Was denken eigentlich Sie, wenn in einem voll besetzten
Bus oder Eisenbahnabteil ein Mitreisender plötzlich und
ohne erkennbaren Grund laut auflacht? "Ein Irrer!", werden
Sie denken, wie wir alle. Zum letzten Mal begegnete mir
ein solcher Irrer im Großraumabteil des Waggons mit der
Ordnungsnummer 24 im Intercityexpress 670 "Gebrüder
Albrecht" von Frankfurt am Main nach Hamburg-Altona
irgendwo auf der Strecke zwischen Kassel und Göttingen.
Der Irre, dessen auffällige Ähnlichkeit mit dem Autor
dieser Zeilen ich nicht verschweigen will, hatte sich in
eines der herumliegenden Hochglanzmagazine der Bahn
vertieft und las ausgesprochen interessiert einen Artikel
über den Bau der neuen ICE-Hochgeschwindigkeitstraße von
Köln nach Frankfurt.
Der Autor jener Lobeshymne, der nun wirklich weder mit
unserem Irren noch mit dem Schreiber dieser Zeilen außer
dem Beruf etwas gemein hat, steigerte sich darin von einem
Superlativ zum nächsten. Er zählte auf, wie viele
Millionen Tonnen Stahl und Beton dort verbaut, versenkt,
ja verschüttet wurden, wie viel Abraum man aus den viele
Kilometer langen Tunnels wegschaffen musste, wie viele
sagenhafte Kilometer auf dieser Strecke freischwebend zu
überbrücken waren - mit anderen Worten ein Rekord jagte
den nächsten. Das ist an sich kein Grund zum Irrewerden,
denn dergleichen Erfolgslyrik ist man ja aus
planwirtschaftlichen Planübererfüllungsmeldungen ebenso
gewohnt wie aus marktwirtschaftlichen
Marktübererfüllungsberichten. Bei sozialistischen
Bauvorhaben allerdings bestand der einzige Superlativ
meist in einer rekordverdächtig langen Bauzeit. In der
Marktwirtschaft geht zwar das Bauen schneller, dafür
dauert das Planen meist etwas länger. Aber sei's drum.
Unser Leser im ICE 670 "Gebrüder Albrecht" war jedenfalls
durchaus beeindruckt von all den Rekorden und Superlativen
und ließ sich von der bahneigenen Begeisterung des
Hochglanzartikels regelrecht mitreißen. Von der
zigmillionsten Tonne Stahl zum hunderttausendsten
Kubikmeter Beton und so fort. Doch plötzlich konnte unser
Irrer mit seinem Anflug von Wahnsinn nicht mehr hinterm
Berg halten und begann laut loszuprusten. Schuld an der
verlorenen Selbstbeherrschung war der Satz: "Und auch mit
Bolzen und Dübeln sparte man nicht." Boah! Da verschlägt
es selbst dem von sozialistischer Erfolgspropaganda
abgehärteten Ostler den Atem.
Unser Irrer jedenfalls blieb von den peinlichen Blicken
seiner Mitreisenden unbeeindruckt und versuchte sich
nunmehr vorzustellen, was wohl passiert wäre, wenn man an
Bolzen und Dübeln doch gespart hätte bei dieser
Jahrhundertbahnstrecke. Wenn die Bahn ihre Brücken anstatt
mit Markendübeln nun mit billigen Baumarkts-
Sonderangeboten befestigen würde. Bei der Vorstellung von
dann wohl unvermeidlichen Schlagzeilen in bestimmten,
ebenso unvermeidlichen wie nur im Straßenverkauf zu
beziehenden Presseorganen musste unser Irrer neuerlich
lauthals auflachen. "WAHNSINN: Bahn spart an Dübeln" oder
"Riesenverspätung wegen Billigbolzen".
