Wenn man nicht vom Weg abkommt, bleibt man auf der Strecke
Die Reise wurde bequem vom Sofa aus gebucht, natürlich dynamisch
produktgebündelt; der Check-in erfolgt am
Selbstbedienungsschalter, warteschlangenfrei, wie auch das
Gepäck selbst abgefertigt wird, radio-controlled. Das Hotel wird
bezogen, zuvor virtuell durchschritten, mit Berücksichtigung der
eigenen Vorlieben, datamined, zu einem Spitzenpreis,
wertgeschöpft. Das individuell gefilterte Programm vor Ort wird
auf das Smartphone geladen, ubiquitous computed, und man
erreicht alle nach personalisierten Kriterien gefilterten Ziele,
GPS-geleitet. Ist die Kultur noch so fremd, erhält man die
angesagtesten Hotspots und Geheimtipps, georeferenziert. Mit dem
typisch iPhone-fixierten Blick schlendert man durch die Gegend
und bestaunt die großartige Architektur, die Online-Service-Architektur.
Oder mit der semantisch-entlarvenden Sprache der
Metasearch-Engines: Gut gecheckt macht felix (checkfelix.com)
und damit besitzt man auch einen hohen Travel-IQ (travel-iq.com).
Unbestritten leisten die neuen Informations- und
Kommunikationstechnologien Sensationelles, ihr Nutzen liegt auf
der Hand. Erst vor 50 Jahren kamen die ersten
Flugbuchungssysteme auf, der heutige Tourist 2.0 startet seine
Reise im Internet, plant und bucht online. Eine ganze Branche
lebt in der Hoffnung, jedes Problem ließe sich durch den Einsatz
von IKT lösen. Aber verschreiben wir uns nicht allzu
unreflektiert dem technodeterministischen Ideal einer
Gesellschaft, in der alles durch die Technik erfahrbar wird und
nur durch sie der Faktor Mensch zur Entfaltung kommt? Ist ein
emotionales Produkt wie die Urlaubsreise, die der Höhepunkt des
Jahres sein soll, überhaupt IKT-verträglich? Lässt die
allgegenwärtige Technik noch ausreichend Spielraum für das
Unverhoffte, das Abenteuer, für die Abwechslung vom
standardisierten Rhythmus, für den Zauber des Fremden und
anderen, dessentwegen so viele den physischen Ortswechsel
vornehmen?
Diesem Einwurf liegt keine technophobe Einstellung zugrunde. Er
ruft lediglich den Leserinnen und Lesern in Erinnerung, dass
nicht alles, schon gar nicht das Erlebnishafte, das einer Reise
anhaftet, technisiert werden kann. Denn aus der Metaebene
betrachtet und die Grundannahmen beleuchtend, herrscht in der
einschlägigen Fachliteratur ein auf der Rational Choice Theory
basierendes Paradigma vor: der Homo Touristicus als rationales,
seinen subjektiven Nutzen maximierendes Wesen. Eine solche
Reduktion ist widersinnig, denn das Leben und die Pfade der
Erleuchtung sind verschlungener. Zu fragen wäre vielmehr: Welche
Schritte in der touristischen Wertschöpfungskette sind e-würdig
und schneller, billiger, bequemer, zuverlässiger oder weniger
fehleranfällig anzubieten, ermöglichen also einen Mehrwert für
die Anbieter und die Konsumenten einer Reise.
Ein solcher Einwand trifft auf Geschäftsreisen in Großstädte
bestimmt weniger zu als auf Studien- und Kulturreisen oder auf
Unternehmungen, die ein gewisses Wagnis eingehen. Er trifft auf
manche Tourismusformen vielleicht gar nicht zu und so verweisen
die Argumente auf eine noch zu führende Diskussion. Vom
Tourismus ins Visier genommene Attraktionen wie das immaterielle
Kulturerbe verschließen sich der technischen Reproduzierbarkeit
teilweise total, weil die Aura, die spezifische Atmosphäre, der
Geist einer Landschaft und seine Spiritualität nur von einem
ausgebildeten bzw. empathischen Sensorium einzufangen sind.
