Na, haben Sie auch schon im Mash-up Ihre sozialen Bookmarks dank
Ajax mit einer Wiki-Folksonomy kombiniert, um sich per RSS-Feed die
neuesten semantischen Tags in Ihren Aggregator zu holen? Wer heute
noch seine Fotos auf der heimischen Festplatte belässt, einen
Routenplaner verwendet, Freunde im Kegelclub kennen lernt,
Lesezeichen im Web-Browser sammelt oder seine E-Mails mit
Thunderbird oder Outlook liest, ist im Zeitalter des Web 2.0 ein
Höhlenmensch: Flickr, Google Maps, del.icio.us, GMail, LinkedIn und
Friendster sind da.
Das Risikokapital fließt wieder in Strömen, und auch das
Schlagwortrepertoire kann sich sehen lassen. Es scheint zu den
Gesetzmäßgikeiten der Internet-Ökonomie zu gehören, dass sich in
regelmäßigen Intervallen Seifenblasen bilden und Schaumschläger sich
mit halbgaren Ideen die Taschen füllen. Das neue Web ist das alte
Web mit ein paar neuen Spielzeugen, nachdem sich die
Browserhersteller halbwegs auf die Implementierung einiger Standards
verständigt haben. Doch lässt sich auch mit kritischem Blick nicht
verneinen, dass einige der mit dem Label "Web 2.0" versehenen
Anwendungen durchaus einen sehr realen Nutzen haben.
Googles webbasierte E-Mail-Lösung GMail ist komfortabel, gruppiert
zusammengehörende Mails in innovativer Weise und integriert Chat und
Kalender. Dabei sind die gesammelten Informationen von überall aus
abrufbar und dank redundanter Speicherung in Googles Serverfarm
nahezu unverwüstlich. Das Online-Fotoalbum Flickr erlaubt clevere
Kategorisierung mit Schlüsselwörtern, Kontakt zu anderen Fotografen
mit gleichen Interessen, Diskussion und Annotation der hochgeladenen
Bilder. Unter maps.google.de lässt sich die ganze Welt als Karte
oder Satellitenfoto durchscrollen, inklusive detaillierter
Straßeninformationen für viele Industrienationen. LinkedIn und
openBC sind soziale Netzwerke mit Wirtschaftsbezug, deren
intelligente Nutzung Unternehmern oder Freiberuflern signifikante
Geschäftsvorteile bescheren kann. Mit del.icio.us und Technorati
bleiben Sie über neueste Entwicklungen in der brodelnden Welt der
Weblogs auf dem Laufenden.
Und womit verdienen die Anbieter dieser neuen Dienste Geld? Die
Standardantwort lautet häufig: Werbung, Werbung, Werbung. Aber nicht
irgendeine Werbung, sondern Querverweise, die aus den Profilen der
Nutzer abgeleitet werden. Googles GMail etwa lässt seine Roboter in
E-Mails nach Wörtern suchen, die auch in der Werbedatenbank
enthalten sind, und zeigt beim Lesen der Mails gleich die
passendsten Werbelinks an. Doch damit nicht genug: Die
Profilinformationen von GMail lassen sich mit denen von allen
anderen Google-Diensten verknüpfen. Alle Suchabfragen, die Sie je
gestellt haben, alle Routeninformationen, die Sie mit Google Maps
abrufen, alle Termine, die Sie im Google-Kalender verwalten: Google
kann Sie Ihrem E-Mail-Account zuordnen, solange Sie bei der
Verwendung angemeldet sind.
Das Gleiche gilt natürlich für andere neue Web-2.0-Dienste genauso.
Und auch die alten Online-Giganten Yahoo!, Microsoft, AOL und
Amazon.com legen Wert auf maximale Integration ihrer
Dienstleistungen. Mit Hilfe von Cookies, die den Login-Status
festhalten, und einer Anmeldepflicht, sobald erweiterte Funktionen
genutzt werden sollen, können neue Benutzer schnell ins
Datensammelsystem integriert werden. Neben den bekannten
Suchprofildaten enthalten die neuen sozialen Netze auch
Informationen über das Umfeld der Nutzer. So lässt sich etwa
feststellen, dass Jugendliche der Goth-Subkultur sich teilweise
durch Punks in ihrem Musikgeschmack beeinflussen lassen; folglich
können Werbeinhalte für jede Zielgruppe optimal verpackt werden.