Zu einem gänzlich zum Wahnsinn verzerrten Lachen steigerte
sich unser Erfolgslyrikopfer bei der Vorstellung, wie
Bahnchef Mehdorn persönlich mit einem Einkaufswagen voller
Bolzen und Dübel in der Schlange vor einer Baumarktkasse
ansteht. Dann blieb ihm die Luft weg: Die Bahn könnte
womöglich in ihrer Maßlosigkeit sämtliche Baumärkte
entlang der Strecke leer gekauft haben und nun stünden
Demonstrationen und Streckenblockaden von radikalen
Häuslebauern und Hobbyhandwerkern bevor, die keine Bolzen
und Dübel mehr bekommen können. Einige Mitreisende unseres
Irren schielten nun schon nach der Notbremse des Waggons
mit der Ordnungsnummer 24 im ICE 670 "Gebrüder Albrecht"
auf der Fahrt von Frankfurt am Main Hauptbahnhof nach
Hamburg-Altona.
Zum Glück ging der unzweifelhaft geistesgestörte
Bahnmagazinleser nun dazu über, nach außen kaum noch
bemerkbar in sich hinein zu kichern. Dabei stellte er sich
eine seriöse Reportage im bekannten Fernsehmagazin
"Reflektor-TV" über die Missstände an der Bahnstrecke vor:
Empörte Baumarktkunden, die über in die Höhe geschnellte
Preise für Bolzen und Dübel klagen, und Berichte von
Odysseen des aufkommenden Bolzen- und Dübel-Tourismus in
die entlegensten Gebiete der Republik. Dazwischen
eingeblendet immer wieder ein stocksteifer Bahnsprecher,
der im Tonfall eines Beerdigungsredners Nachschub-Pannen
bei der Versorgung mit Bolzen und Dübeln einräumen muss.
Gott sei Dank entspringt die ganze Zulieferungskatastrophe
allein der Fantasie eines offenbar nicht im Vollbesitz
seiner geistigen Kräfte befindlichen Reisenden. In
Wahrheit verfügt ein von und mit Qualitätsbolzen
börsenreif geschossenes Großunternehmen wie die Bahn AG
natürlich über ein hochmodernes Zulieferungsmanagement,
wie es in diesem Buche steht. Mit der Lektüre muss ich den
geneigten Leser nun allerdings alleine lassen und mich mit
der Axt in den Wald begeben. Könnte schließlich sein, dass
die Redaktion außer diesem Text noch ein paar Klafter Holz
zur Papierherstellung von mir haben möchte. Und die
Druckerschwärze womöglich auch noch dazu. Die verstehen
schließlich etwas vom Supply Chain Management.
Einwurf
von Tim Gerber
Bolzen und Dübel
Was denken eigentlich Sie, wenn in einem voll besetzten Bus oder Eisenbahnabteil ein Mitreisender plötzlich und ohne erkennbaren Grund laut auflacht? "Ein Irrer!", werden Sie denken, wie wir alle. Zum letzten Mal begegnete mir ein solcher Irrer im Großraumabteil des Waggons mit der Ordnungsnummer 24 im Intercityexpress 670 "Gebrüder Albrecht" von Frankfurt am Main nach Hamburg-Altona irgendwo auf der Strecke zwischen Kassel und Göttingen. Der Irre, dessen auffällige Ähnlichkeit mit dem Autor dieser Zeilen ich nicht verschweigen will, hatte sich in eines der herumliegenden Hochglanzmagazine der Bahn vertieft und las ausgesprochen interessiert einen Artikel über den Bau der neuen ICE-Hochgeschwindigkeitstraße von Köln nach Frankfurt.
Der Autor jener Lobeshymne, der nun wirklich weder mit unserem Irren noch mit dem Schreiber dieser Zeilen außer dem Beruf etwas gemein hat, steigerte sich darin von einem Superlativ zum nächsten. Er zählte auf, wie viele Millionen Tonnen Stahl und Beton dort verbaut, versenkt, ja verschüttet wurden, wie viel Abraum man aus den viele Kilometer langen Tunnels wegschaffen musste, wie viele sagenhafte Kilometer auf dieser Strecke freischwebend zu überbrücken waren - mit anderen Worten ein Rekord jagte den nächsten. Das ist an sich kein Grund zum Irrewerden, denn dergleichen Erfolgslyrik ist man ja aus planwirtschaftlichen Planübererfüllungsmeldungen ebenso gewohnt wie aus marktwirtschaftlichen Marktübererfüllungsberichten. Bei sozialistischen Bauvorhaben allerdings bestand der einzige Superlativ meist in einer rekordverdächtig langen Bauzeit. In der Marktwirtschaft geht zwar das Bauen schneller, dafür dauert das Planen meist etwas länger. Aber sei's drum.