Die Bedürfnisse der Touristen könnten heterogener nicht sein,
aber einen Wunsch haben sie alle - den der sicheren Heimkehr,
erst dadurch wird die Reise zu einer erfolgreichen. Das hat sich
seit der mittelalterlichen Queste nicht geändert und so spielt
das Sicherheitsdenken im heutigen Tourismus nach wie vor eine
große Rolle. Jene Tools, die helfen können, Unsicherheit zu
vermeiden, setzen sich am schnellsten durch. Planung und
schnelle Zielführung transportieren von A nach B, aber sie
reduzieren das Dazwischen auf eine durchreiste Welt, des Blickes
unwürdig. Wo bleibt noch Platz für Unerwartetes, für neue
Oktaven der Erkenntnis der Welt oder sich selbst? Schließt sich
der Ring der Vergesellschaftung auch der weniger normierten
Lebenszeit damit nicht allzu hermetisch? Es scheint, dass Raum,
Zeit und Erfahrung, wenn auch bereits in einer gewissen
Komplexität, reguliert werden. Der Reise wohnt aber auch eine
inhärente Seele inne. Der Mensch auf der Suche nach dem
Unerwarteten, dem Fremden, und damit auch nach sich selbst, wird
in seinem Erlebenspotenzial durch Echtzeitmedien torpediert.
Mögen die Möglichkeiten der Technik durch komplexe Designs und
dynamische Arrangements noch so viel Flexibilität bieten, so ist
es doch wieder die Technik, die arrangiert, wählt oder
aufbereitet und schlussendlich einem das altbekannte Zeit- und
Raumkorsett überstülpt.
Birgt nicht die Urlaubsreise noch etwas von dem Zauber der
zufälligen Begegnung, der ephemeren wie dichten
Auseinandersetzung mit einer Anderswelt, der man sich in seiner
Alltäglichkeit versagt? Auch früher bediente man sich bestimmter
Techniken und die gefaltete Landkarte oder der gedruckte
Reiseführer waren einmal so weit verbreitet wie heute GPS oder
digitale Rezeptionshilfen bei Zeit- und Kulturreisen durch
"Erlebnis"-Museen. Landkarte und Literatur verlangten aber auch
nach ihrer Beherrschung, machten den Leser zum Herrn der Dinge.
Die Interpretation der Landkarte erforderte ein Know-how und die
Reisevorbereitung durch Lektüre nahm daher viel mehr Zeit in
Anspruch. Aber sie ermöglichte auch das Eintauchen in die fremde
Kultur, förderte Kulturerfahrung, den Prozess der
Auseinandersetzung mit einem unvertrauten Bedeutungssystem, und
es öffnete den Horizont.
Wie fulminant diese e-Entwicklung auch erfolgt, es stellt sich
immer wieder die Frage: Wie behutsam können digitale Techniken
in diesen Prozess Eingang finden, ohne totale Abhängigkeit zu
erzeugen? Schon die Fotografie determinierte den Blick auf das
andere - die Welt wurde quasi durch den Sucher erlebt und auf
einen Bildausschnitt komprimiert. Wie soll sich der zusehends
ferngesteuerte Tourist gegenüber seinem technischen Leitsystem
behaupten? Das geradezu programmierte "cultural Surfacing"
bleibt am offensichtlich Spektakulären bzw. am Wiki-Format
hängen, eröffnet nicht eine Diskussion über Sinnliches, das
Bewegende, das hinter der Oberfläche lauert, sondern nivelliert
das kulturelle Programm wie bei einer Pauschalreise.
Nicht alles technisch Machbare macht auch Sinn. Dies im Auge zu
behalten, wird den Erfolg neuer Techniken ausmachen. Im Zen-Buddhismus
würde man sagen: Verlaufen kannst du dich nur, wenn
du versuchst, wohin zu kommen. Und dort, wo es keine Wege gibt,
benötigt man auch keinen Führer.