Wer den Datenschutz im neuen Web thematisiert, wird schnell als
Kommerzverweigerer belächelt. Dass die soziale Software in
Wirklichkeit asozial ist, müsse man eben akzeptieren: Schließlich
sei die Nutzung "gratis". Tatsächlich handelt es sich natürlich um
ein Tauschgeschäft: Daten gegen Dienstleistung. Dieses
Tauschgeschäft ist für den Anwender aber alles andere als
transparent, und es ist nicht im Interesse der Anbieter, daran etwas
zu ändern. Schließlich bekommen die ihr Geld von Werbekunden oder
anderen Nutzern der gesammelten Profile.
Die möglichen langfristigen Konsequenzen der Sammelwut sind
dramatisch. So lassen sich beispielsweise aus bestimmten
Suchabfragen oder sozialen Beziehungen Risikofaktoren für
Versicherungen ableiten. Auch Banken, Arbeitgeber, Geheimdienste,
PR-Firmen und zahlreiche andere Gruppen werden sich nach den immer
genaueren Profilen die Finger lecken. Und der natürliche Impuls
eines profitorientierten Unternehmens wird es immer sein,
mitzuspielen, solange das Geld stimmt und die Transaktion nicht
durch Datenschutzgesetze verboten ist.
Aber auch gute Absichten können nach hinten losgehen. AOL
beispielsweise stellte zu Forschungszwecken im Juli "anonymisierte"
Suchergebnisse von 658.000 Benutzern ins Netz. Statt der
AOL-Benutzernamen waren die Ergebnisse mit einfachen Zahlen assoziiert.
Dummerweise lässt sich oft aus den Suchabfragen selbst, etwa nach
Namen oder Orten, ableiten, wer die Abfragen durchgeführt hat. Und
in der Tat waren die Ergebnisse ein gefundenes Fressen für
Forschungszwecke: Spammer dürften noch Monate damit beschäftigt
sein, daraus Schlüsse für die optimale Vermüllung von Suchmaschinen
zu ziehen.
Das neue Web hat auch eine weitere Schattenseite. Während
Software-Hippies noch fest daran glauben, dass freie Betriebssysteme wie
GNU/Linux gegen den Monopolisten Microsoft anstinken können, handelt
es sich bei den tollen neuen Web-Applikationen häufig um gänzlich
proprietäre Anwendungen. Der zugrunde liegende Programmcode ist nur
dem Anbieter bekannt und wird nicht nach dem Open-Source-Prinzip
verfügbar gemacht. Trotzdem wird man kaum einen Linux-Fan finden,
der auf die Verwendung von Google oder Flickr aus Prinzip
verzichtet. Wer aber von einem Open-Source-Programm wie Thunderbird
auf GMail umsteigt, wechselt von freier zu proprietärer Software,
ohne es überhaupt zu merken.
Was aber ist die Alternative? Mit dem Anbieten zentraler Services
scheinen unweigerlich die Gefahren des Missbrauchs von Daten und der
Monopolisierung von Software verbunden zu sein. Ein interessantes
Gegenbeispiel ist die freie Enzyklopädie Wikipedia. Ob man sie als
"Web 2.0" bezeichnen möchte oder nicht, mittlerweile belegt
Wikipedia laut Alexa.com Rang 15 der 500 größten Websites und
verzeichnet bis zu 15.000 Datenabrufe (Hits) pro Sekunde.
Doch der gigantische Onlinedienst gehört keinem Mega-Unternehmen,
sondern einer gemeinnützigen Organisation, der in den USA
beheimateten Wikimedia Foundation, die auch internationale Ableger
wie den deutschen Wikimedia-Verein gegründet hat. Mit Hilfe von
Spenden und ganz ohne Werbung finanziert sich die größte
Enzyklopädie der Weltgeschichte. Nutzerprofile zu sammeln ist den
Wikipedianern ebenso fremd wie der Einsatz proprietärer Software:
Das gesamte System besteht aus frei verfügbaren Open-Source-Komponenten.
Warum also nicht auch eine gemeinnützige Suchmaschine, ein
gemeinnütziger Bild-Sammeldienst oder ein gemeinnütziges soziales
Netzwerk? Über kurz oder lang werden die Nutzer, wenn sie die Wahl
zwischen einem gemeinnützigen und einem dem Profitstreben gewidmeten
Anbieter haben, sich für das Gemeinschaftsmodell entscheiden. So
könnte langfristig das Internet eine neue kooperative
Gesellschaftsform einleiten. Die Alternative, so scheint es immer
mehr, ist asozial.
