Tokio - Wien - Zürich - St. Gallen - London - Philadelphia
Auf dem Flug von Tokio nach Zürich. Zwischenhalt in Wien.
Die Flugreservations-Website hat mir gesagt, es sei
billiger, wenn ich in Wien Zwischenhalt mache. Da ich halb
Schwabe und halb Schweizer bin, ist das für mich eine
relevante Information. Erweise Heidi Heilmann, Hubert
Österle und Rainer Alt jetzt während des Fluges den
Gefallen, den "Einwurf" zum Thema des aktuellen HMD-Hefts
242, "Virtuelle Organisationen", zu schreiben.
Rainer meint, ich müsste dazu etwas zu sagen haben, die
IMG (Information Management Group) sei doch der Prototyp
einer modernen virtuellen Organisation: Alle Berater
permanent unterwegs. Büros in aller Welt, die im
Wesentlichen nur aus Sitzungszimmern bestehen. Alle
Berater mit Home-Office ausgestattet. Ein zentrales
globales IT-System für die ganze IMG-Welt. Konsolidierung
der Finanzdaten, des Forecasts und der Ressourcenplanung
in Windeseile. Und so weiter und so weiter.
Morgen mache ich einen Home-Office-Tag in St. Gallen, um
die weniger dringenden, nicht sofort zu bearbeitenden,
aber dennoch auf Antwort wartenden angestauten Mails von
meinem fünftägigen Asienaufenthalt zu erledigen. Überall
hatte ich Breitbandanschluss oder Wireless LAN. Wenn ich
nachts nach den ausgiebigen Nachtessen mit Kunden,
Geschäftspartnern und/oder Mitarbeitern kurz vor
Mitternacht die dringendsten Mails beantwortet habe, sind
fast im Zweiminutentakt neue hereingepurzelt. Kein Wunder
bei 8 Stunden Zeitvorsprung in Asien. Was für ein Fluch,
diese Mailflut. Nun, morgen ist Home-Office. Ich will in
der Nähe der Familie sein, bevor es dann nach Philadelphia
weitergeht.
Meine persönliche Assistentin wurde vorletzte Woche
pensioniert und mit einer schönen Feier am Hauptsitz
verabschiedet. Sie hat 11 Jahre für mich gearbeitet. Es
sind viele Mitarbeiter, teilweise von ziemlich fern, zur
Feier gekommen. Ich werde sie vermissen, denn sie war das,
was wir uns unter einer persönlichen Assistentin resp.
Assistenten vorstellen: Immer für den Chef da zu sein, für
alle Belange. Immer Zeit zu haben. Aber die Pensionierung
hat auch eine gute Seite: Sie hat nämlich öfter
reklamiert, dass sie mich fast nie im Büro sieht und mich
bald nicht mehr kennt. Das ist wahr, und diesen Fakt
konnte sie schlecht akzeptieren. Ich sei ein virtueller
Chef, nie da, zu schnell für sie, nicht fassbar. Diese
Reklamation wird es in Zukunft nicht mehr geben. Das ist
das Positive an ihrer Pensionierung. Mit dem Suchen der
Nachfolge lasse ich mir Zeit, ich möchte diese
Reklamationen eigentlich nicht so schnell wieder hören.
Außerdem mache ich viele Sachen in den letzten Jahren so
oder so selbst, was früher eine Assistenten-Aufgabe war.
Die moderne IT macht es möglich.
Ja, es ist eine virtuelle Organisation, in der ich lebe.
Viel auf Reisen zu Kunden und zu unseren Mitarbeitern, die
über den Globus gestreut sind. Und wenn ich einmal in St.
Gallen bin, wo sich unser Firmenhauptsitz befindet, bin
ich dennoch selten im Büro anzutreffen. Ich ziehe es vor,
zu Hause bei der Familie zu sein und von meinem St. Galler
Home-Office aus zu arbeiten, wenn ich keine Sitzungen
habe.
Globalität und Informationstechnologie. Das sind die
großen Treiber der Veränderung unserer Zeit. In globalen
Unternehmen ist Virtualität heute Alltag, die technischen
Mittel sind da. Alles ist mit allem vernetzt. Alles kann
von überall her erreicht werden. Das geht so weit, dass
morgen meine Mails, wenn ich diese zwecks besserer
Lesbarkeit ausdrucke, wahrscheinlich zuerst wieder in
Tokio aus dem Drucker gespuckt werden, weil ich es - wie
so oft - vergessen habe, den Standarddrucker in Windows
auf meinem Laptop umzustellen. Zum Glück habe ich mit der
Office Managerin gestern in Tokio ein paar freundliche
Worte getauscht. Sie wird die ausgedruckten Dokumente
wieder schreddern. So wie immer. Sie weiß, dass ich an
dieser Stelle etwas vergesslich bin.
