IT-Integration und -Migration sind "Dauerbrenner". Für
eine IT-Veteranin, die die Szene seit bald 50 Jahren
verfolgt, ist deshalb mit an Gewissheit grenzender
Wahrscheinlichkeit klar, dass ihre Probleme auch die
Spezialisten der nächsten Jahrzehnte beschäftigen werden.
Visionen der Art, wie sie von C. B. Wang1 dem US-Autor W.
G. Bennis zugeschrieben wurden:
Die Fabrik der Zukunft wird nur zwei Angestellte haben:
einen Mann und einen Hund. Der Mann ist dafür da, den Hund
zu füttern. Der Hund ist dafür da, den Mann daran zu
hindern, den Computer zu berühren.
können wir also von vornherein als unrealistisch aufgeben.
Das gilt ebenso wie für die viel zu optimistische
visionäre Aussage von Dijkstra (1972):
The vision is that well before the seventies have run to
completion, we shall be able to design and implement the
kinds of systems that now are straining our programming
ability at the expense of only a few percent in man-years
of what they cost us now, and that besides that, these
systems will be virtually free of bugs.
Es hat seither in Dijkstras Richtung Fortschritte gegeben
- aber wir alle wissen, dass Programme nie fehlerfrei und
dass die Entwicklungskosten absolut gesehen nicht gesunken
sind; relativ mag Letzteres gelten, aber Programme von
Anfang der 70er-Jahre lassen sich kaum mit heutigen
vergleichen.
Auf unser Schwerpunktthema bezogen tut also der Autor des
einleitenden Grundlagenbeitrags gut daran zu formulieren:
Als Vision zeichnet sich eine unternehmensübergreifend
barrierefreie IT-Landschaft ab, die es zulässt, heterogene
Systeme ... flexibel und zu vernünftigen Kosten
aufzubauen.
Den heutigen Gegebenheiten folgend sieht er Migration in
enger Verbindung zu Integrationslösungen. Das war in der
Vergangenheit nicht immer so: Anfangs war Migration
ausschließlich, später zu einem großen Teil durch
technische Unverträglichkeiten bedingt. Das waren nicht
nur Generationswechsel der Hardware, sondern das Problem
bestand in grauer (IT-)Vorzeit auch beim Übergang von den
Computern der sogenannten 1. bzw. 2. Generation auf die
der 3. Generation: Assemblersprachen waren proprietär, und
höhere Programmiersprachen wurden noch zu Zeiten der 2.
Generation angesichts der minimalen Hauptspeichergrößen in
der kommerziellen IT so gut wie gar nicht verwendet.
Dazu passt, dass frühe Wirtschaftsinformatik-Literatur bis
in die 80er-Jahre hinein den Begriff Migration noch gar
nicht kannte, während Integration von Anfang an
beschrieben und gefordert wurde. Die mit der Integration
in Verbindung stehenden Inhalte sind im Laufe der Zeit
erweitert worden.
Peter Mertens hat in seiner Habilschrift (1966)
geschrieben, der Begriff der "Integrierten
Datenverarbeitung" sei "recht kritiklos aus den USA
übernommen worden" und zähle zu den umstrittensten
Begriffen in Datenverarbeitung und
Betriebswirtschaftslehre. Er zitierte eine Reihe damaliger
Definitionen: Integration beinhalte beispielsweise "eine
neue Organisationslehre" oder "sei die theoretische
Behandlung der Unternehmung als ein Regelsystem". In der
Folge arbeitete Mertens die historisch älteste Umsetzung
von Integration heraus: Daten werden möglichst früh nach
ihrer Entstehung in maschinell lesbarer Form festgehalten
und für die Abwicklung aller sie benötigenden Aufgaben
bzw. Programme im Computer gespeichert. Analog liest es
sich bei Heilmann/Reblin 1968: "Integrierte
Datenverarbeitung ist ohne integrierte Datenspeicherung
nicht denkbar", Anwendungsgebiete müssen als "Teile eines
zusammenhängenden Ganzen" gesehen werden und "Es gibt
wenige Unternehmen, die den Wert einer solchen
(Gesamt-)Konzeption überhaupt erkennen"2.
Integrierte Datenverarbeitung war angesichts der
umfangmäßig sehr begrenzten externen Speicher keine
einfache Aufgabe. Darüber hinaus sahen insbesondere die
Fachbereiche im Rahmen der damaligen Inselanwendungen
meist gar nicht ein, warum sie ihre Daten (bspw.
