In einem früheren Leben, das noch nicht so lange her ist,
war ich als angestellte Führungskraft für die IT-Tochter
eines großen Konzerns tätig. Immer wieder begrüßte mich
einer unserer Geschäftsführer leicht süffisant grinsend
mit den Worten "Aaah ... da ist ja unsere IT-Gouvernante".
Ich hatte öfter mal mit meinen Kindern "Heidi" gesehen,
und daher wusste ich, dass Fräulein Rottenmeier, die
Gouvernante in den Heidi-Filmen, wirklich nicht die
vorteilhafteste Figur in den Geschichten ist. Wollte der
Kollege mich also "pflanzen", wie man in Österreich sagt?
Meine Neugier war geweckt. Also das WWW angeworfen und auf
Wikipedia gesurft, auch wenn diese Quelle für den Bezug
von Definitionen etwas in Verruf geraten ist. Ein Blick
dorthin verrät zumindest, dass die Zunft der Gouvernanten
nicht so clever ist wie der Berufsstand amerikanischer
Politiker. Sie haben sich dort gewiss nicht
eingeschlichen, um den Artikel über sich positiv zu
beeinflussen.
Gouvernante ist ein altmodischer Begriff für Hauslehrerin
oder Erzieherin. Dieser Beruf stellte über lange Zeit für
Frauen eine der wenigen Möglichkeiten dar, einen Beruf
auszuüben. Er wurde vor allem von Frauen aus der
gebildeten Mittelschicht ergriffen, die nicht verheiratet
waren. Die Schriftstellerin Anne Brontë sowie die spätere
Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner übten
beispielsweise beide zeitweilig den Beruf der Gouvernante
aus. <...>
Der Begriff hat heute einen negativen Beiklang.
Gouvernantenhaft wird beispielsweise ein strenger, nicht
unbedingt vorteilhaft wirkender Kleidungsstil genannt.
Auch wenn ich keine Frau bin, so gehöre auch ich
(hoffentlich) der hier angeführten gebildeten
Mittelschicht an, und ein Buch habe ich auch schon mal
geschrieben. Und wenn ich so an den Job zurückdenke, dann
war der Zeitaufwand auch nicht gut mit meiner Ehe
vereinbar. Das muss ich wirklich zugeben. Nobelpreis wäre
keine schlechte Perspektive. Aber das mit dem
Kleidungsstil? Frechheit! Wenn ich das damals gelesen
hätte. Besser, dass ich nicht gleich in Wikipedia
nachgeschlagen habe.
Aber sehen wir doch mal weiter, wie es speziell um das
Berufsbild einer IT-Gouvernante bestellt ist: die so
genannte IT-Governance. Man findet sicher auch direkt
Definitionen zu IT-Governance. Aber als Deutscher ist
einem schon der Begriff "Governance" nicht so wirklich
geläufig. Also wieder ein Lexikon konsultiert und dort
gefunden:
gov*ern*ance /vnns; NAmE vrn/ noun [U] (technical) the
activity of governing a country or controlling a company
or an organization; the way in which a country is governed
or a company or institution is controlled.
Und wenn man schließlich noch bei der Berufsvereinigung
ITGI (dem IT Governance Institute) nachschlägt, so findet
man dort als Beschreibung von IT Governance:
IT governance is the responsibility of the board of
directors and executive management. It is an integral part
of enterprise governance and consists of the leadership
and organisational structures and processes that ensure
that the organisation's IT sustains and extends the
organisation's strategies and objectives.
Da fragt man sich doch gleich, ob es so etwas wie eine IT-Gouvernante in Form eines "Abteilungsleiters für IT-Governance" überhaupt geben kann und geben darf. Wenn man
sich das Aufgabenspektrum bei ITGI noch weiter ansieht,
dann werden als Teilaufgaben Dinge genannt wie IT-Strategie, IT-Programm-Management, IT-Architektur, IT
Operations Strategy, IT-Sicherheitsmanagement, IT-Controlling, IT-Personalmanagement und Karrieremodelle.
Also die gesamte Aufgabenliste des CIO und seines CIO-Office. Und das alles soll eine IT-Gouvernante leisten?
Und auch noch ohne richtiges Mandat. Was stand doch oben
gleich? Unverheiratet? Schlecht gekleidet? Kein Wunder!
Um das Ganze noch zu steigern, wäre mir nicht bekannt,
dass sich eine Gouvernante bei den zu erziehenden Kindern
auch noch dafür entschuldigen müsste, dass sie an Stelle
der Eltern jetzt leider mal ein paar Richtlinien ausgeben
muss. In der Welt der großen Unternehmen ist das ganz
anders: Ich musste mich in fast allen Meetings für meine
Anmaßung einer fremden Rolle permanent entschuldigen und
betonen, dass ich für mich natürlich nicht in Anspruch
nehme, den Job meiner Chefs, der Geschäftsführer des IT-Dienstleisters, zu machen, sondern hier nur eine
redaktionelle Rolle habe und quasi als Herold die
Anweisungen mit der stillen Post verteile.
Aber es gibt ja auch noch Aufmunterndes in der Literatur
zu IT-Governance. Da liest man in einem Buch von Peter
Weill und Jeanne W. Ross etwas von "IT-Monarchie" als
möglichem Stil der IT-Governance. Diese Form der Monarchie
ist zwar nach der Umfrage der Autoren noch weniger
verbreitet als zum Beispiel die der konstitutionellen
Monarchie in Nordamerika, aber die pure Erwähnung macht
einer armen Gouvernante doch Hoffnung.
