HMD 240, 41. Jahrgang, Dezember 2004

IT im Mittelstand

Herausgeber: Stefan Meinhardt

Einwurf

von Gunter Kayser

"Wir fangen schwach an und lassen stark nach", lautete einer der in den achtziger Jahren so beliebten Sponti- Sprüche, die als Kalenderblatt, Postkarte, Aufkleber oder Sticker Einzug gehalten haben in zahllose deutsche Amtsstuben, Vorzimmer, Sekretariate oder Werkstatträume. Auf ähnliche Weise könnte heute das Verhältnis zwischen Mittelstand und den Produkten der IT-Branche beschrieben werden. Angesichts des jähen Endes der Träume vom goldenen Internetzeitalter, der z.T. triumphalen Renaissance der lange Jahre unverdient gescholtenen Old Economy mit besonderem Blick auf den Mittelstand könnte man rückblickend aber auch sagen, wohl dem, der nicht gleich bedenkenlos auf den Hochgeschwindigkeitszug "IT-Solutions" aufgesprungen ist, sondern erst einmal sorgfältig kalkuliert und analysiert hat und dann in überlegten und wohl abgewogenen Schritten IT ins Unternehmen geholt hat, und zwar dorthin, wo sie einen sichtbaren und messbaren Zugewinn verspricht.

Der Mittelstand, das sind je nach statistischer Basis zwischen 2,9 und 3,5 Mio. Unternehmen bzw. Selbstständige in Deutschland, die sowohl für den wirtschaftlichen als auch für den gesellschaftlichen Standard unseres Landes unverzichtbar sind. Unternehmen, die 70% aller Arbeitsplätze und 80% aller Ausbildungsplätze bereitstellen und denen wir mehr als 41% der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung verdanken. Geleitet werden sie von Unternehmerinnen und Unternehmern, die bereit sind, sich den speziellen Risiken des Wettbewerbs zu stellen und die für die Konsequenzen ihrer Irrtümer und Fehlentscheidungen selbst einzustehen haben, ohne Bestandsgarantie oder staatlicher Hilfe bei wirtschaftlichen Schieflagen. Für Wirtschaft und Gesellschaft eine unverzichtbare Größe, für Verkäufer indessen eine interessante Zielgruppe

Und was soll nicht alles im Mittelstand an die Frau, den Mann gebracht werden. Die maßgeschneiderte Führungskonzeption, die betriebsindividuelle Problemlösung via Beratung, das ideale Finanzierungskonzept, die bedarfsgerechte EDV-Lösung und in jüngerer Zeit eben die alle Sorgen vertreibende IT-Solution. Auf Grundlage persönlicher Gespräche äußert der Verfasser die ketzerisch klingende Vermutung, dass viele der derzeitigen Angebote am Bedarf der Unternehmen vorbeigehen bzw. das Ergebnis von Strategie-Meetings sind, auf denen die Frage diskutiert wurde: Wofür könnte der Mittelstand das gebrauchen, was wir gerade im Angebot haben.

Der Einstieg der IT-Branche in den Absatzbereich Mittelstand war ja auch durchaus viel versprechend. Eine empirische Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM Bonn) aus dem Jahre 1999 zeigte, dass knapp zwei Drittel aller deutschen Unternehmen zum damaligen Zeitpunkt bereits IT-aktiv waren, wenn man stellvertretend für IT-Aktivitäten die Nutzung des Internets für betriebliche Zwecke ansieht. Hält man an diesen Durchschnittsbefund allerdings die statistische Lupe, dann entdeckt man, dass der relativ hohe Verbreitungsgrad des Internets in der Wirtschaft vor allem den größeren Unternehmen zu verdanken war. Von den Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten - und hierzu gehören gut 85% aller deutschen Mittelstandsunternehmen - hatten sich damals nur gut die Hälfte bereits auf das Netz der Netze eingelassen. Hingegen war Ende der neunziger Jahre für rund 98% aller Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten, hierzu gehört aber nur etwa 1% aller deutschen Mittelstandsunternehmen, die betriebliche Nutzung des Internets selbstverständlich. Dieser Befund lehrt uns zweierlei: Zunächst einmal gehört der zahlenmäßig gewichtigere Teil des Mittelstands zum Kreis der Kleinunternehmen mit weniger als 20 bzw. 10 Beschäftigten. Nur ein verhältnismäßig geringer Teil gehört zum Kreis der größeren Mittelstandsunternehmen. Je nachdem, wo man die Grenze nun zieht, ob bei 50 oder 100 Beschäftigten, handelt es sich bei diesem Kreis um nicht mehr als 80.000 bzw. gut 30.000 Unternehmen. Zwischen diesen beiden Mittelstandsblöcken bestehen zweitens - bei vielen Gemeinsamkeiten - doch erhebliche Unterschiede organisatorischer, aufgabenspezifischer, häufig auch mentaler Art. Diese Unterschiede setzen sich fort im Bedarf des Mittelstands an Rat, Hilfe und letztlich eben auch an IT-Lösungen.