Dr. Thomas Herdinao. Univ.-Prof. Dr. Kurt LugerUniversität SalzburgFachbereich KommunikationswissenschaftInstitut für Interdisziplinäre TourismusforschungRudolfskai 42A-5020 Salzburg{thomas.herdin, kurt.luger}@sbg.ac.atwww.sbg.ac.at/init
Einwurf
von Thomas Herdin, Kurt Luger
Wenn man nicht vom Weg abkommt, bleibt man auf der Strecke
Die Reise wurde bequem vom Sofa aus gebucht, natürlich dynamisch produktgebündelt; der Check-in erfolgt am Selbstbedienungsschalter, warteschlangenfrei, wie auch das Gepäck selbst abgefertigt wird, radio-controlled. Das Hotel wird bezogen, zuvor virtuell durchschritten, mit Berücksichtigung der eigenen Vorlieben, datamined, zu einem Spitzenpreis, wertgeschöpft. Das individuell gefilterte Programm vor Ort wird auf das Smartphone geladen, ubiquitous computed, und man erreicht alle nach personalisierten Kriterien gefilterten Ziele, GPS-geleitet. Ist die Kultur noch so fremd, erhält man die angesagtesten Hotspots und Geheimtipps, georeferenziert. Mit dem typisch iPhone-fixierten Blick schlendert man durch die Gegend und bestaunt die großartige Architektur, die Online-Service-Architektur. Oder mit der semantisch-entlarvenden Sprache der Metasearch-Engines: Gut gecheckt macht felix (checkfelix.com) und damit besitzt man auch einen hohen Travel-IQ (travel-iq.com).
Unbestritten leisten die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien Sensationelles, ihr Nutzen liegt auf der Hand. Erst vor 50 Jahren kamen die ersten Flugbuchungssysteme auf, der heutige Tourist 2.0 startet seine Reise im Internet, plant und bucht online. Eine ganze Branche lebt in der Hoffnung, jedes Problem ließe sich durch den Einsatz von IKT lösen. Aber verschreiben wir uns nicht allzu unreflektiert dem technodeterministischen Ideal einer Gesellschaft, in der alles durch die Technik erfahrbar wird und nur durch sie der Faktor Mensch zur Entfaltung kommt? Ist ein emotionales Produkt wie die Urlaubsreise, die der Höhepunkt des Jahres sein soll, überhaupt IKT-verträglich? Lässt die allgegenwärtige Technik noch ausreichend Spielraum für das Unverhoffte, das Abenteuer, für die Abwechslung vom standardisierten Rhythmus, für den Zauber des Fremden und anderen, dessentwegen so viele den physischen Ortswechsel vornehmen?
Diesem Einwurf liegt keine technophobe Einstellung zugrunde. Er ruft lediglich den Leserinnen und Lesern in Erinnerung, dass nicht alles, schon gar nicht das Erlebnishafte, das einer Reise anhaftet, technisiert werden kann. Denn aus der Metaebene betrachtet und die Grundannahmen beleuchtend, herrscht in der einschlägigen Fachliteratur ein auf der Rational Choice Theory basierendes Paradigma vor: der Homo Touristicus als rationales, seinen subjektiven Nutzen maximierendes Wesen. Eine solche Reduktion ist widersinnig, denn das Leben und die Pfade der Erleuchtung sind verschlungener. Zu fragen wäre vielmehr: Welche Schritte in der touristischen Wertschöpfungskette sind e-würdig und schneller, billiger, bequemer, zuverlässiger oder weniger fehleranfällig anzubieten, ermöglichen also einen Mehrwert für die Anbieter und die Konsumenten einer Reise.
Ein solcher Einwand trifft auf Geschäftsreisen in Großstädte bestimmt weniger zu als auf Studien- und Kulturreisen oder auf Unternehmungen, die ein gewisses Wagnis eingehen. Er trifft auf manche Tourismusformen vielleicht gar nicht zu und so verweisen die Argumente auf eine noch zu führende Diskussion. Vom Tourismus ins Visier genommene Attraktionen wie das immaterielle Kulturerbe verschließen sich der technischen Reproduzierbarkeit teilweise total, weil die Aura, die spezifische Atmosphäre, der Geist einer Landschaft und seine Spiritualität nur von einem ausgebildeten bzw. empathischen Sensorium einzufangen sind.
