HMD 239, 41. Jahrgang, Oktober 2004

Wettbewerbsvorteile durch IT

Herausgeber: Hans-Peter Fröschle

Einwurf

von Stefan Reinheimer

Wettbewerbsvorteile durch IT? - Eine neues Thema mit einer eindeutigen Antwort?

Der Begriff Technologie (altgriechisch technologia) bezeichnet die Lehre von der Technik und deren Anwendung. Unter Technik wiederum versteht man die Gesamtheit der Verfahren und Vorgehensweisen zur Herstellung von Dingen und Lösung von Problemen mittels Werkzeugen. Auch wenn sich die Frage nach den Wettbewerbsvorteilen durch IT nach einem Problem der modernen Zeit anhört, sind Informationen und Informationsvorteile durch technische Unterstützung mit Auswirkungen auf die Wettbewerbssituation nicht erst im Computerzeitalter von kritischer Bedeutung für die Beteiligten geworden. Ein kurzer Blick in die Geschichte mag dies belegen:

Vor knapp zwei Jahrhunderten, im Anschluss an die Schlacht von Waterloo im Jahr 1815, hat sich die englische Bankiersfamilie Rothschild durch die Kontrolle der Kommunikationswege einen erheblichen Wettbewerbsvorteil geschaffen. Nachrichten wurden zur damaligen Zeit über eine Art Staffellauf, bestehend aus Reitern und Signaltürmen, über lange Strecken hinweg weitergeleitet. Durch die Kontrolle dieser Signaltürme ist es der Familie gelungen, die Meldung über den Ausgang der Schlacht zwischen den Franzosen und der englisch-preußischen Armee zu manipulieren. Danach erreichte die Nachricht über eine Niederlage Wellingtons London, was zu panikartigen Verkäufen an der Börse führte. Die Familie Rothschild kaufte die Aktien aus diesem Preisverfall auf. Als dann die inhaltlich korrekte Meldung über den Sieg der englisch-preußischen Armee verkündet wurde, stiegen die Kurse innerhalb kürzester Zeit um ein Vielfaches. Dieser Schachzug machte die Familie Rothschild zum einflussreichsten Bankhaus Europas des 19. Jahrhunderts. Man mag Vorbehalte gegenüber der moralischen Bewertung dieser Aktion haben, Fakt ist jedoch, dass die Familie Rothschild ihre Dominanz über die Informationstechnologie dieser Zeit ausgenutzt hat, um sich einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Auch in der näheren Vergangenheit gibt es viele Beispiele über Einschätzungen der Wettbewerbsrelevanz der Informationstechnologie, insbesondere der Computertechnologie. Noch in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war die Bedeutung der Computertechnologie als Teil der Informationstechnologie nicht ganz klar. Aus heutiger Sicht amüsante Zitate deuten darauf hin, dass die Computertechnologie bis in die späten 70er Jahre hinein nicht als Wettbewerbsfaktor eingeschätzt wurde:

"Aber für was ist das gut?" (Bemerkung zum Microchip von einem Ingenieur von Advanced Computing Systems Division of IBM, 1968)

"Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt." (Thomas Watson, Vorsitzender von IBM,1943)

"Ich habe die Länge und Breite dieses Landes bereist und mit den besten Leuten geredet, und ich kann Ihnen versichern, dass Datenverarbeitung ein Tick ist, welcher dieses Jahr nicht überleben wird." (The editor in charge of business books for Prentice Hall, 1957)

"Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand einen Computer in seinem Haus wollen würde." (Ken Olson, Präsident, Vorsitzender und Gründer von DEC (Digital Equipment Corp.), 1977)

Die Bedeutung der hier diskutierten hardwaretechnischen Voraussetzungen ist heute sicherlich unstrittig. Interessanter ist die Diskussion der softwaretechnischen Einflüsse auf die Frage nach Wettbewerbsvorteilen durch IT. Hierbei gilt es, drei Aspekte zu untersuchen:

  1. Kann ein Unternehmen trotz der zunehmenden Standardisierung (z.B. im ERP-Markt oder durch die Internetprotokolle) Wettbewerbsvorteile erzielen?
  2. Beschleunigen die stark wachsenden Kosten für Informationstechnologie die Tendenz zu Unternehmenszusammenschlüssen?
  3. Trägt die zunehmende Komplexität der Software u.U. sogar dazu bei, dass allein die Einführung z.B. eines neuen ERP-Systems dazu führen kann, Unternehmen in ihrer Existenz zu gefährden (man denke an die unzähligen Probleme, die durch Neueinführungen oder Modernisierung auftreten können)? Damit käme man zu der Erkenntnis, dass man das Unternehmen aufs Spiel setzen muss, um überhaupt im Markt mithalten zu können - das Thema der Schaffung von Wettbewerbsvorteilen steht somit erst weit hinten an.

Die Untersuchung dieser Fragen ist Gegenstand der nachfolgenden Artikel. Abschließende Antworten sind jedoch nicht zu erwarten, da - wie in so vielen Fällen - auch hier kein richtig oder falsch, kein schwarz oder weiß zu unterscheiden ist. Kriterien und Voraussetzungen für Wettbewerbsvorteile durch IT können jedoch abgeleitet werden.

Dr. Stefan Reinheimer BIK GmbH Businesspartner für Informations- und Kommunikationsmanagement Äußere Sulzbacher Str. 16 90489 Nürnberg sr@bik.biz www.bikman.de

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