HMD 245, 42. Jahrgang, Oktober 2005
Outsourcing
Herausgeber: Susanne Strahringer
Editorial
Vielerorts ist die Rede davon, dass die Ära der "Mega- Deals" im Outsourcing vorbei sei und der eine oder andere Leser mag sich folglich fragen, wieso wir uns erst jetzt mit diesem Thema in einem Schwerpunktheft beschäftigen. Nun, das Ende einer Ära ist zugleich auch immer der Anfang einer neuen, die man - hebt man die etwas kritischere Facette hervor - als die Ära des Skeptizismus bezeichnen könnte. Will man es positiv sehen, so könnte man von der Ära der Professionalisierung sprechen. Diesen Wendepunkt wollen wir mit diesem Heft begleiten.
Woher kommt dieser Skeptizimus? Die Erfahrung mit einer Vielzahl gelebter und zum Teil wieder geschiedener Outsourcing-Beziehungen hat gezeigt, dass sich die Chancen, die Outsourcing verspricht, nicht automatisch einstellen. Partnerschaften, auch die im Outsourcing, müssen gepflegt werden, und diejenigen, die sie eingehen, müssen auch ein Mindestmaß an Partnerschaftsfähigkeit mitbringen. So haben auslagernde Unternehmen gesehen, dass Outsourcing nicht immer zu der avisierten Kostenreduktion führt, und Dienstleister, dass darauf zu achten ist, dass ihre Kunden auch "auslagerungsfähig" sind. Denn hausinterne Probleme lassen sich nicht einfach dadurch lösen, dass man sie einem anderen übergibt.
Somit sind beide Seiten sicherlich fordernder geworden: Outsourcing-Kunden sind kritischer und geben den Kostendruck und die Frage nach dem Wertbeitrag der IT an ihre Dienstleister mit Nachdruck weiter. Und die Dienstleister suchen gezielt nach langfristig ausgelegten Partnerschaften, in denen sie ihre eigene Exzellenz zum Ausdruck bringen können.
In diesem Kontext haben viele Unternehmen begriffen, dass man Outsourcing als Vehikel zur Professionalisierung nutzen kann. So haben etliche auslagernde Unternehmen erlebt, dass sie im Vorgriff auf Auslagerungen ihre Inhouse-Strukturen und -Prozesse erst so gestalten müssen, dass zeitgemäße "Service Delivery" überhaupt erst möglich wird. Die Frage, ob intern oder extern, ist dann fast nachrangig.
IT-Dienstleister und Beratungen haben im Outsourcing ein attraktives Geschäftsfeld entdeckt und zunehmend weiterentwickelt. Dabei ist eine Vielzahl interessanter Preis-, Geschäfts- und Partnerschaftsmodelle entstanden, die es erlauben, verschiedenartige Aspekte der Aufgabenerfüllung wie Verantwortung und Risiko in unterschiedlichem Ausmaß zu verlagern und auch an dem damit einhergehenden Erfolg in unterschiedlicher Weise zu partizipieren.
Sowohl aus Kunden- als auch aus Lieferantenperspektive kann man daher heute sagen, dass Outsourcing den Weg geebnet hat hin zu einer bewusst gezielten Beschaffung von IT-Dienstleistungen auf globalen Märkten, wie dies Industrieunternehmen mit ihren Vorprodukten schon seit Jahrzehnten tun. Damit sollen IT-Leistungen nicht abgewertet werden, denn auch bei Industriegütern gibt es A-, B- und C-Produkte, vielmehr wird hervorgehoben, dass auch IT-Leistungen differenziert professionell zu beschaffen sind. In diesem Sinne stellt Outsourcing eine Facette des IT-Sourcings im Allgemeinen dar. Wir befinden uns heute am Übergang des Betrachtens von Outsourcing als einem Einzelphänomen, das von Unternehmen punktuell und gezielt eingesetzt wird, hin zu einem Instrument in einer ganzen Palette von Maßnahmen zur aktiven Gestaltung von Wertschöpfungsketten. Dieser neuen Herausforderung müssen wir Wirtschaftsinformatiker uns stellen. Es reicht nicht mehr aus, unsere Systemarchitekturen offen und flexibel zu gestalten, vielmehr ist es an der Zeit, auch unsere Wertschöpfungsarchitekturen in ähnlicher Weise anzugehen. Die Autoren dieses Heftes möchten Anregungen dazu geben und ihre Erfahrungen mit Ihnen, liebe Leser, teilen.