Wieso reisen die Menschen dann noch so viel, wenn alles
virtuell sein kann? Ich persönlich bin so viel auf Reisen,
dass meine engste Mitarbeiterin sich zu Hause beklagt,
dass man sich fast nicht mehr sieht und sich fremd wird.
Das scheint doch ein Widerspruch in sich zu sein.
Es gibt dazu einen trefflichen Satz, den ich anlässlich
eines Besuches in Australien, dem Land der großen
Distanzen, aufgeschnappt habe: "Socializing is lubrication
of virtual reality." Virtuelle Organisationen müssen
geschmiert werden wie ein Motor mit Öl. Sonst
funktionieren sie nicht.
Am Ende bleiben wir alle eben doch noch Menschen und
lassen uns nicht von der Technik dominieren oder gar
versklaven. Der Mensch braucht Sozialkontakt, damit
Vertrauen entstehen und vor allem aufrechterhalten werden
kann. Und nur wo Vertrauen besteht, kann ein produktives
Ergebnis erzielt werden. Auch in einer virtuellen Welt.
Und die muss gepflegt werden. Von Angesicht zu Angesicht.
Und zwar regelmäßig.
Mit dieser Erkenntnis reise ich weiter rund um die Welt,
im Wissen, dass ich es wahrscheinlich doch richtig mache,
wie schon viele Generationen vor uns, trotz zahlreicher
virtueller Möglichkeiten der Kontaktnahme und der
Kontaktpflege.
Nächste Station: Philadelphia. Via London. So sagt es mir
meine Flugreisen-Website. Ist billiger so.
Und mit der Nachfolgesuche meiner Assistentin lasse ich
mir viel Zeit. Ich will ja nicht, dass der resp. die
Nachfolger(in) zu kurz kommt. Die Technik nimmt mir ja
schon sehr viel ab. Und eine Assistentin resp. einen
Assistenten als Statussymbol brauche ich nicht. Das sieht
ja sowieso niemand in einer virtuellen Welt.
Prof. Dr. oec. Thomas GutzwillerChief Executive OfficerThe Information Management Group (IMG)Fürstenlandstr. 101CH-9014 St. GallenThomas.Gutzwiller@img.comwww.img.com
Einwurf
von Thomas Gutzwiller
Tokio - Wien - Zürich - St. Gallen - London - Philadelphia
Auf dem Flug von Tokio nach Zürich. Zwischenhalt in Wien. Die Flugreservations-Website hat mir gesagt, es sei billiger, wenn ich in Wien Zwischenhalt mache. Da ich halb Schwabe und halb Schweizer bin, ist das für mich eine relevante Information. Erweise Heidi Heilmann, Hubert Österle und Rainer Alt jetzt während des Fluges den Gefallen, den "Einwurf" zum Thema des aktuellen HMD-Hefts 242, "Virtuelle Organisationen", zu schreiben.
Rainer meint, ich müsste dazu etwas zu sagen haben, die IMG (Information Management Group) sei doch der Prototyp einer modernen virtuellen Organisation: Alle Berater permanent unterwegs. Büros in aller Welt, die im Wesentlichen nur aus Sitzungszimmern bestehen. Alle Berater mit Home-Office ausgestattet. Ein zentrales globales IT-System für die ganze IMG-Welt. Konsolidierung der Finanzdaten, des Forecasts und der Ressourcenplanung in Windeseile. Und so weiter und so weiter.
Morgen mache ich einen Home-Office-Tag in St. Gallen, um die weniger dringenden, nicht sofort zu bearbeitenden, aber dennoch auf Antwort wartenden angestauten Mails von meinem fünftägigen Asienaufenthalt zu erledigen. Überall hatte ich Breitbandanschluss oder Wireless LAN. Wenn ich nachts nach den ausgiebigen Nachtessen mit Kunden, Geschäftspartnern und/oder Mitarbeitern kurz vor Mitternacht die dringendsten Mails beantwortet habe, sind fast im Zweiminutentakt neue hereingepurzelt. Kein Wunder bei 8 Stunden Zeitvorsprung in Asien. Was für ein Fluch, diese Mailflut. Nun, morgen ist Home-Office. Ich will in der Nähe der Familie sein, bevor es dann nach Philadelphia weitergeht.
