"Wenn Archäologen uns eines Tages ausgraben, werden sie eine
Tafel anbringen, auf der zu lesen sein wird, dass hier am Anfang
des dritten Milleniums ein Computerfachhandel ansässig war." Mit
diesen Worten charakterisierte ein Geschäftsführer das
Erscheinungsbild seines metallverarbeitenden Betriebs während
eines Rundgangs bei einer Betriebsbesichtigung.
Und tatsächlich, kein Bereich des Unternehmens entgeht der
IT-Dominanz. Kaum eine Stelle, an der nicht Sensoren registrieren,
Aktoren steuernd eingreifen und große Displays über die aktuelle
Produktivität informieren. Kein Wunder, verbleiben dem Betrieb
doch nicht mehr als wenige Stunden von der Bestellung bis zur
Anlieferung. Alles "Just in Sequence". Dem erstaunten
Betrachter drängt sich - und das nicht nur in sogenannten Zeiten
der Krise - die Frage auf: Kennzeichnet die IT-Dichte einen
erfolgreichen Industriebetrieb? Oder vielleicht noch etwas
präziser: Ist es der Grad an (lückenloser) IT-Durchdringung, der
den Erfolg eines Industriebetriebs determiniert?
Nein, diese essenzielle Frage lässt sich nicht während eines
Rundgangs von einem Experten befriedigend beantworten. Für
die Beantwortung einer solch schwierigen Frage verlassen
sich Wissenschaftler wie auch Kandidaten bei Günther Jauch
für gewöhnlich auf einen Publikumsjoker. Zum Glück steht in
diesem Fall die geballte Kompetenz von ca. 400 Experten aus
industriellen Betrieben zur Verfügung.
Und wie lautet deren Antwort? Jawohl, es gibt eine Vielzahl
an Unternehmen unterschiedlicher Unternehmensgrößen und
Branchen, die den Weg zum betriebswirtschaftlichen Erfolg in
der Einführung einer Vielzahl an Informations- und
Kommunikationssystemen sehen. Alle Bereiche und alle
Funktionen erhalten ihre Anwendung, die registriert,
informiert und ggf. agiert. Damit wähnen sich diese
Unternehmen in guter Tradition zu Smith, Ricardo und
Gutenberg: Information wird - wenn die Banken kriseln und
das Kapital knapper wird - zum entscheidenden
Produktionsfaktor.
Was das Einloggen einer Antwort allerdings erschwert, ist
die Tatsache, dass es erstaunlicherweise in unserem Publikum
eine weitere, nicht unerhebliche Anzahl an Teilnehmern gibt,
die für den Einsatz weniger Anwendungssysteme votiert hat.
Nicht dieser Umstand an sich gibt zu denken, sondern
vielmehr die Feststellung, dass es genau diese Gruppe ist,
die mit der Funktion der Informationsversorgung die höchste
Zufriedenheit aufweist. Liegt der Königsweg vielleicht doch
in der Integration bereits bestehender Systeme vor der
Einführung zusätzlicher?
Wäre es tatsächlich nur eine Frage in einem Ratespiel, dann
sollte das Bauchgefühl den Ausschlag geben, diese Frage
nicht zu beantworten und die erreichte Gewinnsumme
mitzunehmen. Oder vielleicht doch auf Risiko gehen?
Da sticht auf einmal die dritte Antwortmöglichkeit ins Auge:
Ganzheitliche Konzepte statt partieller Insellösungen. Das
muss es sein. Zeichnen sich erfolgreiche Unternehmen nicht
dadurch aus, dass sie ganzheitliche Konzepte erstellen und
diese top-down im Unternehmen implementieren? Nein, zu
trivial, sagt einem wiederum das Bauchgefühl ...
Genau in diesem Augenblick unterbricht der Gesprächspartner
das gedankliche Ratespiel und holt mich zurück in die
Realität seines Unternehmens. Wir sind am Wareneingang
angekommen, und was dort zu sehen ist, erschlägt einen
förmlich: Autonome Ladungsträger befüllen und entnehmen, wie
von Geisterhand gesteuert, mit RFID getrackte Waren aus
einem Hochregallager, das für Mitarbeiter nicht mehr
zugänglich ist. Am Ausgang des Lagers werden die Tags
manuell entfernt und die Halberzeugnisse auf ein
Transportband gelegt, das sich langsam in Richtung Fertigung
bewegt.
Das ungute Gefühl, eines Tages von Archäologen ausgegraben
zu werden, bleibt. Oder trifft dies vielleicht nur für
diejenigen Betriebe zu, die partielle IT-Insellösungen
optimiert haben, weil Unternehmen, die ganzheitliche
Konzepte verfolgen, nach wie vor für Betriebsrundgänge
zugänglich sind?
