tages dastehen will wie unser Besentschuk mit seinen acht Särgen auf dem Bahnhofsvorplatz in Moskau.
Tim Gerber Publizist Rautenstr. 18 30171 Hannover Tim.Gerber@gmx.de