Was Informatiker und Wirtschaftsinformatiker zu Prozessen beitragen
Inzwischen kann man bereits auf der Titelseite der
Computer Zeitung lesen, dass wir Deutschen Spitze sind,
wenn es um Prozessmodellierung in und Prozessverständnis
von Anwendungen geht. Es mag ja richtig sein, dass wir
(wenigstens in dieser Hinsicht) vorbildlich sind, aber es
klafft nach meiner Beobachtung weiterhin eine große Lücke
zwischen dem, was die Informatik über Jahre hinweg
entwickelt hat, und dem, was die Wirtschaftsinformatik
hiervon benutzt.
In der Informatik beschäftigt man sich ja seit
Hoare oder Milner (oder für die, denen diese Namen nichts
sagen: seit den 70er Jahren) mit der Frage, wie sich
dynamische Systeme präzise (also in angemessener Syntax
und formaler Semantik) so beschreiben lassen, dass man
wichtige Eigenschaften (wie Deadlockfreiheit oder
Lebendigkeit) "einfach ausrechnen" kann (wobei die
Betonung sowohl auf "einfach" als auch auf "ausrechnen"
liegen kann). Die wichtigste Entwicklung in Bezug auf
Geschäftsprozesse, die die Informatik heute zu bieten hat,
sind ohne Zweifel (höhere) Petri-Netze, deren
Universalität und deren Vielfalt sie zu einem geradezu
idealen Werkzeug für die Beschreibung und Analyse von
"Business Engineering" auch und vor allem im "E-Business"
machen. Bedauerlich ist nur, dass Petri-Netze es bisher
nicht zu einem "Standard" gebracht haben, weder als ISO
noch DIN noch ANSI noch W3C noch sonst was (wenngleich man
inzwischen, dank PNML, das Beschreiben von Petri-Netzen
vereinheitlichen kann). Das wäre ihr finaler Durchbruch,
denn ein "Standard" in der Informatik genießt ja meist
einen hohen Stellenwert, auch wenn er nicht unbedingt von
Nachhaltigkeit geprägt ist (ich will mir jetzt ersparen,
diese Aussage mit einer langen Liste von Beispielen zu
belegen).
In der Wirtschaftsinformatik befasst man sich
demgegenüber erst seit etwa 1993, als Hammer und Champy
dies vorgaben, mit Geschäftsprozessen und deren
Modellierung. "Standards" sind nach so kurzer Zeit
eigentlich noch nicht zu erwarten. Dafür wartet die
Wirtschaftsinformatik jedoch mit etwas viel Besserem auf,
nämlich mit unzähligen "Referenzmodellen". Die Idee an
sich ist nicht schlecht: Man modelliere einen
Anwendungsbereich ein für allemal und so generell wie
möglich, und alle einzelnen Vorkommnisse dieses Bereichs
leiten sich aus dem Referenzmodell durch "Customizing"
oder Anpassung (meist Auslassung von Teilen des Modells)
ab. Wir sehen einmal davon ab, dass etliche Konsortien und
namhafte Hersteller dieser Idee bereits früher verfallen
sind, ohne dass sich die beabsichtigte Wirkung auf breiter
Front eingestellt hätte. Die Stelle aber, an der dieser
Ansatz unglaubwürdig wird, ist dort, wo man von der
Vielzahl der existierenden Referenzmodelle erschlagen
wird. Denn es gibt ja fast mehr Referenzmodelle als
Anwendungsbereiche, und spätestens da müssen natürlich
neue Systeme, so etwas wie
"Referenzmodellmanagementsysteme", her.
Referenzmodelle sind gut und wichtig, aber viel wichtiger
erscheint mir die Idee, Prozessdenken und
Prozessbewusstsein in den Köpfen derer zu verankern, die
in irgendeiner Form in die Ausführung von Prozessen
involviert sind. Das muss nicht nur im IT-Bereich sein,
das kann auch völlig andere Bereiche betreffen, aber es
ist immer und vor allem da gefragt, wo es darum geht, den
Einsatz von IT weiter zu verbessern und (noch) effizienter
zu gestalten. Die Komplexität, die moderne IT-Systeme
erreicht haben, verbunden mit der Schnelllebigkeit, mit
der die Hersteller die Anwender zwingen, immer Neues zu
installieren, ist nicht mehr beherrschbar ohne ein solches
Bewusstsein bzw. eine solche Denkweise.
