Ich hatte mir geschworen, diesen Artikel nicht mit dem
etwas abgegriffenen Satz des "alten Weins in neuen
Schläuchen" zu beginnen. Nein, selbst wenn mich bei der
Lektüre so mancher Fachliteratur oder
populärwissenschaftlicher Literatur der Eindruck
beschleicht, dass Artikel, die früher mit dem Stichwort
"Informationsmanagement" umschrieben waren, heute unter
dem Stichwort "Wissensmanagement" erscheinen. Ich bin der
Meinung, dass die Hauptherausforderungen im Bereich
Wissensmanagement in anderen Bereichen liegen. Ich möchte
im Folgenden die für mich wichtigsten "Hauptbaustellen"
umreißen. Dabei handelt es sich - natürlich - um
hochgradig subjektive Einschätzungen, die allerdings vor
dem Hintergrund jahrelanger Forschungs- und
Beratungsarbeit entstanden sind.
Kodifizierungsstrategien bzw. die "Externalisierung"
von Wissen ist nur die halbe Miete. Auch wenn es wichtig
ist, Wissen aus den Köpfen der Mitarbeiter in
verschiedenen Formen und auf bezahlbare Weise
herauszulösen und in Datenbanken oder anderen Formen so zu
kodifizieren, dass es für andere nutzbar ist und damit
auch den Weggang von Mitarbeitern überdauert und nutzbar
bleibt, scheint mir die Konzentration auf diese Strategie
des Wissensmanagements als zu einseitig. Denn: Allzu
häufig wird mit der Aussage "wir bauen da ein System auf"
die ganze Fragestellung allzu schnell in die Verantwortung
von IT-Systemadministratoren und Datenbankentwicklern
abgeschoben. Viel zu selten wird darüber nachgedacht, wie
eigentlich die Qualität dieser Inhalte geprüft, die
tatsächliche Brauchbarkeit bewertet und die Mitarbeiter
zum Wissensaustausch motiviert werden können. Eigentlich
ist das noch kein Wissensmanagement, sondern Wissens-
System-Management. Denn unter einem tatsächlichen
"Management", das diesen Namen verdient, verstehe ich eine
Steuerung von Wissensmanagementaktivitäten, die Maßnahmen
der "In-Wert-Setzung" von Wissen unter strategischen
Gesichtspunkten plant und steuert. Was ist hierzu
erforderlich?
Wesentlich wäre hierfür, dass Maßnahmen des
Wissensmanagements in ihrer langfristigen Wirkung
tatsächlich im ersten Schritt bewertbar und damit im
zweiten Schritt auch "manageable" im Sinne von
zielorientierter Steuerung werden. Dies ist bisher vor
allem ein Wunsch, der in ähnlicher Form auch im Kontext
der Rechtfertigung von Lern- bzw. Bildungsmaßnahmen
formuliert wird. Doch auch Ansätze des "Bildungs-
Controllings", wie sie bis heute herangezogen werden,
greifen hierzu noch viel zu kurz, da sie kaum in der Lage
sind, langfristige Wirkungen aufzugreifen. Sie
quantifizieren zumeist beschreibende Indikatoren, wie z.B.
die Anzahl der Bildungstage pro Jahr und Mitarbeiter, und
nicht z.B. tatsächliche Prozesswirkungen vermittelter
Bildungsinhalte und Wissensmanagementaktivitäten. Geht man
davon aus, dass "Lernangebote" und "Wissensangebote" im
Wesentlichen zwei Enden auf einem Kontinuum von Maßnahmen
sind, die Mitarbeiter in die Lage versetzen, externes oder
unternehmensinternes Wissen in geeigneter Form, "auf
Vorrat" oder situationsgerecht, aufzunehmen, so stehen
hier beide Aktionsbereiche vor der gleichen
Herausforderung: den Beitrag dieser Maßnahmen zur
Entwicklung der wesentlichsten intangiblen Assets
tatsächlich zu kennen, zu quantifizieren, die
Wirkungsrichtung zu eruieren und damit auch steuerbar zu
machen. Dabei geht es um "das Wissen in den Köpfen" und
dessen Management genauso wie um das Management des
notwendigen Strukturkapitals, das dieses Wissen nutzbar
macht. Denn: Die besten Mitarbeiter mit dem größten
Wissenskapital bringen dem Unternehmen keinen Vorteil,
wenn die Strukturen fehlen, die dieses Wissen zugänglich
machen: geeignete Teamstrukturen etwa, aber auch die
gelebte Unternehmenskultur, die ein Teilen von Wissen, das
aktive Aufgreifen neuer Ideen begrüßt und fördert.