Kundendaten zwischen Vertrieb und Buchhaltung) überhaupt
miteinander abstimmen sollten. Nebenbei erwähnt: In der
Computerwoche 17 dieses Jahres wurde ein Beitrag mit dem
Titel "Daten nur einmal speichern" veröffentlicht,
allerdings geht es darin vorrangig um ein anderes
Uraltproblem, nämlich Dubletten zu eliminieren; nicht
überall ist das Problem der einheitlichen und korrekten
Datenspeicherung heutzutage gelöst.
Noch das beim Verlag Moderne Industrie 1978 erschienene
"Lexikon der Datenverarbeitung" beschränkte sich auf
Integration in der Bedeutung der integrierten
Datenverarbeitung. Spätere Veröffentlichungen ab den 80er-
Jahren unterscheiden dann zunehmend zwischen den auch
heute noch gebräuchlichen Migrationsbegriffen aus
technischer und organisatorischer Sicht: der
Datenintegration, der Prozess- und Funktionsintegration
(sowohl horizontal als auch vertikal) und der Integration
der Benutzungsschnittstelle.
Dass Fortschritte in Richtung problemloser(er) Integration
und Migration nur sehr langsam gelingen, liegt zunächst
einmal an der weiterhin ungebremsten Dynamik des
IT-Einsatzes, die Konsolidierungsansätze immer von Neuem
zurückzustellen zwingt. Eine noch größere Rolle spielen
aber aus meiner Sicht die viel tiefer liegenden und
schwerer in den Griff zu bekommenden semantischen
Probleme: Organisationsmodelle, Prozesse und Terminologien
unterscheiden sich schon innerhalb größerer Unternehmen
und erst recht zwischen dauerhaft oder vorübergehend
zusammenarbeitenden Unternehmen.
Integrations- und Migrationsprobleme können wir versuchen
zu reduzieren, sie ganz zu beseitigen wird in absehbarer
Zeit nicht gelingen. Entmutigen sollten wir uns davon aber
nicht lassen, sondern weiterhin engagiert an verbesserten
Lösungen arbeiten. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei
1
Dem Charakter des Einwurfs entsprechend verzichte ich auf
formale Zitate; auf Anfrage kann ich sie Interessierten
nachliefern.
2
Der damaligen Bedeutung der Integration ist auch die
Tatsache geschuldet, dass wir unsere 1964 gegründete
Beratungsgesellschaft "Integrata" genannt haben. Jüngeren
IT-Spezialisten dürfte der Name nichts mehr sagen: Das
Unternehmen ging Ende der 90er-Jahre in der (inzwischen
schon wieder weiterverkauften) Unilog auf.
Prof. Dr. Heidi HeilmannUniversität StuttgartAuf der Stelle 11/171067 SindelfingenHeidi.Heilmann@t-online.de
Einwurf
von Heidi Heilmann
Dauerbrenner Integration und Migration
IT-Integration und -Migration sind "Dauerbrenner". Für eine IT-Veteranin, die die Szene seit bald 50 Jahren verfolgt, ist deshalb mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit klar, dass ihre Probleme auch die Spezialisten der nächsten Jahrzehnte beschäftigen werden.
Visionen der Art, wie sie von C. B. Wang1 dem US-Autor W. G. Bennis zugeschrieben wurden:
können wir also von vornherein als unrealistisch aufgeben. Das gilt ebenso wie für die viel zu optimistische visionäre Aussage von Dijkstra (1972):
Es hat seither in Dijkstras Richtung Fortschritte gegeben - aber wir alle wissen, dass Programme nie fehlerfrei und dass die Entwicklungskosten absolut gesehen nicht gesunken sind; relativ mag Letzteres gelten, aber Programme von Anfang der 70er-Jahre lassen sich kaum mit heutigen vergleichen.
Auf unser Schwerpunktthema bezogen tut also der Autor des einleitenden Grundlagenbeitrags gut daran zu formulieren:
Den heutigen Gegebenheiten folgend sieht er Migration in enger Verbindung zu Integrationslösungen. Das war in der Vergangenheit nicht immer so: Anfangs war Migration ausschließlich, später zu einem großen Teil durch technische Unverträglichkeiten bedingt. Das waren nicht nur Generationswechsel der Hardware, sondern das Problem bestand in grauer (IT-)Vorzeit auch beim Übergang von den Computern der sogenannten 1. bzw. 2. Generation auf die der 3. Generation: Assemblersprachen waren proprietär, und höhere Programmiersprachen wurden noch zu Zeiten der 2. Generation angesichts der minimalen Hauptspeichergrößen in der kommerziellen IT so gut wie gar nicht verwendet.
