Glossar

zum Schwerpunktthema Application Management

Glossar zu HMD 278, erschienen im April 2011.

A

Anwendungsbetrieb (Applikationsbetrieb, Betrieb)
Dieser Oberbegriff bezeichnet den zweiten Abschnitt im Anwendungslebenszyklus, der auf die Entwicklung einer Anwendung folgt und in den Aufgaben der Anwendungswartung fallen. In einem engeren Sinne versteht man darunter die tatsächliche Durchführung und Steuerung derjenigen Aufgaben, die notwendig sind, um ein Anwendungssystem den intendierten Nutzern dieses Systems operativ bereitzustellen und diese Bereitstellung auf einem vereinbarten Niveau zu garantieren (Phase "Operate" im Anwendungslebenszyklus). (HMD 278)
Anwendungslandschaft (Applikationslandschaft)
Ein dem Anwendungsportfolio ähnlicher Begriff zur Bezeichnung des Bestandes an Anwendungen eines Unternehmens, der allerdings weniger stark auf die Bewertung nach entscheidungsrelevanten Kriterien abhebt, sondern eher auf die fachlich-inhaltlichen oder technischen Abhängigkeiten innerhalb der Gesamtheit sich in Betrieb befindlicher Anwendungen eines Unternehmens abzielt. (HMD 278)
Anwendungslebenszyklus (Application Lifecycle)
Der Anwendungslebenzyklus bezeichnet die Gesamtheit der Lebenszyklusabschnitte, in der sich eine Anwendung während ihrer Entstehung bis zu ihrer Ablösung befinden kann. Grob wird zwischen einer Entwicklungs- und einer Betriebsphase unterschieden, die typischerweise weiter differenziert werden: im Entwicklungsabschnitt in Anforderungen (Requirements), Entwurf (Design), Implementierung (Build) und im Betriebsabschnitt in Auslieferung (Deploy), Betrieb i.e.S. (Operate) und Optimierung (Optimize). Der Zyklus endet mit der Ablösung bzw. Ausphasung (Retire). Es wird deutlich, dass insbesondere der Begriff Anwendungsbetrieb unterschiedlich verwendet werden kann. (HMD 278)
Anwendungsportfolio (Applikationsportfolio)
In Analogie zum Projektportfolio versteht man unter einem Anwendungsportfolio einen systematisch geordneten Bestand an Anwendungen eines Unternehmens. Die Anwendungen können sich in unterschiedlichen Lebenszyklusphasen befinden und werden in der Regel nach verschiedenen Kriterien systematisiert und bewertet, um Entscheidungsprozesse bzgl. der langfristigen Gestaltung des Anwendungsportfolios zu unterstützen. (HMD 278)
Anwendungswartung (Applikationswartung, Wartung)
Gemäß IEEE 1219-98 und ISO/IEC 14764-2006 bezeichnet man als Wartung die Veränderung eines Softwareprodukts oder einer Komponente nach Auslieferung an den Kunden oder Nutzer - z.B. zwecks Fehlerbehebung, Leistungssteigerung oder Anpassungen an eine veränderte Umgebung. Diese traditionelle Auffassung bezieht sich primär auf selbst erstellte Individualsoftware oder auf Standardsoftware eines externen Anbieters, die dieser eigenverantwortlich zu warten hat. Typischerweise unterscheidet man grob zwischen korrigierender Wartung, bei der es um die Behebung tatsächlich aufgetretener (korrigierende Wartung i.e.S.) oder um die Vermeidung sich abzeichnender Probleme (präventive Wartung) geht, und verbessernder Wartung. Verbessernde Wartung in Form adaptiver Wartung sorgt dafür, dass Software trotz sich ändernder Umweltbedingungen (z.B. Plattformwechsel) nutzbar bleibt, und in Form perfektionierender Wartung, dass Leistungssteigerungen z.B. in Performance, Usability, Dokumentationsqualität und anderen Qualitätsmerkmalen erzielt werden. Strittig ist, ob zu Wartung neben diesen funktionserhaltenden Maßnahmen auch echte Funktionserweiterungen hinzuzuzählen sind, was man heute tendenziell aufgrund der schwierigen Abgrenzbarkeit bejaht.
In der Praxis ist es üblich, den Begriff durchaus noch weiter zu fassen: Aus der Perspektive einer unternehmensinternen Wartungsorganisation kann man allgemeiner unter Anwendungswartung sämtliche Aufgaben verstehen, die sicherstellen, dass für eine oder mehrere Anwenderorganisationen funktionsfähige und betriebsbereite Applikationen zur Unterstützung von Geschäftsprozessen kontinuierlich nach deren erstmaliger Einführung bereitgestellt werden. Damit stellt die Anwendungswartung ein wichtiges Teilgebiet des Application Managements dar und arbeitet in enger Verzahnung mit dem Anwendungsbetrieb. (HMD 278)
Application (Lifecycle) Management (Anwendungsmanagement, A(L)M)
Das Application Management (AM) zielt auf eine Verzahnung von Anwendungsentwicklung, Anwendungswartung und Anwendungsbetrieb und umfasst demzufolge alle Aufgaben entlang des gesamten Anwendungslebenszyklus. Anwendungen werden jedoch nicht isoliert geplant und entwickelt, sondern sind in die gesamte Anwendungslandschaft zu integrieren. Die einzelnen Anwendungen sind hinsichtlich der funktionalen Abdeckung und der Unterstützung von Prozessen abzustimmen und auch in die bestehende Infrastruktur zu integrieren. Dieses Management des Anwendungsportfolios wird in einem weitgefassten Verständnis ebenfalls als ein Bestandteil des AM betrachtet.
In der Praxis ist bisweilen eine etwas engere Nutzung des Begriffes zu beobachten, die AM den Aufgaben zeitlich nach der Entwicklung zuordnet und in Abgrenzung dazu von Application Lifecycle Management (ALM) spricht, wenn es tatsächlich um den gesamten Lebenszyklus geht. Diese Begriffsbildung ist auf die große Verbreitung von Standardsoftware zurückzuführen, die dazu führt, dass die Phase der Anwendungsentwicklung zunehmend aus dem Verantwortungsbereich der Anwenderorganisation fällt und damit im betrieblichen Anwendungsmanagement faktisch ausschließlich Aufgaben der Betriebsphase verbleiben.
Im vorliegenden Heft werden die Begriffe synonym verwendet. Verschiedene Autoren präferieren ALM, insbesondere dann, wenn es ihnen ganz ausdrücklich darum geht, den Lebenszyklusaspekt hervorzuheben, andere hingegen favorisieren die kompaktere Wortbildung. (HMD 278)
Application Services Library (ASL)
Die Arbeiten zur ASL entstanden Ende der 90er-Jahre in den Niederlanden, wurden mit der Gründung der ASL Foundation 2002 als Public Domain zur Verfügung gestellt und existieren seit 2009 in der Version ASL 2. Wie bereits durch den Namen deutlich wird, stellt die ASL das Application Management in das Zentrum ihrer Beschreibung. ITIL und ASL sind komplementäre Frameworks. Während ITIL üblicherweise auf allgemeine Servicemanagementprozesse angewandt wird, wurde die ASL für die Prozesse des Application Managements, die ITIL nicht in der Tiefe behandelt, entwickelt. Organisationen können sich nach dem niederländischen Standard NEN 3434 auditieren lassen. Eine weitreichendere internationale Standardisierung auf ISO-Ebene ist bislang nicht gelungen. (HMD 278)