Einwurf
von Erik Möller
Asoziale Software
Na, haben Sie auch schon im Mash-up Ihre sozialen Bookmarks dank Ajax mit einer Wiki-Folksonomy kombiniert, um sich per RSS-Feed die neuesten semantischen Tags in Ihren Aggregator zu holen? Wer heute noch seine Fotos auf der heimischen Festplatte belässt, einen Routenplaner verwendet, Freunde im Kegelclub kennen lernt, Lesezeichen im Web-Browser sammelt oder seine E-Mails mit Thunderbird oder Outlook liest, ist im Zeitalter des Web 2.0 ein Höhlenmensch: Flickr, Google Maps, del.icio.us, GMail, LinkedIn und Friendster sind da.
Das Risikokapital fließt wieder in Strömen, und auch das Schlagwortrepertoire kann sich sehen lassen. Es scheint zu den Gesetzmäßgikeiten der Internet-Ökonomie zu gehören, dass sich in regelmäßigen Intervallen Seifenblasen bilden und Schaumschläger sich mit halbgaren Ideen die Taschen füllen. Das neue Web ist das alte Web mit ein paar neuen Spielzeugen, nachdem sich die Browserhersteller halbwegs auf die Implementierung einiger Standards verständigt haben. Doch lässt sich auch mit kritischem Blick nicht verneinen, dass einige der mit dem Label "Web 2.0" versehenen Anwendungen durchaus einen sehr realen Nutzen haben.
Googles webbasierte E-Mail-Lösung GMail ist komfortabel, gruppiert zusammengehörende Mails in innovativer Weise und integriert Chat und Kalender. Dabei sind die gesammelten Informationen von überall aus abrufbar und dank redundanter Speicherung in Googles Serverfarm nahezu unverwüstlich. Das Online-Fotoalbum Flickr erlaubt clevere Kategorisierung mit Schlüsselwörtern, Kontakt zu anderen Fotografen mit gleichen Interessen, Diskussion und Annotation der hochgeladenen Bilder. Unter maps.google.de lässt sich die ganze Welt als Karte oder Satellitenfoto durchscrollen, inklusive detaillierter Straßeninformationen für viele Industrienationen. LinkedIn und openBC sind soziale Netzwerke mit Wirtschaftsbezug, deren intelligente Nutzung Unternehmern oder Freiberuflern signifikante Geschäftsvorteile bescheren kann. Mit del.icio.us und Technorati bleiben Sie über neueste Entwicklungen in der brodelnden Welt der Weblogs auf dem Laufenden.
Und womit verdienen die Anbieter dieser neuen Dienste Geld? Die Standardantwort lautet häufig: Werbung, Werbung, Werbung. Aber nicht irgendeine Werbung, sondern Querverweise, die aus den Profilen der Nutzer abgeleitet werden. Googles GMail etwa lässt seine Roboter in E-Mails nach Wörtern suchen, die auch in der Werbedatenbank enthalten sind, und zeigt beim Lesen der Mails gleich die passendsten Werbelinks an. Doch damit nicht genug: Die Profilinformationen von GMail lassen sich mit denen von allen anderen Google-Diensten verknüpfen. Alle Suchabfragen, die Sie je gestellt haben, alle Routeninformationen, die Sie mit Google Maps abrufen, alle Termine, die Sie im Google-Kalender verwalten: Google kann Sie Ihrem E-Mail-Account zuordnen, solange Sie bei der Verwendung angemeldet sind.
Das Gleiche gilt natürlich für andere neue Web-2.0-Dienste genauso. Und auch die alten Online-Giganten Yahoo!, Microsoft, AOL und Amazon.com legen Wert auf maximale Integration ihrer Dienstleistungen. Mit Hilfe von Cookies, die den Login-Status festhalten, und einer Anmeldepflicht, sobald erweiterte Funktionen genutzt werden sollen, können neue Benutzer schnell ins Datensammelsystem integriert werden. Neben den bekannten Suchprofildaten enthalten die neuen sozialen Netze auch Informationen über das Umfeld der Nutzer. So lässt sich etwa feststellen, dass Jugendliche der Goth-Subkultur sich teilweise durch Punks in ihrem Musikgeschmack beeinflussen lassen; folglich können Werbeinhalte für jede Zielgruppe optimal verpackt werden.