Während diese Bewertungsnotwendigkeit bereits von
vielen als relevant eingeschätzt wird, ist der letzte
Punkt, der mir wichtig erscheint, noch wenig formuliert.
Wenn es wahr ist, dass unsere Mitarbeiter zunehmend zu
Wissensarbeitern werden, so hat dies wesentliche
langfristige Folgen auf das notwendige eigene Engagement
der Mitarbeiter in Bezug auf Wissensmanagement- und
Bildungsbemühungen sowie das Rollenverständnis von
Mitarbeitern und Arbeitgebern. Definiert man mit P.
Drucker das Charakteristikum von Wissensarbeitern so, dass
niemand mehr von einem Job versteht als die Ausführenden
selbst, und geht man zusätzlich von der glaubhaft
vertretenen These aus, dass die eigene "employability"
immer mehr ins Zentrum individueller beruflicher Planungen
und Tätigkeiten rückt (auch weil in Zukunft
Erwerbsbiographien wesentlich "durchbrochener",
uneinheitlicher, abwechselnd in abhängiger und
selbstständiger Arbeit gestaltet sein werden), so müssen
auch entsprechende Wissensmanagement- und
Bildungsangebote, ihre Finanzierung und
Bereitstellungsformen vor diesen veränderten
"Stakeholderstrukturen" bewertet und gestaltet werden.
Mitarbeiter werden "Mitunternehmer" auch in Sachen des
eigenen Lern- und Wissensfortschritts. Diese Sichtweise
stellt auch Stichworte wie das "lebenslange Lernen" in
einen etwas anderen Kontext: Jeder Mensch, Mitarbeiter,
Selbstunternehmer wird zunehmend selbst verantwortlich für
die Planung und Durchführung "seiner" Wissensmanagement-
und Bildungsmaßnahmen, was auch neue Finanzierungsformen,
Anrechenbarkeiten und Vermittlungsformen mit einschließt.
Bisherige Angebote sind hierauf meines Erachtens nicht
ausgerichtet.
Und: Last not least mindestens genauso wesentlich ist
die Frage, wie die Wissensträger miteinander vernetzt,
voneinander in Kenntnis gesetzt, untereinander auf
einfache Art und Weise kommunikationsfähig gemacht werden
können. Denn angesichts des Trends zur zunehmenden
Spezialisierung ist es neben der Kodifizierung mindestens
ebenso wichtig, Experten untereinander kommunikationsfähig
zu machen. Auch vor diesem Hintergrund gewinnen
Technologien und Ansätze der Zusammenarbeit, der
Collaboration, eine weitere Bedeutung.
Wer weiß - vielleicht finde ich bei den Lesern dieses
Heftes Verbündete, die angeschnittenen und keineswegs
beantworteten Fragen ein Stück weit zu verfolgen.
Einwurf
von Josephine Hofmann
Quo vadis Wissensmanagement?
Ich hatte mir geschworen, diesen Artikel nicht mit dem etwas abgegriffenen Satz des "alten Weins in neuen Schläuchen" zu beginnen. Nein, selbst wenn mich bei der Lektüre so mancher Fachliteratur oder populärwissenschaftlicher Literatur der Eindruck beschleicht, dass Artikel, die früher mit dem Stichwort "Informationsmanagement" umschrieben waren, heute unter dem Stichwort "Wissensmanagement" erscheinen. Ich bin der Meinung, dass die Hauptherausforderungen im Bereich Wissensmanagement in anderen Bereichen liegen. Ich möchte im Folgenden die für mich wichtigsten "Hauptbaustellen" umreißen. Dabei handelt es sich - natürlich - um hochgradig subjektive Einschätzungen, die allerdings vor dem Hintergrund jahrelanger Forschungs- und Beratungsarbeit entstanden sind.
Wer weiß - vielleicht finde ich bei den Lesern dieses Heftes Verbündete, die angeschnittenen und keineswegs beantworteten Fragen ein Stück weit zu verfolgen.
Dr. Josephine Hofmann Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) Nobelstr. 12 70567 Stuttgart Josephine.hofmann@iao.fhg.de www.iao.fraunhofer.de