B

Bebauungsplan (Bebauungsdiagramm)
Der Bebauungsplan ist eine in der Regel zweidimensionale Visualisierung einer Anwendungslandschaft, die die Abdeckung (Bebauung) der Elemente beider Dimensionen mit Anwendungen veranschaulicht. Ein typischer Bebauungsplan kann beispielsweise auf den Dimensionen Geschäftsprozess und Organisationseinheit basieren und aufzeigen, welche Anwendungen welche Prozesse unterstützen und in welchen Organisationseinheiten genutzt werden. Neben Anwendungen sind prinzipiell auch andere Bebauungsobjekte (z.B. Datenbanken, Services) möglich. (HMD 278)

D

Demand Management (DM)
DM bezeichnet einen Prozess, der an der Schnittstelle zwischen Fachbereich und IT angesiedelt ist. Er wird durch Geschäftsanforderungen ausgelöst und sorgt für Prüfung, Bündelung und Abbildung dieser auf technische Lösungsmöglichkeiten.
Abgrenzungsschwierigkeiten ergeben sich in Richtung des Anforderungsmanagements, das etwas enger gefasst wird, weil es Anforderungen an Softwaresysteme adressiert. Beim DM-Prozess ist noch nicht klar, ob eine Geschäftsanforderung überhaupt zu einer Anforderung an ein Softwaresystem führt. Wenn dies so sein sollte, entsteht daraus im Falle von größeren Änderungsanforderungen, die Neuentwicklungen oder Erweiterungen erfordern, eine Aufgabenstellung für das Anforderungsmanagement und im Falle von eher kleineren technischen Änderungsanforderungen ein Change-Management-Prozess. Die Abgrenzung zwischen Demand Management und Change Management im Sinne von ITIL basiert darauf, dass es beim Change Management um die Abwicklung einer Änderungsanforderung im Kontext einer aktuell betriebenen Anwendungslandschaft und der darunter liegenden Infrastruktur geht.
Die zunehmende Bedeutung des Demand Managements ist aus Perspektive des Outsourcings besonders gut nachvollziehbar. Sind sowohl Anwendungsentwicklung als auch Anwendungsbetrieb ausgelagert, fallen damit die Aufgaben des Anforderungsmanagements und des Change Managements aus dem Aufgabenbereich des auslagernden Unternehmens an seine Dienstleister. Ein funktionierender DM-Prozess muss aber von der sogenannten Retained Organisation weiterhin abgebildet werden. (HMD 278)

R

Retained Organisation
Auch bei totalem Outsourcing eines Bereiches oder Prozesses verbleibt in der Regel eine kleine Organisationseinheit, die sogenannte Retained Organisation, im Unternehmen, die völlig neu organisiert werden muss, um an der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Dienstleister vornehmlich Steuerungs- und Koordinationsaufgaben wahrnehmen zu können. Ein typischer Aufgabenbereich der Retained Organisation ist das Demand Management. (HMD 278)

U

Unternehmensarchitektur (UA, Enterprise Architecture, EA)
Eine UA beschreibt die grundlegende Struktur eines Unternehmens bzw. seines Informationssystems (soziotechnisches System, das Informationen verarbeitet). Da Unternehmensarchitekturen sehr umfangreich und komplex sein können, unterschiedlichen Zielen dienen und von unterschiedlichen Nutzern verwendet werden, ist es sinnvoll, verschiedene Ebenen einer UA oder verschiedene Sichten auf diese zu bilden. Aufeinander abgestimmte Systeme zur Bildung von Teilarchitekturen werden in Architekturframeworks definiert. In einer sehr groben Differenzierung besteht eine UA z.B. aus den Teilarchitekturen Geschäfts- und IT-Architektur. (HMD 278)
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