Meine persönliche Assistentin wurde vorletzte Woche pensioniert und mit einer schönen Feier am Hauptsitz verabschiedet. Sie hat 11 Jahre für mich gearbeitet. Es sind viele Mitarbeiter, teilweise von ziemlich fern, zur Feier gekommen. Ich werde sie vermissen, denn sie war das, was wir uns unter einer persönlichen Assistentin resp. Assistenten vorstellen: Immer für den Chef da zu sein, für alle Belange. Immer Zeit zu haben. Aber die Pensionierung hat auch eine gute Seite: Sie hat nämlich öfter reklamiert, dass sie mich fast nie im Büro sieht und mich bald nicht mehr kennt. Das ist wahr, und diesen Fakt konnte sie schlecht akzeptieren. Ich sei ein virtueller Chef, nie da, zu schnell für sie, nicht fassbar. Diese Reklamation wird es in Zukunft nicht mehr geben. Das ist das Positive an ihrer Pensionierung. Mit dem Suchen der Nachfolge lasse ich mir Zeit, ich möchte diese Reklamationen eigentlich nicht so schnell wieder hören. Außerdem mache ich viele Sachen in den letzten Jahren so oder so selbst, was früher eine Assistenten-Aufgabe war. Die moderne IT macht es möglich.
Ja, es ist eine virtuelle Organisation, in der ich lebe. Viel auf Reisen zu Kunden und zu unseren Mitarbeitern, die über den Globus gestreut sind. Und wenn ich einmal in St. Gallen bin, wo sich unser Firmenhauptsitz befindet, bin ich dennoch selten im Büro anzutreffen. Ich ziehe es vor, zu Hause bei der Familie zu sein und von meinem St. Galler Home-Office aus zu arbeiten, wenn ich keine Sitzungen habe.
Globalität und Informationstechnologie. Das sind die großen Treiber der Veränderung unserer Zeit. In globalen Unternehmen ist Virtualität heute Alltag, die technischen Mittel sind da. Alles ist mit allem vernetzt. Alles kann von überall her erreicht werden. Das geht so weit, dass morgen meine Mails, wenn ich diese zwecks besserer Lesbarkeit ausdrucke, wahrscheinlich zuerst wieder in Tokio aus dem Drucker gespuckt werden, weil ich es - wie so oft - vergessen habe, den Standarddrucker in Windows auf meinem Laptop umzustellen. Zum Glück habe ich mit der Office Managerin gestern in Tokio ein paar freundliche Worte getauscht. Sie wird die ausgedruckten Dokumente wieder schreddern. So wie immer. Sie weiß, dass ich an dieser Stelle etwas vergesslich bin.
Wieso reisen die Menschen dann noch so viel, wenn alles virtuell sein kann? Ich persönlich bin so viel auf Reisen, dass meine engste Mitarbeiterin sich zu Hause beklagt, dass man sich fast nicht mehr sieht und sich fremd wird. Das scheint doch ein Widerspruch in sich zu sein.
Es gibt dazu einen trefflichen Satz, den ich anlässlich eines Besuches in Australien, dem Land der großen Distanzen, aufgeschnappt habe: "Socializing is lubrication of virtual reality." Virtuelle Organisationen müssen geschmiert werden wie ein Motor mit Öl. Sonst funktionieren sie nicht.
Am Ende bleiben wir alle eben doch noch Menschen und lassen uns nicht von der Technik dominieren oder gar versklaven. Der Mensch braucht Sozialkontakt, damit Vertrauen entstehen und vor allem aufrechterhalten werden kann. Und nur wo Vertrauen besteht, kann ein produktives Ergebnis erzielt werden. Auch in einer virtuellen Welt. Und die muss gepflegt werden. Von Angesicht zu Angesicht. Und zwar regelmäßig.
Mit dieser Erkenntnis reise ich weiter rund um die Welt, im Wissen, dass ich es wahrscheinlich doch richtig mache, wie schon viele Generationen vor uns, trotz zahlreicher virtueller Möglichkeiten der Kontaktnahme und der Kontaktpflege.
Nächste Station: Philadelphia. Via London. So sagt es mir meine Flugreisen-Website. Ist billiger so.
Und mit der Nachfolgesuche meiner Assistentin lasse ich mir viel Zeit. Ich will ja nicht, dass der resp. die Nachfolger(in) zu kurz kommt. Die Technik nimmt mir ja schon sehr viel ab. Und eine Assistentin resp. einen Assistenten als Statussymbol brauche ich nicht. Das sieht ja sowieso niemand in einer virtuellen Welt.
Prof. Dr. oec. Thomas Gutzwiller Chief Executive Officer The Information Management Group (IMG) Fürstenlandstr. 101 CH-9014 St. Gallen Thomas.Gutzwiller@img.com www.img.com