Mein fünfjähriger Enkel Nico kann noch nicht schreiben und lesen, ist
aber ein Crack am Computer, soweit es sich um Spiele handelt. Mit
Begeisterung fährt er "Rennboot", wobei er das Boot etwas zappelig aus
dem Liegeplatz bugsiert, dann losjagt, halsbrecherisch an verschiedenen
Bojen vorbeifährt, sich mit wilden Lenkmanövern (bei denen spätestens
Oma über Bord gegangen wäre) vor überraschend von der Seite
auftauchenden Schnellbooten rettet und schließlich in wildem Tempo eine
Rampe ansteuert, über die er programmgemäß schießen muss, ehe er
abdrehen und in den Hafen zurückkehren darf. In der Realität wäre das
Boot in tausend Stücke zerfetzt, er kriegt aber immer noch gerade die
Kurve, sieht mich am Ende glücklich an und brüllt: "Oma, ich habe
gewonnen, ich habe gewonnen!!!"
Was lernt er dabei? Das Führen eines Rennboots weniger als die
spielerische Bewegung in einer virtuellen Welt. Er wird es brauchen,
denn es gibt keinen Weg zurück, "electronic devices" umgeben uns
überall, nicht nur im Flugzeug, wo wir sie nicht gebrauchen dürfen. Wie
bei allen Instrumenten können sie zu Segen und Fluch werden. Wikileaks
entpuppt sich gerade als eine Waffe besonderer Art.
Was es für die Entwicklung von Lernfreude und die Partizipation am Leben
und Fortschritt bedeutet, auf Knopfdruck über Informationen und Bilder
zu verfügen, sich an realen oder virtuellen Orten umzusehen, kann nur
der einschätzen, der für seine Informationsgewinnung früher noch zu den
schweren Brockhaus-Bänden in der untersten Regalreihe greifen musste.
Fand man nach längerem Blättern auch das Stichwort, wurde die Frage
durchaus nicht immer befriedigend beantwortet, denn alle Verweise
deuteten zurück auf altes Wissen.
Das Überangebot an Infos, News und Action, mit dem wir heute
konfrontiert sind, ließe sich nicht mehr zwischen Buchdeckeln
verschließen. Dies ist die Kehrseite; die Auswüchse kennen wir alle - zu
einer verantwortungsvollen und überlegten Nutzung neuer technischer
Möglichkeiten führt immer nur ein steiniger Weg.
Die Wissensexplosion und die zunehmende Komplexität der Arbeits- und
Produktionsprozesse machen es immer schwieriger, beruflich auf der Höhe
des state of the art zu sein. Die berufliche Bildung steht vor der
Herausforderung, in immer kürzerer Zeit immer wieder neue Sachverhalte
Jugendlichen mit mäßigen Lernvoraussetzungen zu vermitteln.
Nehmen wir ein naheliegendes Beispiel: das Haus, in dem wir leben. Im
Bereich der Gebäudeautomation werden Abläufe und Wirkungen heute schon
nur noch von Fachleuten verstanden. Politische Vorgaben zum Klimaschutz
erfordern zusätzliche Maßnahmen im Bereich der Wärmedämmung und den
Einsatz erneuerbarer Energien. Nur mit intelligenter, vernetzter
Steuerung sind diese Vorgaben noch zu realisieren. Wie aber sollen
Parametrierung und Steuerung erprobt und erlernt werden, wenn die
Steuerungssysteme im Gebäude unzugänglich, in ihrer Komplexität nicht
darstellbar und für "Übungseingriffe" nicht geeignet sind?
Hier bieten die neuen Medien mit dem Angebot virtueller Lernumgebungen
einen rettenden Ausweg. In didaktisch aufbereiteten Modellen wird die
komplexe Realität auf einzelne Komponenten reduziert und
nachvollziehbar. Durch Simulation der unterschiedlichen Wirkungsketten
werden sonst unzugängliche Abläufe einsehbar. Dynamische Prozesse werden
in virtuellen Funktionsbildern dargestellt und steuerbar.
Systemeingriffe, die im realen Gebäudesystem nicht durchführbar wären,
sind hier möglich. Sie erlauben Experimente und Korrekturen, sodass
sogar aus Fehlern ohne Schaden für die Systeme gelernt werden kann. Das
Fachwissen und das Verständnis der Aufgabenstellung können durch weitere
Hilfen aus dem Netz gefördert werden, indem der Lernende jederzeit über
Internet oder ein spezielles Content-Management-System auf
Informationen, Ablaufdiagramme, Herstellerdaten, Normen und gesetzliche
Regelungen zugreifen kann. Diese Informationen stehen nicht nur bei
Schulungen, sondern auch über mobile Endgeräte dem Kundendienst- oder
Facharbeiter just in time bei der Arbeit vor Ort zur Verfügung.
Die Erstellung komplexer virtueller Lernprogramme ist zeit- und
kostenaufwendig. Über Lernplattformen können diese Lernprogramme einem
breiten Nutzerkreis zur Verfügung gestellt werden, und sie tragen dazu
bei, technische Innovationen zeitnah in die betriebliche Praxis zu
implementieren.
Diese Entwicklungen werden selbstverständlicher Bestandteil der
beruflichen Aus-und Weiterbildung werden. Wer schon mit fünf Jahren mit
seinem virtuellen Rennboot über die Untiefen seines Nichtwissens wegjagt
und tolle Erfolge am PC erlebt, wird auch als junger Erwachsener die
neuen Medien in seinem Berufsleben mit Erfolg nutzen.
