Serviceorientierung - Ausrichtung aller Unternehmensbereiche auf den Servicegedanken
Service ist ein Bündel von Funktionen zur Befriedigung eines
Bedarfes. Service hat damit einen unmittelbar nutzenstiftenden
Aspekt: Der Mehrwert entsteht an der Schnittstelle zum Konsumenten.
Die geschäftliche Zweckerfüllung steht deshalb am Beginn einer
Servicedefinition. Ein zweites wesentliches Merkmal des Service ist,
dass er nicht auf einen Zeitpunkt, sondern auf ein Zeitintervall
ausgerichtet ist. Nicht der Single Request, sondern die Service-Subscription ist der vorherrschende Interaktionsstil. Damit beides
erfüllt wird, sind jeweils spezifische logistische Modelle der
Serviceproduktion entwickelt worden, die unterschiedliche Bedarfe
befriedigen und denen unterschiedliche Betreibermodelle zugrunde
liegen. Ein gängiges Modell unterscheidet entlang der Dimension von
Industrialisierung und Individualisierung:
"Service Factory" umfasst das Modell einer industrialisierten
Serviceerbringung, das auf der Produktion von vordefinierten und
fixierten Bündeln von Servicefunktionen beruht, die zunächst auf
einen anonymen Markt zielen. Die Entscheidungsfreiheit des Kunden
beschränkt sich auf die Wahlfreiheit zwischen unterschiedlichen
Alternativen. Diese Servicedifferenzierung schließt Erweiterungen
und Produktlinien von Basic- zu Premium-Services natürlich mit ein.
Die bestimmende Interaktionsform für dieses Modell ist die Selektion
durch den Nachfrager oder der "Self Service". In seiner besten
Ausprägung trifft hier ein wohldefiniertes, leicht zu adaptierendes
Servicebündel auf eine gesicherte und stabile Bedarfslage des Kunden
(wo immer das auch in der Realität der Fall sein mag).
Der "Service Shop" eröffnet dem Kunden einen Zugriff auf eine
Vielzahl von Komponenten und Bauteilen. Im Sinne des "IKEA-Prinzips"
hat der Kunde die Chance, die letzten Schritte zum Fertigprodukt
entweder selbst vorzunehmen (Self Customizing) oder einen Aufbau-
und Anpassungsservice gleich mit zu ordern (Point-of-Delivery-
Customizing). Die Wahl des Weges hängt entweder von der Kompetenz
des Kunden, seinen Interessen oder den Wertrelationen eines externen
Customizing ab (Learn/make-or-buy-Entscheidungen). In der Regel
treffen hier volatile Nachfragebedingungen auf einen flexibel
agierenden Angebotsmarkt. Die Herausforderung dabei ist eine "faire"
Preisbildung für die Eigenarbeit ("Prosuming") des Kunden.
"Professional Service" ist entlang der dargestellten Dimension
der Inbegriff des individualisierten Service. Der Kunde trifft auf
einen Anbieter, der eine ausgefeilte "Service Workbench" bzw. einen
(Enterprise) Service Bus nutzt, um dem Kunden eine möglichst
angepasste Lösung aus einer Hand zu bieten. Dabei bleibt dem Kunden
die Granularität oder Isolation der einzelnen Services überwiegend
verborgen, weil der Anbieter die Lotsenaufgabe übernimmt. Positiv
formuliert erhält der Kunde ein Maximum an Bequemlichkeit und
Bedarfsdeckung (Convenience), negativ formuliert droht ihm die
fürsorgliche Entmündigung. Zwischen beiden Polen pendelt die
Befindlichkeit des Kunden.
Dimension
Servicemodell
Servicedesign
Servicestrategie
Kernkompetenz
Industrialisierung
Service Factory
Fixed Bundles
Self Adaptation Built-In-Flexibility
Service Engineering
Service Shop
Components
Self Customizing Point-of-Delivery-Customization
Community Building
Individualisierung
Professional Service
Solutions
Service Convenience
Service Workbench
Was bedeutet nun die Übertragung dieser Prinzipien auf
serviceorientierte Architekturen? Zunächst einmal, dass es notwendig
ist, zu differenzieren zwischen den unterschiedlichen
Servicemodellen, weil sie jeweils andere technische Implikationen
haben: Der Grad an Granularität, Isolation und Kohäsion differiert,
die lose gekoppelte Kommunikation der Servicemodule ist
unterschiedlich, aber auch das jeweilige Markt- und Vertriebsmodell
ist ein anderes. Nicht nur weil die technische Basis anders wäre -
auch wenn es hier Abweichungen in der Segmentierung und
Modularisierung sowie im Reifegrad der jeweiligen Komponenten gibt
-, sondern weil auch das Logistik- und Managementmodell ein anderes
ist. SOA ist deshalb primär Management und dann Technik.