Einwurf
von Heiner Lasi
Der Exhumierung entgehen
"Wenn Archäologen uns eines Tages ausgraben, werden sie eine Tafel anbringen, auf der zu lesen sein wird, dass hier am Anfang des dritten Milleniums ein Computerfachhandel ansässig war." Mit diesen Worten charakterisierte ein Geschäftsführer das Erscheinungsbild seines metallverarbeitenden Betriebs während eines Rundgangs bei einer Betriebsbesichtigung.
Und tatsächlich, kein Bereich des Unternehmens entgeht der IT-Dominanz. Kaum eine Stelle, an der nicht Sensoren registrieren, Aktoren steuernd eingreifen und große Displays über die aktuelle Produktivität informieren. Kein Wunder, verbleiben dem Betrieb doch nicht mehr als wenige Stunden von der Bestellung bis zur Anlieferung. Alles "Just in Sequence". Dem erstaunten Betrachter drängt sich - und das nicht nur in sogenannten Zeiten der Krise - die Frage auf: Kennzeichnet die IT-Dichte einen erfolgreichen Industriebetrieb? Oder vielleicht noch etwas präziser: Ist es der Grad an (lückenloser) IT-Durchdringung, der den Erfolg eines Industriebetriebs determiniert?
Nein, diese essenzielle Frage lässt sich nicht während eines Rundgangs von einem Experten befriedigend beantworten. Für die Beantwortung einer solch schwierigen Frage verlassen sich Wissenschaftler wie auch Kandidaten bei Günther Jauch für gewöhnlich auf einen Publikumsjoker. Zum Glück steht in diesem Fall die geballte Kompetenz von ca. 400 Experten aus industriellen Betrieben zur Verfügung.
Und wie lautet deren Antwort? Jawohl, es gibt eine Vielzahl an Unternehmen unterschiedlicher Unternehmensgrößen und Branchen, die den Weg zum betriebswirtschaftlichen Erfolg in der Einführung einer Vielzahl an Informations- und Kommunikationssystemen sehen. Alle Bereiche und alle Funktionen erhalten ihre Anwendung, die registriert, informiert und ggf. agiert. Damit wähnen sich diese Unternehmen in guter Tradition zu Smith, Ricardo und Gutenberg: Information wird - wenn die Banken kriseln und das Kapital knapper wird - zum entscheidenden Produktionsfaktor.
Was das Einloggen einer Antwort allerdings erschwert, ist die Tatsache, dass es erstaunlicherweise in unserem Publikum eine weitere, nicht unerhebliche Anzahl an Teilnehmern gibt, die für den Einsatz weniger Anwendungssysteme votiert hat. Nicht dieser Umstand an sich gibt zu denken, sondern vielmehr die Feststellung, dass es genau diese Gruppe ist, die mit der Funktion der Informationsversorgung die höchste Zufriedenheit aufweist. Liegt der Königsweg vielleicht doch in der Integration bereits bestehender Systeme vor der Einführung zusätzlicher?
Wäre es tatsächlich nur eine Frage in einem Ratespiel, dann sollte das Bauchgefühl den Ausschlag geben, diese Frage nicht zu beantworten und die erreichte Gewinnsumme mitzunehmen. Oder vielleicht doch auf Risiko gehen?
Da sticht auf einmal die dritte Antwortmöglichkeit ins Auge: Ganzheitliche Konzepte statt partieller Insellösungen. Das muss es sein. Zeichnen sich erfolgreiche Unternehmen nicht dadurch aus, dass sie ganzheitliche Konzepte erstellen und diese top-down im Unternehmen implementieren? Nein, zu trivial, sagt einem wiederum das Bauchgefühl ...
Genau in diesem Augenblick unterbricht der Gesprächspartner das gedankliche Ratespiel und holt mich zurück in die Realität seines Unternehmens. Wir sind am Wareneingang angekommen, und was dort zu sehen ist, erschlägt einen förmlich: Autonome Ladungsträger befüllen und entnehmen, wie von Geisterhand gesteuert, mit RFID getrackte Waren aus einem Hochregallager, das für Mitarbeiter nicht mehr zugänglich ist. Am Ausgang des Lagers werden die Tags manuell entfernt und die Halberzeugnisse auf ein Transportband gelegt, das sich langsam in Richtung Fertigung bewegt.
Das ungute Gefühl, eines Tages von Archäologen ausgegraben zu werden, bleibt. Oder trifft dies vielleicht nur für diejenigen Betriebe zu, die partielle IT-Insellösungen optimiert haben, weil Unternehmen, die ganzheitliche Konzepte verfolgen, nach wie vor für Betriebsrundgänge zugänglich sind?
Dr. Heiner Lasi Universität Stuttgart Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik 1 Keplerstr. 17 70174 Stuttgart lasi@wi.uni-stuttgart.de www.wi.uni-stuttgart.de