Christine Noske M.A.Leiterin des Arbeitsbereichs "Überbetriebliche Berufsbildungsstätten - regionale Strukturentwicklung"Bundesinstitut für BerufsbildungRobert-Schuman-Platz 353175 Bonnnoske@bibb.dewww.bibb.de
Einwurf
von Christine Noske
Mein fünfjähriger Enkel Nico kann noch nicht schreiben und lesen, ist aber ein Crack am Computer, soweit es sich um Spiele handelt. Mit Begeisterung fährt er "Rennboot", wobei er das Boot etwas zappelig aus dem Liegeplatz bugsiert, dann losjagt, halsbrecherisch an verschiedenen Bojen vorbeifährt, sich mit wilden Lenkmanövern (bei denen spätestens Oma über Bord gegangen wäre) vor überraschend von der Seite auftauchenden Schnellbooten rettet und schließlich in wildem Tempo eine Rampe ansteuert, über die er programmgemäß schießen muss, ehe er abdrehen und in den Hafen zurückkehren darf. In der Realität wäre das Boot in tausend Stücke zerfetzt, er kriegt aber immer noch gerade die Kurve, sieht mich am Ende glücklich an und brüllt: "Oma, ich habe gewonnen, ich habe gewonnen!!!"
Was lernt er dabei? Das Führen eines Rennboots weniger als die spielerische Bewegung in einer virtuellen Welt. Er wird es brauchen, denn es gibt keinen Weg zurück, "electronic devices" umgeben uns überall, nicht nur im Flugzeug, wo wir sie nicht gebrauchen dürfen. Wie bei allen Instrumenten können sie zu Segen und Fluch werden. Wikileaks entpuppt sich gerade als eine Waffe besonderer Art.
Was es für die Entwicklung von Lernfreude und die Partizipation am Leben und Fortschritt bedeutet, auf Knopfdruck über Informationen und Bilder zu verfügen, sich an realen oder virtuellen Orten umzusehen, kann nur der einschätzen, der für seine Informationsgewinnung früher noch zu den schweren Brockhaus-Bänden in der untersten Regalreihe greifen musste. Fand man nach längerem Blättern auch das Stichwort, wurde die Frage durchaus nicht immer befriedigend beantwortet, denn alle Verweise deuteten zurück auf altes Wissen.
Das Überangebot an Infos, News und Action, mit dem wir heute konfrontiert sind, ließe sich nicht mehr zwischen Buchdeckeln verschließen. Dies ist die Kehrseite; die Auswüchse kennen wir alle - zu einer verantwortungsvollen und überlegten Nutzung neuer technischer Möglichkeiten führt immer nur ein steiniger Weg.
Die Wissensexplosion und die zunehmende Komplexität der Arbeits- und Produktionsprozesse machen es immer schwieriger, beruflich auf der Höhe des state of the art zu sein. Die berufliche Bildung steht vor der Herausforderung, in immer kürzerer Zeit immer wieder neue Sachverhalte Jugendlichen mit mäßigen Lernvoraussetzungen zu vermitteln.
Nehmen wir ein naheliegendes Beispiel: das Haus, in dem wir leben. Im Bereich der Gebäudeautomation werden Abläufe und Wirkungen heute schon nur noch von Fachleuten verstanden. Politische Vorgaben zum Klimaschutz erfordern zusätzliche Maßnahmen im Bereich der Wärmedämmung und den Einsatz erneuerbarer Energien. Nur mit intelligenter, vernetzter Steuerung sind diese Vorgaben noch zu realisieren. Wie aber sollen Parametrierung und Steuerung erprobt und erlernt werden, wenn die Steuerungssysteme im Gebäude unzugänglich, in ihrer Komplexität nicht darstellbar und für "Übungseingriffe" nicht geeignet sind?
Hier bieten die neuen Medien mit dem Angebot virtueller Lernumgebungen einen rettenden Ausweg. In didaktisch aufbereiteten Modellen wird die komplexe Realität auf einzelne Komponenten reduziert und nachvollziehbar. Durch Simulation der unterschiedlichen Wirkungsketten werden sonst unzugängliche Abläufe einsehbar. Dynamische Prozesse werden in virtuellen Funktionsbildern dargestellt und steuerbar.
Systemeingriffe, die im realen Gebäudesystem nicht durchführbar wären, sind hier möglich. Sie erlauben Experimente und Korrekturen, sodass sogar aus Fehlern ohne Schaden für die Systeme gelernt werden kann. Das Fachwissen und das Verständnis der Aufgabenstellung können durch weitere Hilfen aus dem Netz gefördert werden, indem der Lernende jederzeit über Internet oder ein spezielles Content-Management-System auf Informationen, Ablaufdiagramme, Herstellerdaten, Normen und gesetzliche Regelungen zugreifen kann. Diese Informationen stehen nicht nur bei Schulungen, sondern auch über mobile Endgeräte dem Kundendienst- oder Facharbeiter just in time bei der Arbeit vor Ort zur Verfügung.
Die Erstellung komplexer virtueller Lernprogramme ist zeit- und kostenaufwendig. Über Lernplattformen können diese Lernprogramme einem breiten Nutzerkreis zur Verfügung gestellt werden, und sie tragen dazu bei, technische Innovationen zeitnah in die betriebliche Praxis zu implementieren.
Diese Entwicklungen werden selbstverständlicher Bestandteil der beruflichen Aus-und Weiterbildung werden. Wer schon mit fünf Jahren mit seinem virtuellen Rennboot über die Untiefen seines Nichtwissens wegjagt und tolle Erfolge am PC erlebt, wird auch als junger Erwachsener die neuen Medien in seinem Berufsleben mit Erfolg nutzen.
Christine Noske M.A. Leiterin des Arbeitsbereichs "Überbetriebliche Berufsbildungsstätten - regionale Strukturentwicklung" Bundesinstitut für Berufsbildung Robert-Schuman-Platz 3 53175 Bonn noske@bibb.de www.bibb.de