Auch wenn der Professional Service noch viele Gemeinsamkeiten mit
den IT-Silos der Vergangenheit hat, bei der eine der höchsten
Tugenden "die Lufthoheit über das eigene Silo und dessen
Verteidigung gegen andere" war. Der Paradigmenwechsel ist voll im
Gange: Die neue "Konsumenten-Hegemonie" der Nachfrager verändert den
Interaktionsstil: Service-Shopping löst die für den Kunden mitunter
leidvolle Kette von Requirements Engineering, Specification,
Development, Implementation und Integration ab. Der Servicekonsument
will sich immer weniger auf aufwendige Entwicklungsvorhaben
einlassen, sondern wird sich seinen Service selbst selektieren oder
konfigurieren. Auch wenn heute unter dem Aspekt des Agile
Engineering neue Werkzeuge wie Wikis oder anderes zur Anwendung
kommen: Die Kopplung zwischen Entwickler und Anwender wird loser. In
dem Zug, in dem sich der Anwender emanzipiert, ist der Entwickler
oder besser Anbieter gefordert, sich proaktiv mit den Bedarfen und
Geschäftszwecken seines Angebots auseinanderzusetzen. Er muss
wissen, welche Segmentierungsprinzipien den Bedarf seines Kunden
strukturieren, und er muss Wege finden, die Kooperation mit dem
(potenziellen) Kunden auf eine neue Basis zu stellen. Community
Building und Blogging werden zur Kernkompetenz einer aktiven
Kundenkommunikation.
Im Zuge dieser neuen Kooperationsform zwischen Kunde und Anbieter
ändern sich gleichzeitig die Anforderungen an die betriebliche IT-
Serviceorganisation in zwei Richtungen:
Eine reine Betriebsorganisation, die nachfragegetrieben dafür
sorgt, dass Services zur Verfügung gestellt werden, oder
ein proaktives Betreibermodell, das den zentralen geschäftlichen
Kern des Serviceangebots, den Enterprise Service Bus, optimiert
vorantreibt - mit anderen Worten: Informationsmanagement im
eigentlichen Sinn betreibt.
Option 1 gerät dabei vermehrt unter Outsourcing-Druck, weil ein
reiner IT-Betrieb als "IT-Commodity" in den meisten Fällen keine
Kernkompetenz ist und wesentliche Funktionen in die
Anwenderorganisation abwandern oder als Internet-Service jenseits
der Grenzen des eigenen Unternehmens betrieben werden. Option 2
steht unter Professionalisierungsdruck: Die Kenntnis von Prozessen
und Geschäftszwecken, die intelligente Konzentration dezentralen
Wissens wird zur gleichberechtigten Kernkompetenz der IT-Organisation.
Serviceorientierte Architekturen treiben einen Paradigmenwechsel
voran. Sie verändern Design, Management und Logistik von Funktionen.
Und sie ermöglichen die Unterstützung von Bedarfen und
Geschäftszwecken, wenn man sich für das jeweils passende
Servicemodell entscheidet. Sie sind aber kein revolutionäres,
sondern ein evolutionäres Konzept. Sie ermöglichen heute ein
Umdenken in der Beschaffung, im Engineering und im Betrieb sowie
kurzfristig die schrittweise Umsetzung.
Damit wird deutlich, dass Serviceorientierung sowohl im
Dienstleistungssektor als auch in einer IT-Architektur mehr als eine
Umsetzungs- und Implementierungsherausforderung ist und auf
Anbieter- und Kundenseite das Verständnis und die Akzeptanz des
Servicegedankens erfordert. Technologien, Konzepte und
Infrastrukturen für serviceorientierte Architekturen sind heute
nicht mehr die zentrale Herausforderung - vielmehr wird sich Erfolg
oder Misserfolg serviceorientierter Architekturen daran scheiden, ob
es gelingt, in den Köpfen aller Betroffenen die Serviceorientierung
zu verankern und in konkretes Handeln zu überführen.