Ich darf daran erinnern, dass man in der Informatik unter
einem "Prozess" zunächst nur ein "Programm in Ausführung"
versteht, also einen Ablauf einer zuvor spezifizierten
Folge oder Sammlung von Schritten. Wir könnten also von
"Prozessen im Kleinen" reden, wenn wir Programme meinen,
und wir könnten von "Prozessen im Großen" reden bei
Geschäfts- oder Unternehmensanwendungen. Da man das Kleine
bis heute nicht restlos und fehlerfrei beherrscht, ist
eigentlich nicht zu erwarten, dass das mit dem Großen
anders ist. Aber vielleicht hilft ja das Paradigma des
Divide and Conquer, das in der Informatik schon viele
Anwendungen hat. Serviceorientierung hat offensichtlich
dieses Paradigma im Sinn, wenn versucht wird, große
Anwendungen als Kompositionen einer Reihe einzelner
Dienste zu verstehen und zu spezifizieren. Das passt nun
wieder mit dem vorher Gesagten zusammen:
Man gehe aus von den Unternehmenszielen und der angestrebten Zielarchitektur.
Man führe eine Prozessmodellierung durch, wie sie von einschlägigen Methodologien vorgeschlagen wird (insbesondere als Kombination aus Ablauf-, Organisations- und Objektmodellierung).
Aus den Ergebnissen von Punkt 1 und 2 ergibt sich eine modifizierte Architektur, in der Prozessteile durch Services realisiert werden, also eine serviceorientierte Architektur (SOA).
Schließlich realisiere man die SOA unter Einbeziehung entsprechender Plattformen, Technologien und Technologie-Standards.
Hier können sich Informatik als Technologielieferant und
Wirtschaftsinformatik als direktes Bindeglied zum Anwender
sinnvoll ergänzen und sie können das im Grunde viel
stärker, als es bisher praktiziert wird. Dazu wird vom
Informatiker natürlich mehr Verständnis gegenüber denen,
die von den Anwendungen her kommen, erwartet und von den
Wirtschaftsinformatikern weniger Scheu vor formalen
Methoden. In diesem Sinne träume ich davon, Prozessdenken
und Prozessmodellierung bereits in der Grundausbildung
unserer Studierenden zu verankern, damit sie es quasi mit
der "Informatik-Muttermilch" aufsaugen. Die anstehende
Umstellung unserer Studiengänge bietet dazu übrigens gute
Chancen.
Prof. Dr. Gottfried VossenEuropean Research Center for Information Systems (ERCIS)Universität MünsterLeonardo-Campus 348149 Münstervossen@ercis.dehttp://dbms.uni-muenster.de/
Einwurf
von Gottfried Vossen
Was Informatiker und Wirtschaftsinformatiker zu Prozessen beitragen
Inzwischen kann man bereits auf der Titelseite der Computer Zeitung lesen, dass wir Deutschen Spitze sind, wenn es um Prozessmodellierung in und Prozessverständnis von Anwendungen geht. Es mag ja richtig sein, dass wir (wenigstens in dieser Hinsicht) vorbildlich sind, aber es klafft nach meiner Beobachtung weiterhin eine große Lücke zwischen dem, was die Informatik über Jahre hinweg entwickelt hat, und dem, was die Wirtschaftsinformatik hiervon benutzt.
In der Informatik beschäftigt man sich ja seit Hoare oder Milner (oder für die, denen diese Namen nichts sagen: seit den 70er Jahren) mit der Frage, wie sich dynamische Systeme präzise (also in angemessener Syntax und formaler Semantik) so beschreiben lassen, dass man wichtige Eigenschaften (wie Deadlockfreiheit oder Lebendigkeit) "einfach ausrechnen" kann (wobei die Betonung sowohl auf "einfach" als auch auf "ausrechnen" liegen kann). Die wichtigste Entwicklung in Bezug auf Geschäftsprozesse, die die Informatik heute zu bieten hat, sind ohne Zweifel (höhere) Petri-Netze, deren Universalität und deren Vielfalt sie zu einem geradezu idealen Werkzeug für die Beschreibung und Analyse von "Business Engineering" auch und vor allem im "E-Business" machen. Bedauerlich ist nur, dass Petri-Netze es bisher nicht zu einem "Standard" gebracht haben, weder als ISO noch DIN noch ANSI noch W3C noch sonst was (wenngleich man inzwischen, dank PNML, das Beschreiben von Petri-Netzen vereinheitlichen kann). Das wäre ihr finaler Durchbruch, denn ein "Standard" in der Informatik genießt ja meist einen hohen Stellenwert, auch wenn er nicht unbedingt von Nachhaltigkeit geprägt ist (ich will mir jetzt ersparen, diese Aussage mit einer langen Liste von Beispielen zu belegen).
