Zeit, dass sich was dreht...
Ich bin 47. Darf ich mich zu Web 2.0 überhaupt äußern? Ist das nicht
dieses neue Massenspielzeug direkt aus der Hexenküche des
Jugendkults und der Massive Multiplayer Online Games? Oder die
logische Fortsetzung von Chatrooms mit den Mitteln des Video-
Postings à la YouTube? Broadcast yourself
"Nein, nein", sagt der für Wissensmanagement
verantwortliche Kollege. "Web 2.0 revolutioniert mit neuen
Technologien wie Ajax, Feeds, Blogs und Tagging das Social
Networking im Internet - Business Social Networking übrigens."
Da werde ich hellhörig.
Genauso hellhörig werde ich, wenn es um innovative Geschäftsmodelle
und die Verschmelzung von Online- und Realwelt dank 3D-Internet
geht. Wie gerne würde ich über unsere Visionen der virtuellen Welten
und ihren realen Business-Nutzen reden. Aber momentan geht es noch
oft um die Frage, wie mein Avatar heißt und wie sehr er mir gleicht.
Alles nur oberflächlich? Alles nur Hype? Die Zeitungen sind
jedenfalls voll davon und jeder redet mit.
Jeder redet mit? Vielleicht ist das das Revolutionäre an der
Evolution des Internets. Der Nutzer steckt mitten in seiner
Metamorphose vom schlichten Konsumenten zum kreativen Gestalter. Die
Interaktion zwischen den Gestaltern ist neu, direkt und
schonungslos. Statt Rechner mit Rechnern zu verknüpfen und
weitgehend asynchrone und unidirektionale Kommunikation zu
organisieren - meist mithilfe von statischem Web-Publishing oder E-
Mail - verknüpft das Web 2.0 Meinungen, Ideen und soziale
Aktivitäten.
Das ist der Stoff, aus dem Innovation entsteht. Das Web 2.0 vernetzt
eine Welt, in der Kommunikation, Wissen und Zusammenarbeit die neue
Währung sind, in der die Zukunft finanziert wird. Nicht nur für den
Einzelnen, sondern für Unternehmen, Institutionen, die Wissenschaft
und nicht zuletzt den Staat.
Anfang des Jahres hat unser Entwicklungschef bei einer Veranstaltung
in Berlin noch nervöses Hüsteln bei anwesenden Politikern
hervorgerufen, als er vorschlug, wir könnten ja mal einen virtuellen
Parteitag im Web 2.0 organisieren. Nur ein paar Wochen später haben
wir einige sehr interessierte Gesprächspartner auf der CeBIT
getroffen. Und ebenda haben wir gemeinsam mit der Messe ein Online-
Brainstorming zur Zukunft der Messe als Business-Plattform und zu
anderen Zukunftsthemen mithilfe von Web 2.0-Technologien
organisiert.
Niemand ist eine Insel - übrigens auch nicht in Second Life®. Wir
sind längst Teil einer durchgreifenden globalen Veränderung. Tom
Friedman beschreibt die Veränderung sehr anschaulich in "The
World Is Flat". Wir müssen unser soziales Leben, unsere
Meinungsbildung und nicht zuletzt unsere Wirtschaft auf eine
innovative Basis stellen. Und wir müssen uns entscheiden, ob wir
gestalten oder gestaltet werden wollen. Mir persönlich macht
Letzteres nicht so viel Spaß. Gestalten dagegen sehr.
Ich bin 47. Generation Web 2.0. Generation Grönemeyer - Zeit, dass
sich was dreht ...
Martin Jetter
Vorsitzender der Geschäftsführung
IBM Deutschland GmbH
Pascalstr. 100
70569 Stuttgart
www.ibm.com
HMD, Heft 255, Juni 2007
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