Dazu passt, dass frühe Wirtschaftsinformatik-Literatur bis in die 80er-Jahre hinein den Begriff Migration noch gar nicht kannte, während Integration von Anfang an beschrieben und gefordert wurde. Die mit der Integration in Verbindung stehenden Inhalte sind im Laufe der Zeit erweitert worden.
Peter Mertens hat in seiner Habilschrift (1966) geschrieben, der Begriff der "Integrierten Datenverarbeitung" sei "recht kritiklos aus den USA übernommen worden" und zähle zu den umstrittensten Begriffen in Datenverarbeitung und Betriebswirtschaftslehre. Er zitierte eine Reihe damaliger Definitionen: Integration beinhalte beispielsweise "eine neue Organisationslehre" oder "sei die theoretische Behandlung der Unternehmung als ein Regelsystem". In der Folge arbeitete Mertens die historisch älteste Umsetzung von Integration heraus: Daten werden möglichst früh nach ihrer Entstehung in maschinell lesbarer Form festgehalten und für die Abwicklung aller sie benötigenden Aufgaben bzw. Programme im Computer gespeichert. Analog liest es sich bei Heilmann/Reblin 1968: "Integrierte Datenverarbeitung ist ohne integrierte Datenspeicherung nicht denkbar", Anwendungsgebiete müssen als "Teile eines zusammenhängenden Ganzen" gesehen werden und "Es gibt wenige Unternehmen, die den Wert einer solchen (Gesamt-)Konzeption überhaupt erkennen"2.
Integrierte Datenverarbeitung war angesichts der umfangmäßig sehr begrenzten externen Speicher keine einfache Aufgabe. Darüber hinaus sahen insbesondere die Fachbereiche im Rahmen der damaligen Inselanwendungen meist gar nicht ein, warum sie ihre Daten (bspw. Kundendaten zwischen Vertrieb und Buchhaltung) überhaupt miteinander abstimmen sollten. Nebenbei erwähnt: In der Computerwoche 17 dieses Jahres wurde ein Beitrag mit dem Titel "Daten nur einmal speichern" veröffentlicht, allerdings geht es darin vorrangig um ein anderes Uraltproblem, nämlich Dubletten zu eliminieren; nicht überall ist das Problem der einheitlichen und korrekten Datenspeicherung heutzutage gelöst.
Noch das beim Verlag Moderne Industrie 1978 erschienene "Lexikon der Datenverarbeitung" beschränkte sich auf Integration in der Bedeutung der integrierten Datenverarbeitung. Spätere Veröffentlichungen ab den 80er- Jahren unterscheiden dann zunehmend zwischen den auch heute noch gebräuchlichen Migrationsbegriffen aus technischer und organisatorischer Sicht: der Datenintegration, der Prozess- und Funktionsintegration (sowohl horizontal als auch vertikal) und der Integration der Benutzungsschnittstelle.
Dass Fortschritte in Richtung problemloser(er) Integration und Migration nur sehr langsam gelingen, liegt zunächst einmal an der weiterhin ungebremsten Dynamik des IT-Einsatzes, die Konsolidierungsansätze immer von Neuem zurückzustellen zwingt. Eine noch größere Rolle spielen aber aus meiner Sicht die viel tiefer liegenden und schwerer in den Griff zu bekommenden semantischen Probleme: Organisationsmodelle, Prozesse und Terminologien unterscheiden sich schon innerhalb größerer Unternehmen und erst recht zwischen dauerhaft oder vorübergehend zusammenarbeitenden Unternehmen.
Integrations- und Migrationsprobleme können wir versuchen zu reduzieren, sie ganz zu beseitigen wird in absehbarer Zeit nicht gelingen. Entmutigen sollten wir uns davon aber nicht lassen, sondern weiterhin engagiert an verbesserten Lösungen arbeiten. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei
Prof. Dr. Heidi Heilmann Universität Stuttgart Auf der Stelle 11/1 71067 Sindelfingen Heidi.Heilmann@t-online.de