In der Wirtschaftsinformatik befasst man sich demgegenüber erst seit etwa 1993, als Hammer und Champy dies vorgaben, mit Geschäftsprozessen und deren Modellierung. "Standards" sind nach so kurzer Zeit eigentlich noch nicht zu erwarten. Dafür wartet die Wirtschaftsinformatik jedoch mit etwas viel Besserem auf, nämlich mit unzähligen "Referenzmodellen". Die Idee an sich ist nicht schlecht: Man modelliere einen Anwendungsbereich ein für allemal und so generell wie möglich, und alle einzelnen Vorkommnisse dieses Bereichs leiten sich aus dem Referenzmodell durch "Customizing" oder Anpassung (meist Auslassung von Teilen des Modells) ab. Wir sehen einmal davon ab, dass etliche Konsortien und namhafte Hersteller dieser Idee bereits früher verfallen sind, ohne dass sich die beabsichtigte Wirkung auf breiter Front eingestellt hätte. Die Stelle aber, an der dieser Ansatz unglaubwürdig wird, ist dort, wo man von der Vielzahl der existierenden Referenzmodelle erschlagen wird. Denn es gibt ja fast mehr Referenzmodelle als Anwendungsbereiche, und spätestens da müssen natürlich neue Systeme, so etwas wie "Referenzmodellmanagementsysteme", her.
Referenzmodelle sind gut und wichtig, aber viel wichtiger erscheint mir die Idee, Prozessdenken und Prozessbewusstsein in den Köpfen derer zu verankern, die in irgendeiner Form in die Ausführung von Prozessen involviert sind. Das muss nicht nur im IT-Bereich sein, das kann auch völlig andere Bereiche betreffen, aber es ist immer und vor allem da gefragt, wo es darum geht, den Einsatz von IT weiter zu verbessern und (noch) effizienter zu gestalten. Die Komplexität, die moderne IT-Systeme erreicht haben, verbunden mit der Schnelllebigkeit, mit der die Hersteller die Anwender zwingen, immer Neues zu installieren, ist nicht mehr beherrschbar ohne ein solches Bewusstsein bzw. eine solche Denkweise.
Ich darf daran erinnern, dass man in der Informatik unter einem "Prozess" zunächst nur ein "Programm in Ausführung" versteht, also einen Ablauf einer zuvor spezifizierten Folge oder Sammlung von Schritten. Wir könnten also von "Prozessen im Kleinen" reden, wenn wir Programme meinen, und wir könnten von "Prozessen im Großen" reden bei Geschäfts- oder Unternehmensanwendungen. Da man das Kleine bis heute nicht restlos und fehlerfrei beherrscht, ist eigentlich nicht zu erwarten, dass das mit dem Großen anders ist. Aber vielleicht hilft ja das Paradigma des Divide and Conquer, das in der Informatik schon viele Anwendungen hat. Serviceorientierung hat offensichtlich dieses Paradigma im Sinn, wenn versucht wird, große Anwendungen als Kompositionen einer Reihe einzelner Dienste zu verstehen und zu spezifizieren. Das passt nun wieder mit dem vorher Gesagten zusammen:
Hier können sich Informatik als Technologielieferant und Wirtschaftsinformatik als direktes Bindeglied zum Anwender sinnvoll ergänzen und sie können das im Grunde viel stärker, als es bisher praktiziert wird. Dazu wird vom Informatiker natürlich mehr Verständnis gegenüber denen, die von den Anwendungen her kommen, erwartet und von den Wirtschaftsinformatikern weniger Scheu vor formalen Methoden. In diesem Sinne träume ich davon, Prozessdenken und Prozessmodellierung bereits in der Grundausbildung unserer Studierenden zu verankern, damit sie es quasi mit der "Informatik-Muttermilch" aufsaugen. Die anstehende Umstellung unserer Studiengänge bietet dazu übrigens gute Chancen.
Prof. Dr. Gottfried Vossen European Research Center for Information Systems (ERCIS) Universität Münster Leonardo-Campus 3 48149 Münster vossen@ercis.de http://dbms.uni-muenster.de/