Wenn eine große Fachzeitung Mitte des Jahres 2000 auf ihrer Titelseite jubilierte: "Deutsche Mittelständler sind E-Commerce-Vorreiter der EU", dann sind solche plakativen Feststellungen mit Vorsicht zu genießen. Sie suggerieren die allgemeine Gültigkeit von Durchschnittswerten, die aber genau die Tatsache außer Acht lassen, dass die Dinge bei 85% bis 95% aller Mittelstandsunternehmen eben anders - meist bescheidener - liegen, wofür gute Gründe ausschlaggebend sind. Allen voran die Kosten für Anschaffung und Betrieb, die hier in der Regel aus eigener Tasche bestritten werden müssen. Daran ändert auch nichts, dass das Jahr 2001 zum "Jahr des E-Business" erklärt wurde.

Nicht zuletzt deshalb, aber natürlich auch wegen der viel zitierten Wissensdefizite im Mittelstand, trennt sich abermals das Heer der kleinen Unternehmen von der Hand voll größerer Mittelständler. An der Schwelle zum Millennium bestand die Hauptattraktion des betrieblich genutzten Internets noch im Versand und Empfang von E- Mails (77% aller Unternehmen) und dem Zugang zur Welt der Informationsdienste (73%). Über eine eigene Homepage verfügten vor gut vier Jahren noch nicht einmal oder gerade die Hälfte aller Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten, hingegen zwischen knapp 71% bis 81% aller Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten. Intranet zur Verbesserung der internen Kommunikations- und Organisationsstrukturen gab es nicht einmal in jedem vierten kleinen und nur in jedem zweiten größeren Mittelstandsunternehmen; zur Neuordnung der Geschäftsabläufe nutzten zwischen 22% und 30% der Unternehmen, gleich welcher Größe, die "neue" Technologie und das Onlineshopping (B2B, B2C), damals für die Medien das Fenster zum großen Geld und die Wachstumsquelle schlechthin, war es für ca. 90% aller deutschen Unternehmen noch unbekanntes oder unerschlossenes Terrain. Immerhin, die erste Hürde war übersprungen, die Wirtschaft und auch der Mittelstand waren schon 1999/2000 online. Man fing also durchaus stark an.

Seither hat sich die Welt gedreht und gerade im IT-Bereich dreht sie sich bekanntlich besonders schnell. Mehr als 90% der kleinen und knapp 100% der größeren Mittelständler verfügen heute im Unternehmen über Internetanschluss. Aber in der Anwendung und Nutzung ist man über einen viel versprechenden Einstieg noch nicht entscheidend hinausgekommen. Wie die Studie mind-Mittelstand in Deutschland der Zeitschrift Impulse und des IfM Bonn offenbart, ist immer noch die eigene E-Mail-Adresse die Hauptattraktion des Internets. Die eigene Homepage, für immer mehr Privatpersonen eine Selbstverständlichkeit, präsentiert deutlich weniger bis gut die Hälfte aller kleinen Mittelstandsunternehmen. Die Homepage als Präsentationsplattform für Produktinformationen und Einstieg in Serviceangebote gibt es erst in einem Drittel aller kleinen, aber bei gut 50% bis 75% der größeren Unternehmen. Kundensupport qua Internet wird erst von Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten angeboten - und auch hier nur von gut jedem zweiten! Nicht einmal jedes siebte Unternehmen setzt auf B2C, B2B, B2A. Noch weniger machen von den organisatorischen oder effizienzsteigernden Möglichkeiten, die der IT-Bereich den eigenen Darstellungen zufolge anbietet, Gebrauch. Den großen Innovationsschub im Mittelstand auf breiter Basis hat die Informationstechnologie bisher also noch nicht ausgelöst. Vielleicht auch deshalb, weil der Mittelstand seit nahezu drei Jahren andere Sorgen hat. Schwache Konjunkturdaten, wachsende Finanzierungsprobleme, zunehmender Wettbewerb und unsichere Zukunftserwartungen zwingen die Unternehmer zu Vorsicht und Zurückhaltung bei Investitionsentscheidungen. Und dies gilt insbesondere für eine Technologie, die sie nur unzureichend beherrschen und deren Reifegrad sie nicht abzuschätzen vermögen.

Nota bene! Die obigen Darlegungen betreffen den Mittelstand als Ganzes, doch der Mittelstand wäre nicht der Mittelstand, wenn es keine Ausnahmen von der Regel gäbe. Und auch wenn man Mittelstand unter dem Focus IT- Anwendungen betrachtet, gibt es die berühmten Abweichungen vom Durchschnitt. Einmal mehr sind es die erfolgreichen Mittelständler oder Hidden Champions, die jeder Generalisierung Grenzen setzen. Sie sind überdurchschnittlich gut, in jeder Beziehung, und dadurch auch überdurchschnittlich erfolgreich. Sie waren und sind stets aufgeschlossen für neue Technologien und nutzen somit auch die Möglichkeiten, die der IT-Sektor bietet. Nur sind sie erstens nicht erfolgreich, weil sie neue Technologien einschließlich IT nutzen, sondern sie nutzen die Angebote der IT-Branche, weil sie erfolgreich sind, und zweitens, es gibt zwar viele, aber gemessen an den knapp 3 Mio. mittelständischen Unternehmen doch nur eine kleine Zahl solcher Champions in Deutschland. Um sie buhlt die Wissenschaft auf der eifrigen Suche nach Erfolgsdeterminanten fast genau so wie die IT-Branche, um ihre Produkte an die Frau, den Mann zu bringen.

Dr. Gunter Kayser Wissenschaftlicher Geschäftsführer Institut für Mittelstandsforschung Bonn Maximilianstr. 20 53111 Bonn kayser@ifm-bonn.org www.ifm-bonn.org

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