Unser Leser im ICE 670 "Gebrüder Albrecht" war jedenfalls durchaus beeindruckt von all den Rekorden und Superlativen und ließ sich von der bahneigenen Begeisterung des Hochglanzartikels regelrecht mitreißen. Von der zigmillionsten Tonne Stahl zum hunderttausendsten Kubikmeter Beton und so fort. Doch plötzlich konnte unser Irrer mit seinem Anflug von Wahnsinn nicht mehr hinterm Berg halten und begann laut loszuprusten. Schuld an der verlorenen Selbstbeherrschung war der Satz: "Und auch mit Bolzen und Dübeln sparte man nicht." Boah! Da verschlägt es selbst dem von sozialistischer Erfolgspropaganda abgehärteten Ostler den Atem.
Unser Irrer jedenfalls blieb von den peinlichen Blicken seiner Mitreisenden unbeeindruckt und versuchte sich nunmehr vorzustellen, was wohl passiert wäre, wenn man an Bolzen und Dübeln doch gespart hätte bei dieser Jahrhundertbahnstrecke. Wenn die Bahn ihre Brücken anstatt mit Markendübeln nun mit billigen Baumarkts- Sonderangeboten befestigen würde. Bei der Vorstellung von dann wohl unvermeidlichen Schlagzeilen in bestimmten, ebenso unvermeidlichen wie nur im Straßenverkauf zu beziehenden Presseorganen musste unser Irrer neuerlich lauthals auflachen. "WAHNSINN: Bahn spart an Dübeln" oder "Riesenverspätung wegen Billigbolzen".
Zu einem gänzlich zum Wahnsinn verzerrten Lachen steigerte sich unser Erfolgslyrikopfer bei der Vorstellung, wie Bahnchef Mehdorn persönlich mit einem Einkaufswagen voller Bolzen und Dübel in der Schlange vor einer Baumarktkasse ansteht. Dann blieb ihm die Luft weg: Die Bahn könnte womöglich in ihrer Maßlosigkeit sämtliche Baumärkte entlang der Strecke leer gekauft haben und nun stünden Demonstrationen und Streckenblockaden von radikalen Häuslebauern und Hobbyhandwerkern bevor, die keine Bolzen und Dübel mehr bekommen können. Einige Mitreisende unseres Irren schielten nun schon nach der Notbremse des Waggons mit der Ordnungsnummer 24 im ICE 670 "Gebrüder Albrecht" auf der Fahrt von Frankfurt am Main Hauptbahnhof nach Hamburg-Altona.
Zum Glück ging der unzweifelhaft geistesgestörte Bahnmagazinleser nun dazu über, nach außen kaum noch bemerkbar in sich hinein zu kichern. Dabei stellte er sich eine seriöse Reportage im bekannten Fernsehmagazin "Reflektor-TV" über die Missstände an der Bahnstrecke vor: Empörte Baumarktkunden, die über in die Höhe geschnellte Preise für Bolzen und Dübel klagen, und Berichte von Odysseen des aufkommenden Bolzen- und Dübel-Tourismus in die entlegensten Gebiete der Republik. Dazwischen eingeblendet immer wieder ein stocksteifer Bahnsprecher, der im Tonfall eines Beerdigungsredners Nachschub-Pannen bei der Versorgung mit Bolzen und Dübeln einräumen muss.
Gott sei Dank entspringt die ganze Zulieferungskatastrophe allein der Fantasie eines offenbar nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte befindlichen Reisenden. In Wahrheit verfügt ein von und mit Qualitätsbolzen börsenreif geschossenes Großunternehmen wie die Bahn AG natürlich über ein hochmodernes Zulieferungsmanagement, wie es in diesem Buche steht. Mit der Lektüre muss ich den geneigten Leser nun allerdings alleine lassen und mich mit der Axt in den Wald begeben. Könnte schließlich sein, dass die Redaktion außer diesem Text noch ein paar Klafter Holz zur Papierherstellung von mir haben möchte. Und die Druckerschwärze womöglich auch noch dazu. Die verstehen schließlich etwas vom Supply Chain Management.
Tim Gerber Publizist Rautenstr. 18 30171 Hannover Tim.Gerber@gmx.de