HMD 241, 42. Jahrgang, Februar 2005

Business Engineering

Herausgeber: Susanne Strahringer

Editorial

Seit Gartner die Vision des Real Time Enterprise als das Idealbild eines Unternehmens im Informationszeitalter verkündet hat und Schlagwörtern wie Agilität, Aktualität und Flexibilität eine immer größere Bedeutung beigemessen wird, muss sich gerade die IT mehr denn je fragen, was in einer modernen Welt von dem, was man gerade mühevoll geschaffen hat, morgen nicht schon wieder überholt sein wird. Die wichtigste Erkenntnis dabei ist vermutlich, dass die Kurzlebigkeit der Artefakte, die wir schaffen, nicht die Kurzlebigkeit der Methoden, mit denen wir sie schaffen, zur Folge haben sollte. Vielmehr ist sogar ein gegenläufiger Zusammenhang angeraten. Zwar erzeugt ein kürzerer Lebenszyklus von Prozessen und Systemen durchaus auch Zeitdruck auf die Prozesse ihrer Gestaltung. Diesem wird jedoch am besten durch einen hohen Reifegrad der Konstruktionsprozesse begegnet. Je kurzlebiger das Ergebnis, umso systematischer, scheint es, sollte der Prozess seiner Erstellung sein: nicht ineffizient, aber methodisch, basierend auf vorhandenen Erkenntnissen, die bewusst wiederverwendet werden, gestützt durch IT- Werkzeuge, da, wo es möglich ist. Nur durch das Beherrschen dieses Konstruktionsprozesses kann letztlich, dem Veränderungsdruck nachgebend, Flexibilität erzeugt werden.

Business Engineering als die "methoden- und modellbasierte Konstruktionslehre für Unternehmen des Informationszeitalters" (siehe im Beitrag Österle & Blessing) ist in einem Stadium angekommen, wo genau dies auf dem Prüfstein steht. Wird es dem Business Engineering, das spätestens, seitdem wir nicht mehr programmieren, sondern "orchestrieren", die Bedeutung des Software Engineering ein wenig in den Hintergrund gedrängt hat, gelingen, Unternehmen tatsächlich auf die Anforderungen des Informationszeitalters vorzubereiten?

Der Zeitpunkt scheint richtig, sich diese Frage zu stellen. Bergen doch serviceorientierte Architekturen das Potenzial, Neues mit Bisherigem zu verbinden und in eine Welt lose gekoppelter Dienste zu überführen, die sich entlang von Geschäftsprozessen immer wieder neu arrangieren lassen. Noch nie waren sich Geschäftsprozesse und Informationssysteme so nah, wie es Serviceorientierung verspricht. Business Engineering als Disziplin, die das Gestalten von Geschäftslösungen auf Basis dieses Zusammenspiels par excellence beherrscht, aber dabei einen ingenieurwissenschaftlichen Ansatz propagiert, wird in der Ära der Serviceorientierung entweder erheblich an Bedeutung verlieren oder gerade dann erst seine wahre Bedeutung entfalten. Durchaus könnten Business-Process- Management-Systeme und die damit in Aussicht gestellte Beherrschung von Prozessen durch jedermann im Handumdrehen dem Business Engineering eine Lektion erteilen wie die, die das klassische Software Engineering durch die agilen Ansätze erfahren hat. Ich persönlich glaube, dass eher die eingangs formulierte These zutrifft und die Betonung von Methoden und Modellen weiter zunehmen wird.

Ihnen, unseren Lesern, können wir in diesem Heft diese Frage nicht endgültig beantworten, sondern lediglich Einblick gewähren in den "State of the Art" dieser Disziplin und die sich abzeichnenden Entwicklungsrichtungen. Die Zukunft beobachten und urteilen müssen Sie selbst. Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen

Susanne Strahringer

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