Wer den Datenschutz im neuen Web thematisiert, wird schnell als Kommerzverweigerer belächelt. Dass die soziale Software in Wirklichkeit asozial ist, müsse man eben akzeptieren: Schließlich sei die Nutzung "gratis". Tatsächlich handelt es sich natürlich um ein Tauschgeschäft: Daten gegen Dienstleistung. Dieses Tauschgeschäft ist für den Anwender aber alles andere als transparent, und es ist nicht im Interesse der Anbieter, daran etwas zu ändern. Schließlich bekommen die ihr Geld von Werbekunden oder anderen Nutzern der gesammelten Profile.
Die möglichen langfristigen Konsequenzen der Sammelwut sind dramatisch. So lassen sich beispielsweise aus bestimmten Suchabfragen oder sozialen Beziehungen Risikofaktoren für Versicherungen ableiten. Auch Banken, Arbeitgeber, Geheimdienste, PR-Firmen und zahlreiche andere Gruppen werden sich nach den immer genaueren Profilen die Finger lecken. Und der natürliche Impuls eines profitorientierten Unternehmens wird es immer sein, mitzuspielen, solange das Geld stimmt und die Transaktion nicht durch Datenschutzgesetze verboten ist.
Aber auch gute Absichten können nach hinten losgehen. AOL beispielsweise stellte zu Forschungszwecken im Juli "anonymisierte" Suchergebnisse von 658.000 Benutzern ins Netz. Statt der AOL-Benutzernamen waren die Ergebnisse mit einfachen Zahlen assoziiert. Dummerweise lässt sich oft aus den Suchabfragen selbst, etwa nach Namen oder Orten, ableiten, wer die Abfragen durchgeführt hat. Und in der Tat waren die Ergebnisse ein gefundenes Fressen für Forschungszwecke: Spammer dürften noch Monate damit beschäftigt sein, daraus Schlüsse für die optimale Vermüllung von Suchmaschinen zu ziehen.
Das neue Web hat auch eine weitere Schattenseite. Während Software-Hippies noch fest daran glauben, dass freie Betriebssysteme wie GNU/Linux gegen den Monopolisten Microsoft anstinken können, handelt es sich bei den tollen neuen Web-Applikationen häufig um gänzlich proprietäre Anwendungen. Der zugrunde liegende Programmcode ist nur dem Anbieter bekannt und wird nicht nach dem Open-Source-Prinzip verfügbar gemacht. Trotzdem wird man kaum einen Linux-Fan finden, der auf die Verwendung von Google oder Flickr aus Prinzip verzichtet. Wer aber von einem Open-Source-Programm wie Thunderbird auf GMail umsteigt, wechselt von freier zu proprietärer Software, ohne es überhaupt zu merken.
Was aber ist die Alternative? Mit dem Anbieten zentraler Services scheinen unweigerlich die Gefahren des Missbrauchs von Daten und der Monopolisierung von Software verbunden zu sein. Ein interessantes Gegenbeispiel ist die freie Enzyklopädie Wikipedia. Ob man sie als "Web 2.0" bezeichnen möchte oder nicht, mittlerweile belegt Wikipedia laut Alexa.com Rang 15 der 500 größten Websites und verzeichnet bis zu 15.000 Datenabrufe (Hits) pro Sekunde.
Doch der gigantische Onlinedienst gehört keinem Mega-Unternehmen, sondern einer gemeinnützigen Organisation, der in den USA beheimateten Wikimedia Foundation, die auch internationale Ableger wie den deutschen Wikimedia-Verein gegründet hat. Mit Hilfe von Spenden und ganz ohne Werbung finanziert sich die größte Enzyklopädie der Weltgeschichte. Nutzerprofile zu sammeln ist den Wikipedianern ebenso fremd wie der Einsatz proprietärer Software: Das gesamte System besteht aus frei verfügbaren Open-Source-Komponenten.
Warum also nicht auch eine gemeinnützige Suchmaschine, ein gemeinnütziger Bild-Sammeldienst oder ein gemeinnütziges soziales Netzwerk? Über kurz oder lang werden die Nutzer, wenn sie die Wahl zwischen einem gemeinnützigen und einem dem Profitstreben gewidmeten Anbieter haben, sich für das Gemeinschaftsmodell entscheiden. So könnte langfristig das Internet eine neue kooperative Gesellschaftsform einleiten. Die Alternative, so scheint es immer mehr, ist asozial.
Peace & Love,
Erik
Dipl.-Inform. (FH) Erik Möller Brüsseler Str. 13353 Berlin moeller@scireview.de