Einwurf
von Werner Brettreich-Teichmann
Serviceorientierung - Ausrichtung aller Unternehmensbereiche auf den Servicegedanken
Service ist ein Bündel von Funktionen zur Befriedigung eines Bedarfes. Service hat damit einen unmittelbar nutzenstiftenden Aspekt: Der Mehrwert entsteht an der Schnittstelle zum Konsumenten. Die geschäftliche Zweckerfüllung steht deshalb am Beginn einer Servicedefinition. Ein zweites wesentliches Merkmal des Service ist, dass er nicht auf einen Zeitpunkt, sondern auf ein Zeitintervall ausgerichtet ist. Nicht der Single Request, sondern die Service-Subscription ist der vorherrschende Interaktionsstil. Damit beides erfüllt wird, sind jeweils spezifische logistische Modelle der Serviceproduktion entwickelt worden, die unterschiedliche Bedarfe befriedigen und denen unterschiedliche Betreibermodelle zugrunde liegen. Ein gängiges Modell unterscheidet entlang der Dimension von Industrialisierung und Individualisierung:
Built-In-Flexibility
Point-of-Delivery-Customization
Was bedeutet nun die Übertragung dieser Prinzipien auf serviceorientierte Architekturen? Zunächst einmal, dass es notwendig ist, zu differenzieren zwischen den unterschiedlichen Servicemodellen, weil sie jeweils andere technische Implikationen haben: Der Grad an Granularität, Isolation und Kohäsion differiert, die lose gekoppelte Kommunikation der Servicemodule ist unterschiedlich, aber auch das jeweilige Markt- und Vertriebsmodell ist ein anderes. Nicht nur weil die technische Basis anders wäre - auch wenn es hier Abweichungen in der Segmentierung und Modularisierung sowie im Reifegrad der jeweiligen Komponenten gibt -, sondern weil auch das Logistik- und Managementmodell ein anderes ist. SOA ist deshalb primär Management und dann Technik.
Auch wenn der Professional Service noch viele Gemeinsamkeiten mit den IT-Silos der Vergangenheit hat, bei der eine der höchsten Tugenden "die Lufthoheit über das eigene Silo und dessen Verteidigung gegen andere" war. Der Paradigmenwechsel ist voll im Gange: Die neue "Konsumenten-Hegemonie" der Nachfrager verändert den Interaktionsstil: Service-Shopping löst die für den Kunden mitunter leidvolle Kette von Requirements Engineering, Specification, Development, Implementation und Integration ab. Der Servicekonsument will sich immer weniger auf aufwendige Entwicklungsvorhaben einlassen, sondern wird sich seinen Service selbst selektieren oder konfigurieren. Auch wenn heute unter dem Aspekt des Agile Engineering neue Werkzeuge wie Wikis oder anderes zur Anwendung kommen: Die Kopplung zwischen Entwickler und Anwender wird loser. In dem Zug, in dem sich der Anwender emanzipiert, ist der Entwickler oder besser Anbieter gefordert, sich proaktiv mit den Bedarfen und Geschäftszwecken seines Angebots auseinanderzusetzen. Er muss wissen, welche Segmentierungsprinzipien den Bedarf seines Kunden strukturieren, und er muss Wege finden, die Kooperation mit dem (potenziellen) Kunden auf eine neue Basis zu stellen. Community Building und Blogging werden zur Kernkompetenz einer aktiven Kundenkommunikation.
Im Zuge dieser neuen Kooperationsform zwischen Kunde und Anbieter ändern sich gleichzeitig die Anforderungen an die betriebliche IT- Serviceorganisation in zwei Richtungen:
Option 1 gerät dabei vermehrt unter Outsourcing-Druck, weil ein reiner IT-Betrieb als "IT-Commodity" in den meisten Fällen keine Kernkompetenz ist und wesentliche Funktionen in die Anwenderorganisation abwandern oder als Internet-Service jenseits der Grenzen des eigenen Unternehmens betrieben werden. Option 2 steht unter Professionalisierungsdruck: Die Kenntnis von Prozessen und Geschäftszwecken, die intelligente Konzentration dezentralen Wissens wird zur gleichberechtigten Kernkompetenz der IT-Organisation.
Serviceorientierte Architekturen treiben einen Paradigmenwechsel voran. Sie verändern Design, Management und Logistik von Funktionen. Und sie ermöglichen die Unterstützung von Bedarfen und Geschäftszwecken, wenn man sich für das jeweils passende Servicemodell entscheidet. Sie sind aber kein revolutionäres, sondern ein evolutionäres Konzept. Sie ermöglichen heute ein Umdenken in der Beschaffung, im Engineering und im Betrieb sowie kurzfristig die schrittweise Umsetzung.
Damit wird deutlich, dass Serviceorientierung sowohl im Dienstleistungssektor als auch in einer IT-Architektur mehr als eine Umsetzungs- und Implementierungsherausforderung ist und auf Anbieter- und Kundenseite das Verständnis und die Akzeptanz des Servicegedankens erfordert. Technologien, Konzepte und Infrastrukturen für serviceorientierte Architekturen sind heute nicht mehr die zentrale Herausforderung - vielmehr wird sich Erfolg oder Misserfolg serviceorientierter Architekturen daran scheiden, ob es gelingt, in den Köpfen aller Betroffenen die Serviceorientierung zu verankern und in konkretes Handeln zu überführen.
Dr. Werner Brettreich-Teichmann Fichtner Consulting & IT AG Sarweystr. 3 70191 Stuttgart werner.brettreich@fcit.fichtner.de