Die Bedürfnisse der Touristen könnten heterogener nicht sein, aber einen Wunsch haben sie alle - den der sicheren Heimkehr, erst dadurch wird die Reise zu einer erfolgreichen. Das hat sich seit der mittelalterlichen Queste nicht geändert und so spielt das Sicherheitsdenken im heutigen Tourismus nach wie vor eine große Rolle. Jene Tools, die helfen können, Unsicherheit zu vermeiden, setzen sich am schnellsten durch. Planung und schnelle Zielführung transportieren von A nach B, aber sie reduzieren das Dazwischen auf eine durchreiste Welt, des Blickes unwürdig. Wo bleibt noch Platz für Unerwartetes, für neue Oktaven der Erkenntnis der Welt oder sich selbst? Schließt sich der Ring der Vergesellschaftung auch der weniger normierten Lebenszeit damit nicht allzu hermetisch? Es scheint, dass Raum, Zeit und Erfahrung, wenn auch bereits in einer gewissen Komplexität, reguliert werden. Der Reise wohnt aber auch eine inhärente Seele inne. Der Mensch auf der Suche nach dem Unerwarteten, dem Fremden, und damit auch nach sich selbst, wird in seinem Erlebenspotenzial durch Echtzeitmedien torpediert. Mögen die Möglichkeiten der Technik durch komplexe Designs und dynamische Arrangements noch so viel Flexibilität bieten, so ist es doch wieder die Technik, die arrangiert, wählt oder aufbereitet und schlussendlich einem das altbekannte Zeit- und Raumkorsett überstülpt.
Birgt nicht die Urlaubsreise noch etwas von dem Zauber der zufälligen Begegnung, der ephemeren wie dichten Auseinandersetzung mit einer Anderswelt, der man sich in seiner Alltäglichkeit versagt? Auch früher bediente man sich bestimmter Techniken und die gefaltete Landkarte oder der gedruckte Reiseführer waren einmal so weit verbreitet wie heute GPS oder digitale Rezeptionshilfen bei Zeit- und Kulturreisen durch "Erlebnis"-Museen. Landkarte und Literatur verlangten aber auch nach ihrer Beherrschung, machten den Leser zum Herrn der Dinge. Die Interpretation der Landkarte erforderte ein Know-how und die Reisevorbereitung durch Lektüre nahm daher viel mehr Zeit in Anspruch. Aber sie ermöglichte auch das Eintauchen in die fremde Kultur, förderte Kulturerfahrung, den Prozess der Auseinandersetzung mit einem unvertrauten Bedeutungssystem, und es öffnete den Horizont.
Wie fulminant diese e-Entwicklung auch erfolgt, es stellt sich immer wieder die Frage: Wie behutsam können digitale Techniken in diesen Prozess Eingang finden, ohne totale Abhängigkeit zu erzeugen? Schon die Fotografie determinierte den Blick auf das andere - die Welt wurde quasi durch den Sucher erlebt und auf einen Bildausschnitt komprimiert. Wie soll sich der zusehends ferngesteuerte Tourist gegenüber seinem technischen Leitsystem behaupten? Das geradezu programmierte "cultural Surfacing" bleibt am offensichtlich Spektakulären bzw. am Wiki-Format hängen, eröffnet nicht eine Diskussion über Sinnliches, das Bewegende, das hinter der Oberfläche lauert, sondern nivelliert das kulturelle Programm wie bei einer Pauschalreise.
Nicht alles technisch Machbare macht auch Sinn. Dies im Auge zu behalten, wird den Erfolg neuer Techniken ausmachen. Im Zen-Buddhismus würde man sagen: Verlaufen kannst du dich nur, wenn du versuchst, wohin zu kommen. Und dort, wo es keine Wege gibt, benötigt man auch keinen Führer.
Dr. Thomas Herdin ao. Univ.-Prof. Dr. Kurt Luger Universität Salzburg Fachbereich Kommunikationswissenschaft Institut für Interdisziplinäre Tourismusforschung Rudolfskai 42 A-5020 Salzburg {thomas.herdin, kurt.luger}@sbg.ac.at www.sbg.ac.at/init