Also, liebe CIOs - statt Euch über Eure IT-Gouvernante zu
mokieren, könnt Ihr auch selbst Eure
Erziehungsverantwortung wahrnehmen. Es geht doch nichts
über eine solide IT-Monarchie mit einem Team von starken
Anarchen an der Spitze. Eine Gouvernante kann die
richtigen Eltern nur schwer ersetzen und schon gar nicht,
wenn sie nicht mal ein ordentliches Mandat bekommt. Das
lernt man doch schon, wenn man Heidi im Kinderkanal guckt,
oder?
Euer Reiner W. Ahnsinn
der es vorzieht, sich hier nicht googelbar zu machen. Diskretion ist schließlich die Seele des Geschäfts.
Einwurf
von Reiner W. Ahnsinn
Aaah ... da ist ja unsere IT-Gouvernante
In einem früheren Leben, das noch nicht so lange her ist, war ich als angestellte Führungskraft für die IT-Tochter eines großen Konzerns tätig. Immer wieder begrüßte mich einer unserer Geschäftsführer leicht süffisant grinsend mit den Worten "Aaah ... da ist ja unsere IT-Gouvernante". Ich hatte öfter mal mit meinen Kindern "Heidi" gesehen, und daher wusste ich, dass Fräulein Rottenmeier, die Gouvernante in den Heidi-Filmen, wirklich nicht die vorteilhafteste Figur in den Geschichten ist. Wollte der Kollege mich also "pflanzen", wie man in Österreich sagt? Meine Neugier war geweckt. Also das WWW angeworfen und auf Wikipedia gesurft, auch wenn diese Quelle für den Bezug von Definitionen etwas in Verruf geraten ist. Ein Blick dorthin verrät zumindest, dass die Zunft der Gouvernanten nicht so clever ist wie der Berufsstand amerikanischer Politiker. Sie haben sich dort gewiss nicht eingeschlichen, um den Artikel über sich positiv zu beeinflussen.
Auch wenn ich keine Frau bin, so gehöre auch ich (hoffentlich) der hier angeführten gebildeten Mittelschicht an, und ein Buch habe ich auch schon mal geschrieben. Und wenn ich so an den Job zurückdenke, dann war der Zeitaufwand auch nicht gut mit meiner Ehe vereinbar. Das muss ich wirklich zugeben. Nobelpreis wäre keine schlechte Perspektive. Aber das mit dem Kleidungsstil? Frechheit! Wenn ich das damals gelesen hätte. Besser, dass ich nicht gleich in Wikipedia nachgeschlagen habe.
Aber sehen wir doch mal weiter, wie es speziell um das Berufsbild einer IT-Gouvernante bestellt ist: die so genannte IT-Governance. Man findet sicher auch direkt Definitionen zu IT-Governance. Aber als Deutscher ist einem schon der Begriff "Governance" nicht so wirklich geläufig. Also wieder ein Lexikon konsultiert und dort gefunden:
Und wenn man schließlich noch bei der Berufsvereinigung ITGI (dem IT Governance Institute) nachschlägt, so findet man dort als Beschreibung von IT Governance:
Da fragt man sich doch gleich, ob es so etwas wie eine IT-Gouvernante in Form eines "Abteilungsleiters für IT-Governance" überhaupt geben kann und geben darf. Wenn man sich das Aufgabenspektrum bei ITGI noch weiter ansieht, dann werden als Teilaufgaben Dinge genannt wie IT-Strategie, IT-Programm-Management, IT-Architektur, IT Operations Strategy, IT-Sicherheitsmanagement, IT-Controlling, IT-Personalmanagement und Karrieremodelle. Also die gesamte Aufgabenliste des CIO und seines CIO-Office. Und das alles soll eine IT-Gouvernante leisten? Und auch noch ohne richtiges Mandat. Was stand doch oben gleich? Unverheiratet? Schlecht gekleidet? Kein Wunder!
Um das Ganze noch zu steigern, wäre mir nicht bekannt, dass sich eine Gouvernante bei den zu erziehenden Kindern auch noch dafür entschuldigen müsste, dass sie an Stelle der Eltern jetzt leider mal ein paar Richtlinien ausgeben muss. In der Welt der großen Unternehmen ist das ganz anders: Ich musste mich in fast allen Meetings für meine Anmaßung einer fremden Rolle permanent entschuldigen und betonen, dass ich für mich natürlich nicht in Anspruch nehme, den Job meiner Chefs, der Geschäftsführer des IT-Dienstleisters, zu machen, sondern hier nur eine redaktionelle Rolle habe und quasi als Herold die Anweisungen mit der stillen Post verteile.
Aber es gibt ja auch noch Aufmunterndes in der Literatur zu IT-Governance. Da liest man in einem Buch von Peter Weill und Jeanne W. Ross etwas von "IT-Monarchie" als möglichem Stil der IT-Governance. Diese Form der Monarchie ist zwar nach der Umfrage der Autoren noch weniger verbreitet als zum Beispiel die der konstitutionellen Monarchie in Nordamerika, aber die pure Erwähnung macht einer armen Gouvernante doch Hoffnung.
Also, liebe CIOs - statt Euch über Eure IT-Gouvernante zu mokieren, könnt Ihr auch selbst Eure Erziehungsverantwortung wahrnehmen. Es geht doch nichts über eine solide IT-Monarchie mit einem Team von starken Anarchen an der Spitze. Eine Gouvernante kann die richtigen Eltern nur schwer ersetzen und schon gar nicht, wenn sie nicht mal ein ordentliches Mandat bekommt. Das lernt man doch schon, wenn man Heidi im Kinderkanal guckt, oder?
Euer Reiner W. Ahnsinn
der es vorzieht, sich hier nicht googelbar zu machen. Diskretion ist schließlich die Seele des Geschäfts.